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Aus: Ausgabe vom 08.11.2021, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Symbolische Scharmützel

Südtiroler Sportler werden immer wieder vom Nationalismus eingeholt
Von Gabriel Kuhn
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Hochdeutsch ist nicht sein Ding, Koffeinbrause hoffentlich auch nicht: Jannik Sinner (Wien, 27.10.2021)

Beim ATP-Turnier der Tennisprofis in Wien Ende September waren neben den Bänken der Spieler Bildschirme mit aufmunternden Slogans angebracht. »Let’s go Frances« für den US-Amerikaner Frances Tiafoe, »Aguante Diego« für den Argentinier Diego Schwartzman. Neben der Bank des Südtirolers Jannik Sinner stand »Auf geht’s Jannik«. Aber nur in der ersten Runde. Ab Runde zwei wurde der Slogan durch »Forza Jannik« ersetzt. Eine offizielle Erklärung gab es dafür nicht, womöglich hatte der Italienische Tennisverband interveniert. In italienischen Tennisforen im Internet zeigte man sich jedenfalls zufrieden. Das »Auf geht’s« sei »völlig unangemessen« gewesen, hieß es dort. Das »Allez Félix« neben der Bank des französischsprachigen Kanadiers Félix Auger-Aliassime schien unterdessen niemanden gestört zu haben.

Es ist ziemlich egal, was auf flackernden Bildschirmen neben den Bänken von Tennisspielern steht. Am besten wäre, es gäbe die Bildschirme gar nicht, genauso wie die Musik, die Lichtshows und die Reklame. Doch verweist das lächerliche Beispiel auf ein ernsthafteres Problem, das Südtiroler Sportler immer wieder einholt: den politischen Kampf zwischen deutsch-österreichischem und italienischem Nationalismus. Das kann zu Streitereien über »Auf geht’s« oder »Forza« führen, aber auch zu neonazistischen Bombenanschlägen und Aufmärschen faschistischer Parteien. Eine binationale Linke hat es seit jeher schwer, sich in Südtirol zu etablieren. Bis Anfang der 1970er Jahre engagierten sich die Kommunistischen Parteien Italiens und Österreichs im Namen des Selbstbestimmungsrechts der Völker für die Rechte der deutschsprachigen Minderheit. Nachdem 1972 das »Autonomiepaket« (Zweites Autonomiestatut) verabschiedet wurde, wurde der sogenannte Südtiroler Befreiungskampf zur alleinigen Sache der Rechten. Die Linke zog sich zurück.

Südtiroler Sportler vermeiden in der Regel politische Stellungnahmen, um nicht zum Spielball ideologischer Symbolpolitik zu werden. Als sich Heinz-Christian Strache, damals noch Parteivorsitzender der rechten FPÖ und österreichischer Sportminister, im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2018 um die Anwerbung Südtiroler Wintersportler bemühte, traf er bei diesen auf wenig Verständnis. »Ich bin Mitglied des italienischen Nationalteams und weiß nicht, warum ich daran etwas ändern sollte«, gab die Skirennläuferin Manuela Mölgg zu Protokoll. Die Biathletin Dorothea Wierer wurde noch deutlicher und erklärte, sich »zu hundert Prozent als Italienerin« zu fühlen.

Tatsächlich profitierte die Südtiroler Sportwelt von der Autonomieregelung. Die meisten Wintersportverbände Italiens sind in der Hand von Deutschsprachigen und Südtiroler Wintersportler als Medaillenlieferanten bei Großveranstaltungen im ganzen Land beliebt. Der Rennrodler Armin Zöggeler hält mit Medaillen bei sechs aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen (von 1994 bis 2014) gar einen einsamen Rekord.

Forderungen nach eigenen Südtiroler Sportteams dienen weniger dem Sport als politischen Propagandazwecken. Dabei wird zu interessanten Vergleichen gegriffen. 2017 blickte der damalige Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes, Jürgen Wirth Anderlan, bei einer Podiumsdiskussion in den Norden Europas: »Sehr wohl können Südtiroler Sportler bei internationalen Wettbewerben, Welt- und Europameisterschaften teilnehmen, die Färöer-Inseln haben es vorgemacht, diese haben sich die Sportautonomie erkämpft.«

Bis zur »Sportautonomie« ist es in Südtirol wohl noch ein weiter Weg. Immerhin entledigte sich der erfolgreichste Fußballverein der Region im Jahr 2000 des eher schwerfälligen Namens »FC Südtirol Alto Adige Calcio« und tritt seither schlicht als »FC Südtirol« in der Serie C an. Jürgen Wirth Anderlan dürfte es freuen.

Jannik Sinner gibt seine Interviews am liebsten auf Italienisch und Südtirolerisch. Hochdeutsch ist nicht sein Ding. Das kann man deuten, wie man will. Ansonsten hält es der 20jährige Weltranglistenneunte, den viele als kommende Nummer eins sehen, mit seinen Sportlerkolleginnen Manuela Mölgg und Dorothea Wierer. Von der österreichischen Presseagentur APA anlässlich des ATP-Turniers in Wien befragt, ob er gerne als Südtiroler bezeichnet werde, meinte er: »Ach, es ist mir eigentlich gleich. Ich weiß, dass ich jetzt mittlerweile ein richtiger Italiener bin, und Südtirol gehört zu Italien.« An seinem Wohnort muss Sinner sich mit solchen Fragen nicht herumschlagen. Den verlegte er vor eineinhalb Jahren nach Monaco.

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