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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 8 / Ansichten

Westen nie zufrieden

Europäische Gasimporte aus Russland
Von Reinhard Lauterbach
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Das russische Unternehmen kann anscheinend nur alles falsch machen (Verdichterstation Slawjanskaja, 27.7.2021)

Natürlich war es naiv anzunehmen, die USA hätten sich damit abgefunden, dass Nord Stream 2 trotz ihrer Sanktionsdrohungen fertiggebaut wurde. Ob die scheidende Kanzlerin Angela Merkel so gutgläubig war, mag sie ihren Memoiren anvertrauen. Klar ist, dass sie sich mit ihrer Zusage, sich dafür einzusetzen, dass Russland »das Gas nicht zur Erpressung der Ukraine einsetzt«, erpressbar gemacht hat. Denn plötzlich soll alles, wovon die Ukraine sich erpresst oder – das ist auch ein terminologischer Fortschritt – bedroht fühlt, zur handlungsleitenden Maxime Berlins werden.

Zum Beispiel die russischen Truppenverlegungen, die wohlgemerkt innerhalb des eigenen Landes stattfinden. Wenn russische Soldaten in 250 Kilometer Entfernung von der ukrainischen Grenze ein Beweis für bedrohliche Absichten sein sollen, was soll man dann von den NATO-Truppen im Baltikum und in Polen sagen? Ach so, die »schrecken nur ab«. Und selbst wenn diese Truppen eine Warnung an die Ukraine sein sollen – wer hat denn entgegen den Minsker Waffenstillstandsvereinbarungen neue Drohnen über der Front im Donbass eingesetzt? Das waren keine 250 Kilometer von der russischen Grenze. Wenn Kiew argumentiert, es habe auf eigenem Territorium agiert, untergräbt es das Argument, mit dem es Stimmung gegen die russischen Militärlager macht.

Die USA setzen an der Energiefront alles daran, Russland in der Falle seiner Geographie zu halten, weil sie beim Versuch, eigenes Frackinggas auf den europäischen Markt zu drücken, in der Falle der eigenen Geographie stecken: Einer, die den Transport von Flüssiggas in Tankern erzwingt, weil sich Pipelines über die Distanz nun einmal nicht rechnen und dies den US-Rohstoff um konkurrenzentscheidende 20 Prozent verteuert. Dafür soll Russland bei seinen Exporten abhängig von feindselig eingestellten Transitländern wie der Ukraine bleiben und über die Transitgebühren explizite Gegner alimentieren.

Nicht einmal dann kann es Russland den Gasatlantikern recht machen: Wenn es exportiert, erhöht es die »Energieabhängigkeit der EU«. Wenn es sich die Freiheit jedes Warenbesitzers nimmt und nicht zu jeden Bedingungen liefert, dann »erpresst es Europa«. Dabei ist bekannt, dass Russland seine langfristigen Gasverträge auf den Kubikmeter genau einhält und jetzt sogar die Lieferungen erhöht hat – obwohl das Gasprom ökonomisch schadet. Dass endlich Wladimir Putin persönlich diese Liefererhöhung angeordnet hat, zieht gebetsmühlenartig den »Beweis« nach sich, dass Gasprom ein »politisiertes Unternehmen« sei, denn ein kapitalistischer Konzern ließe sich ja nicht politisch vorschreiben, wen er womit zu beliefern hat. Da nimmt sich jede US-Firma heraus, Tanker mit einer Ladung für Europa nach Japan umzudirigieren, weil da mehr zu verdienen ist. Aber kaum verhält sich Gasprom auch mal kapitalistisch und liefert mehr nach Asien als nach Europa, macht es alles falsch.

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