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Aus: Ausgabe vom 04.11.2021, Seite 15 / Medien
Streit um Moderatorin

WDR springt übers Stöckchen

Fall Nemi El-Hassan: Öffentlich-rechtlicher Sender beendet Zusammenarbeit mit Journalistin. Rechte feiert damit Erfolg von Hetzkampagne
Von Kristian Stemmler
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El-Hassan kritisiert, dass bestimmte Themen in der Debatte um ihren Fall gezielt ignoriert wurden

Für Irfan Peci dürfte es ein großer Tag gewesen sein. Der AfD-nahe Youtuber, der sich selbst im Netz »Islamistenjäger« nennt, durfte am Dienstag erleben, wie eine rassistische und antimuslimische Kampagne, die er initiiert hat, von Erfolg gekrönt wurde. Tatsächlich teilte der WDR an diesem Tag mit, dass er die Zusammenarbeit mit der deutsch-palästinensischen Journalistin und Medizinerin Nemi El-Hassan, die das Ziel von Pecis Kampagne war, nicht wieder aufnehmen wird. Damit ist der Sender, bei dem El-Hassan im November eine Stelle als Moderatorin des Wissenschaftsmagazins »Quarks« antreten sollte, endgültig über das Stöckchen gesprungen, das Peci dem WDR im Zusammenwirken mit Bild und Bild TV hingehalten hat.

Mitte September hatten das Boulevardblatt und sein neuer TV-Ableger Bilder gezeigt, die El-Hassan 2014 auf der von manchen als antisemitisch bezeichneten Al-Kuds-Demonstration in Berlin zeigten. Wie Recherchen von Zeit online später ergaben, war es Peci gewesen, der am 9. August diese Fotos zuerst veröffentlicht hatte. Für den WDR war das aber offensichtlich nicht von Belang, er trat auch an keiner Stelle der Hetze von Bild und Bild TV entgegen. Vielmehr setzte der Sender nach den Berichten zuerst die Zusammenarbeit mit ihr aus, um sie jetzt zu beenden.

Als perfide können vor diesem Hintergrund die Argumente gesehen werden, die der WDR in seiner Erklärung vom Dienstag abend für seine Entscheidung nannte. Darin heißt es, ausschlaggebend sei das Verhalten der Journalistin »in den sozialen Netzwerken und der Umgang damit gegenüber dem WDR« gewesen. Sie habe etwa Likes gelöscht, ohne den Sender zu informieren. Eine größere Rolle beim Rausschmiss dürfte aber der Gastbeitrag von El-Hassan in der Berliner Zeitung gespielt haben, der ebenfalls am Dienstag erschien und auf den der WDR gleich im ersten Satz Bezug nimmt, um dann festzustellen, dass das »Vertrauen für eine künftige Zusammenarbeit« nicht mehr vorhanden sei. Perfide ist die Begründung deshalb, weil Nemi El-Hassan mit dem Beitrag in der Berliner Zeitung lediglich ihre Recht wahrnimmt, sich gegen Hetze zu wehren, der sie seit Wochen ausgesetzt ist. Sie machte das in sachlichem Ton, schonte aber den WDR nicht, was man ihr dort offenbar übel nimmt. Sie habe »hinter den Kulissen Fragen beantworten müssen, die in erster Linie rassistische Annahmen transportierten und ein schlechtes Licht auf diejenigen in den Sendeanstalten warfen, die sie mir stellten«, schreibt sie. Der WDR habe sich, »in der Hoffnung, sich selbst aus der Schusslinie zu ziehen, allen Argumenten der Bild-Zeitung angeschlossen und somit auch zukünftigen Kampagnen Tür und Tor geöffnet«.

Berücksichtigt wurde auch nicht, dass die Kampagne gegen sie – wie die Recherchen von Zeit online zeigten – »in dezidiert rechten und rechtsextremen Foren wie der ›Honigwabe‹ und auf ›Gegenstimme.tv‹ von langer Hand vorbereitet worden war«. El-Hassan weist darauf hin, dass Irfan Peci, »einst Al-Kaida-Mitarbeiter, später V-Mann und mittlerweile rechts außen unterwegs«, nach eigener Aussage Hunderte von Videos und Fotos ausgewertet habe »auf der Suche nach Spuren von mir, um sie in genau dem Moment zu veröffentlichen, wo sie den größtmöglichen Schaden anrichten würden«. El-Hassan erläutert auch den Hintergrund dieses Vorgehens und beleuchtet damit eine Strategie rechter Netzwerke, die der breiten Öffentlichkeit unbekannt sein dürfte. Rechte würden diese Strategie »De-Islamisierung« nennen, schreibt sie: »Damit wollen sie möglichst viele Menschen muslimischen Glaubens aus der Öffentlichkeit hinausdrängen.« Verwiesen wird auf ein Video, »in dem die Rechten um Peci ihre Kampagne beseelt Revue passieren lassen«. Darin kämen diese zu dem Schluss, das »Judending« sei besonders effektiv. So nenne es einer der rechten Aktivisten, der anonym bleibt und im Netz unter dem Pseudonym »Shlomo Finkelstein« auftritt.

Gemeint ist ein Vorgehen, bei dem der Antisemitismusvorwurf gezielt im Kampf gegen Muslime instrumentalisiert werde. Treffend konstatiert El-Hassan: »Zu erwähnen, dass es den Rechten noch nie um den Schutz jüdischen Lebens ging, ist wohl so banal, wie das Gegenteil dessen zu behaupten absurd wäre – und dennoch ist es momentan notwendig.« Sie kritisiert, dass bestimmte Themen in der Debatte »gezielt ignoriert« würden. So habe es »keinen ehrlichen Diskurs« darüber gegeben, »wie sich Antisemitismus von israelkritischen Positionen abgrenzen lässt. Oder worin etwa die deutsche Verantwortung gegenüber Menschenrechtsverletzungen in Israel/Palästina besteht«.

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