75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 3. Dezember 2021, Nr. 282
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.11.2021, Seite 8 / Ansichten

Chamäleon des Tages: Hendrik Wüst

Von Michael Merz
imago0140768144h.jpg
Der doppelte Wüst

Der neue NRW-Ministerpräsident gilt weithin als unbeschriebenes Blatt. Ein Zeichen dafür, dass die Halbwertzeit für Skandalgeschichten gering ist in der heutigen Öffentlichkeit. Denn Hendrik Wüst war nicht immer der bedachtsam abwägende, smart lächelnde Sonnyboy, Traum aller Schwiegermütter, der nun den junggebliebenen Landesvater ohne Makel gibt. Herangereift im Gärbottich der Jungen Union war er einst in die Abteilung Attacke aufgestiegen, wurde Generalsekretär der Landes-CDU. Als solcher formte er die informelle »Einstein-Connection« mit – die weniger klug auftrat, als es der Name suggeriert, sich nach einem Café in Berlin-Mitte benannt hatte. »Deutsche Tugenden« und sonstigen konservativen Schmus schrieben sich diese CDUler der zweiten Reihe auf die Fahne, lange bevor es die AfD gab.

Wüsts Karriere stand dann bereits 2010 vor dem Aus, die »Rent-a-Rüttgers«-Affäre brachte ihn ins Wanken. Unternehmer hatten bis dahin Sponsorentermine mit dem Ministerpräsidenten buchen können. Ein Mini-Watergate – die Videoüberwachung der SPD-Landesvorsitzenden Hannelore Kraft im Wahlkampf – kam noch dazu.

Die erstaunliche Metamorphose des Hendrik Wüst schloss sich an, vollzogen unter dem Radar der Medien. Heute ist er der, der erklärt: »Eine Politik der Mitte beschäftigt sich nicht mit Ideologien – sondern mit der alltäglichen Realität der Menschen.« Ja, »die Mitte« und »die Menschen« nehmen Politiker gern in den Mund, wenn sie als bürgernah gelten wollen. Dass Wüst es immer noch versteht, die Strippen zu ziehen – und das sehr effektiv-unauffällig – zeigt sein eifriges Wegbeißen der innerparteilichen Konkurrenz. Und mit dem Schönwetterimage kann es auch schnell wieder vorbei sein: In NRW wird im Mai nächsten Jahres gewählt, die SPD hat wieder Oberwasser. Da werden Scharfmacher verlangt.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Mehr aus: Ansichten