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Aus: Ausgabe vom 09.11.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Big Player unter Druck

Leipzig: Protest bei Domino’s Pizza. Basisgewerkschaft FAU sagt Marktführer Kampf an und befindet sich damit in einer ungewöhnlichen Koalition
Von Marco Bras dos Santos
Betriebsgruppe Domioeffekt - Foto Marco Bras dos Santos.jpeg
Syndikalistische Aktivisten machen Druck, nicht nur moralischen (Leipzig, 7.11.2021)

Dicke Regenwolken ziehen auf. Über 150 Basisgewerkschafter versammeln sich Sonntag nachmittag vor einer Domino’s-Pizza-Filiale in der Leipziger Südvorstadt. Sie halten Schilder und Transparente in die Höhe, tragen grellfarbene Signalwesten und skandieren: »Shame on Domino’s!«

In dem aufregten Gewimmel sticht Max Fuchs ins Auge. Interessiert blickt er durch seine eckige Brille und lächelt, während er der Kamerafrau vom MDR bei der Arbeit zusieht. Er ist Pressesprecher des Leipziger Ablegers der Basisgewerkschaft Freie Arbeiterunion, kurz: FAU. Anfang des Jahres hatte sich dort die Betriebsgruppe »Dominoeffekt« gegründet, um für bessere Jobbedingungen bei dem Pizzalieferanten zu kämpfen. »Auslöser für den Protest sind unbeglichene Lohnansprüche von vier ehemaligen Beschäftigten sowie der Vorwurf, die Effekt GmbH würde gesetzliche Mindeststandards unterlaufen«, steht in dem Protestaufruf, den Aktivisten während der Auftaktkundgebung eifrig verteilen. Die Effekt GmbH ist Franchisenehmerin des deutschen Marktführers Domino’s. Ferner prangerten die Demonstrierenden Einschüchterungsversuche seitens der Geschäftsleitung aufgrund gewerkschaftlichen Engagements an.

Bereits im März des Jahres stand Fuchs in einem MDR-»Investigativ«-Beitrag mit dem Titel »Radikaler Kampf um Löhne« vor der Kamera. Seinerzeit ging es ebenfalls um nicht bezahlte Löhne, die aufgrund des damaligen Protestes dann doch umgehend gezahlt wurden. Aufschlussreich ist in diesem Beitrag Fuchs’ Aussage: »Die FAU greift in ihren Arbeitskämpfen nicht auf physische Gewalt zurück. Unsere Kampfmittel sind gegenseitige Solidarität und öffentlichkeitswirksame Aktionen, die auch ganz ohne Gewalt den einen oder anderen Boss schon in die Knie gezwungen haben.«

Der Konkurrenz von Domino’s Pizza sind die erfolgreichen basisgewerkschaftlichen Interventionen nicht entgangen. Einer der Rivalen heißt Karsten Freigang. Er war bis 2018 CEO von Domino’s und ist seit Anfang des Jahres Managing Director von »New York Pizza«. Und nicht zuletzt hat Freigang ambitionierte Pläne. »Wir sind uns sicher, dass wir im Laufe des nächsten Jahres zur Nummer zwei auf dem deutschen Markt werden könnten«, sagte er Ende Oktober in einem Interview mit T-online. Ein Ziel, das durchaus mit garantierten Beschäftigungsverhältnissen einhergehe. Freigang: »Ich bin schon länger im Geschäft und habe das schon früher so gesehen: Viele Lieferunternehmen machen zu Beginn den Fehler, nicht von Anfang an für vernünftige Arbeitsbedingungen zu sorgen«. Ein schlechtes Betriebsklima führt zu negativen Schlagzeilen und firmeninternen Konflikten. Deshalb: »Bei uns werden die Menschen ordentlich bezahlt«

Bessere Jobs, höhere Löhne, weniger Stress in der Branche der Pizzamacher samt Lieferservice. Es scheint fast so, als ob sich die örtliche FAU mit »New York Pizza« in einer ungewöhnlichen Koalition befinden würde. Ein Eindruck, der sich nach dem MDR-Beitrag für einige Beobachter ergeben hatte. Basisgewerkschafter Fuchs hält sich auf jW-Nachfrage zurück. Er vertrete hier lediglich die Betriebsgruppe und könne nicht für die FAU sprechen. Zweifel an der Konfliktfähigkeit will er dann doch nicht aufkommen lassen: »Sicher sind wir dazu in der Lage, auch der Nummer zwei auf die Finger zu schauen. Da bringt die beste Standortwahl nichts«.

Und die Gegenseite? Die Franchisenehmerin Effekt GmbH wollte sich zu den Vorwürfen der FAU-Betriebsgruppe »Dominoeffekt« gegenüber jW nicht äußern. Während der Kundgebung blieb die Filiale geschlossen. Im Anschluss war eine Demonstration zu einer weiteren Domino’s- Zweigstelle im südlicher gelegenen Stadtteil Connewitz geplant. Ebenfalls ein Betrieb der Effekt GmbH. Die strengen Coronaauflagen verhinderten den Aufzug kurzfristig. Eine klare Ansage gab es aber noch: »Durch die erfolgreichen Arbeitskämpfe der letzten Monate haben die Beschäftigten an Selbstbewusstsein gewonnen«, betonte Fuchs in einem Abschlussstatement. Und: Betrügereien der Bosse würden sich die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bieten lassen.

Nur, was macht der potentielle Verbündete aus der Branche, plant der Newcomer »New York Pizza« auch Niederlassungen in Leipzig? Fuchs lächelt. »Wir sollten Schluß machen. Es fängt gleich an zu regnen.«

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