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Aus: Ausgabe vom 05.11.2021, Seite 1 / Titel
Arbeitermacht

Herbie auf Crashkurs

Wolfsburg: Beschäftigtenversammlung im VW-Stammwerk. Neue Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo im Schlagabtausch mit Konzernboss Herbert Diess
Von Oliver Rast
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Kollisionen: Filmreife Auftritte vor der Belegschaft in der Autostadt

Es war rappelvoll, 7.000 VW-Beschäftigte bei der internen Betriebsversammlung im Wolfsburger Stammwerk, bis zu 50.000 schauten weltweit im VW-Intranet zu. Punkt 9.30 Uhr ging es los am Donnerstag vormittag. Zwei Stunden Rededuelle folgten. Der Anlass: Produktionsausfälle und Branchenwandel – und nicht zuletzt die Drohkulisse von Vorstandschef Herbert Diess, 30.000 weitere Jobs vernichten zu wollen. Den Auftakt machte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan-Peter Weil. Das Land ist schließlich Anteilseigner bei der Volkswagen AG. Der Sozialdemokrat beschwor den Schulterschluss mit Konzern und Belegschaft, man stehe Seite an Seite. Standardformeln, geschenkt.

Dann, Spannung pur, betrat Daniela Cavallo das Rednerpult. »Standing Ovations, tausendfach, Daniela war sichtlich ergriffen«, sagte ein Teilnehmer am Donnerstag im jW-Gespräch. Ihr erster Bühnenauftritt als neue Vorsitzende des Betriebsrats (BR). Cavallo hatte erst im Mai ihren langjährigen Vorgänger Bernd Osterloh abgelöst, der – wie passend – als Personalvorstand zur Nutzfahrzeugtochter Traton gewechselt war. Cavallo gleich offensiv: Diess' Gerede über Stellenstreichungen sei »inhaltlicher Unfug«, kritisierte sie. »Hier ist nicht ein Mensch zuviel an Bord. Nicht eine Stelle können Sie zusätzlich mit uns verhandeln.« Worauf die BR-Chefin offenbar anspielt: Mit Abschluss des »Zukunftspakts« im Jahr 2019 hatte der BR dem »Abbau« von 14.000 Arbeitsplätzen zugestimmt.

Extra Zündstoff gab es bereits im Vorfeld der Betriebsversammlung. Einige Gazetten spekulierten, Beschäftigtenvertreter hätten dem VW-Boss kürzlich im Aufsichtsrat das Misstrauen ausgesprochen. Offiziell bestätigt ist das nicht. Unabhängig davon, der Stunk hat einen Grund: Diess wollte die Betriebsversammlung für eine Plauderei bei US-Investoren schwänzen. Cavallo reagierte prompt, verurteilte öffentlich seine Ignoranz, Wall-Street-Broker der Belegschaft vorzuziehen. Auf den Vertrauensbruch ging Cavallo in ihrer Rede nicht direkt ein – auf Konfrontationskurs blieb sie: »Ich habe keine Lust, mich weiter auf Zusagen des Konzernvorstands zu verlassen, die am Ende eh nicht eingehalten werden.« Applaus brandete auf. Vorteil Cavallo.

Im Anschluss der Gastauftritt, ein Auswärtsspiel. Diess schritt zu den Mikros. Unruhe in der Halle, gepaart mit Buhrufen. Der Konzernlenker soll merklich verunsichert gewirkt haben. »Er las holprig vom Blatt ab, verhaspelte sich ab und an«, sagte der jW-Gesprächpartner. Seine Taktik – durchschaubar: beschwichtigen. Diess: »Gerade Wolfsburg ist wichtig für den Konzern, muss die Speerspitze sein.« Oder: »Der nächste Golf darf kein Tesla sein!« Ein Lacher. War es doch Diess, der unlängst mit Tesla-Chef Elon Musk per Selfie posierte. Und mehr als ein Dialogangebot in Richtung der VWler fiel Diess im Rampenlicht der Bühne nicht ein. Zu wenig. Die Betriebsratschefin legte nach, trat laut jW-Quelle nochmals vor die Belegschaft – und sagte: »Wir haben Antworten auf Zukunftsfragen erwartet, Herr Doktor Diess, Fehlanzeige!«

Einer stand noch auf dem Zettel, Flankenschutz von Jörg Hoffmann, dem Ersten Vorsitzenden der IG Metall. Wie bewertet er den Schlagabtausch der Kontrahenten? »Ein Trainer, der keinen Zugang zur Mannschaft hat, verliert das Spiel auf dem Platz«, ließ er am Donnerstag jW mitteilen. Übrigens: Es war die erste Betriebsversammlung dieser Art seit fast zwei Jahren. Der Metaller, der dabei war, betonte gegenüber dieser Zeitung: »Das stärkt die Kampfkraft, macht Mut.«

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