75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 27. / 28. November 2021, Nr. 277
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 05.11.2021, Seite 7 / Ausland
Krieg im Jemen

Ansarollah rücken weiter vor

Jemen: Verstärkte Angriffe können Kämpfer nicht aufhalten. Diplomatischer Eklat im Libanon um Kritik an saudischer Kriegskoalition spitzt sich zu
Von Wiebke Diehl
7.JPG
Kämpfer der Ansarollah bereiten sich auf die Schlacht um den Distrikt Al-Dschubah vor (2.11.2021)

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann die Ansarollah (»Huthis«) das strategisch bedeutende Marib in der gleichnamigen öl- und gasreichen Provinz einnehmen werden. Scheinbar unaufhaltsam rücken ihre Kämpfer auf die nordjemenitische Stadt vor und haben vergangene Woche nach Angaben ihres Sprechers Jahja Sari die Distrikte Al-Dschubah und Dschabal Murad in der Provinz eingenommen. Im vergangenen Monat hatte die von Teilen der »internationalen Gemeinschaft« anerkannte, demokratisch aber schon seit über sechs Jahren nicht mehr legitimierte »Regierung« von Abed Rabbo Mansur Hadi bereits die Bezirke Abdijah und Harib an die Ansarollah verloren. Auch die erhebliche Intensivierung von Luftangriffen der von Saudi-Arabien angeführten Kriegskoalition konnte deren bedeutende Landgewinne in Marib und dem im Süden angrenzenden Gouvernement Schabwat nicht aufhalten.

Marib ist die letzte Hochburg der »Regierung« im ansonsten von den Ansarollah kontrollierten Norden des Landes. Die Stadt gilt als »Tor« für weitere Eroberungen im Südjemen, das unter Kontrolle des separatistischen Südübergangsrats und der »Regierung« steht. Deren Truppen und verbündete terroristische Gruppen haben um Marib Barrieren aus Schützengräben und Sandsäcken errichtet. Zudem setzen sie Landminen ein und gefährden so die drei Millionen zählende Bevölkerung der Stadt, darunter etwa eine Million Geflüchtete aus anderen Teilen des Landes. Die Luftangriffe der Kriegskoalition richten sich zudem keinesfalls nur gegen gegnerische Kämpfer, sondern fordern unverhältnismäßig häufig Opfer aus der Zivilbevölkerung, wie auch die Vereinten Nationen bestätigen. Krankenhäuser, Moscheen und Zusammenkünfte wie Hochzeiten und Beerdigungen werden regelmäßig mit Kampfjets angegriffen.

Die jemenitische »Regierung« streitet von ihr und der Militärkoalition begangene Kriegsverbrechen kategorisch ab. Am Mittwoch bestellte das »Außenministerium« den jemenitischen Botschafter im Libanon zu Konsultationen ein. Anlass waren die Äußerungen des libanesischen Informationsministers George Kordahi in einem vergangene Woche ausgestrahlten Fernsehinterview. Darin bescheinigte er den Ansarollah, ihr Land »gegen eine externe Aggression« zu verteidigen. Kordahi hatte zudem deutliche Kritik an der Kriegsallianz gegen den Jemen geübt, woraufhin Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Bahrain ihre Botschafter im Libanon am Wochenende abzogen, die libanesischen Botschafter zur Ausreise aufforderten und einen Importstopp verhängten. Am Dienstag forderten Bahrain und die VAE gar ihre im Libanon befindlichen Staatsbürger zur Ausreise auf. Am Donnerstag erhöhte auch der libanesische Ministerpräsident Nadschib Mikati den Druck auf den Minister. Er rufe Kordahi auf, sein Gewissen zu befragen, die notwendige Position einzunehmen und das nationale Interesse über alles andere zu stellen, sagte Mikati.

Derweil hat sich der UN-Sondergesandte für den Jemen, Hans Grundberg, zu Beginn der Woche zu politischen Gesprächen über den Jemenkrieg im Iran aufgehalten. Er traf dort mit Wahid Dschalalsadeh, dem Leiter des Ausschusses für nationale Sicherheit und Außenpolitik des iranischen Parlaments zusammen, und mit Ali-Asghar Khadschi, einem hochrangigen Berater des Außenministers. Laut der iranischen Nachrichtenagentur IRNA betonten die beiden iranischen Offiziellen, Teheran werde sich für eine Beendigung des Jemenkriegs einsetzen. Dschalalsadeh forderte Grundberg demnach auf, seine gesamten Bemühungen auf eine Beendigung der Blockade des Jemen, auf einen sofortigen Waffenstillstand und politische Verhandlungen zwischen allen jemenitischen Konfliktparteien zu konzentrieren.

Neben den Kriegshandlungen selbst hat die langjährige saudische Land-, Luft- und Seeblockade des schon vor dem Krieg ärmsten Landes der arabischen Welt die laut Vereinten Nationen größte humanitäre Krise unserer Zeit maßgeblich verursacht. 20,7 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen, mit vier Millionen Betroffenen hat der Jemen die meisten Binnenvertriebenen der Welt. Nach Angaben von der UN-Agentur für humanitäre Angelegenheiten, OCHA, ist die jemenitische Wirtschaft seit Beginn des Krieges um mehr als die Hälfte geschrumpft. Auch die extreme Treibstoffkrise ist vor allem auf die von Riad verhängte Blockade zurückzuführen.

Zeitung für das Recht auf Wohnen

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • »Ja, George, der Krieg im Jemen ist aussichtslos«: Plakat des li...
    03.11.2021

    Libanon vor Zerreißprobe

    Wegen Kritik am Jemen-Krieg ziehen Golfstaaten Botschafter ab und verhängen Importstopp
  • Kronprinz Mohammed bin Salman strebt »gute Beziehungen« mit dem ...
    18.05.2021

    Kehrtwende in Riad

    Saudischer Kronprinz schlägt überraschend versöhnliche Töne gegenüber Teheran an
  • Ohne Beweise gegen Moscheen und Vereine: Razzia der Polizei im B...
    06.05.2020

    Klärung gefordert

    Libanon: BRD-Botschafter von Außenministerium einbestellt. Hisbollah-Generalsekretär verurteilt Verbot in Deutschland

Mehr aus: Ausland