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Aus: Ausgabe vom 03.11.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Pandemiemaßnahmen

»Inhaftierte dürfen jetzt wieder umarmt werden«

Veranstaltungsreihe »Aktionstage Gefängnis« zur Situation in der Pandemie. Ein Gespräch mit Daniela Blanck
Von Markus Bernhardt
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Ein Angehöriger besucht eine Gefangene und berührt eine Trennscheibe (Juni 2020 in Wittlich, Rheinland-Pfalz)

Noch bis zum 10. November finden online und in Präsenz die diesjährigen »Aktionstage Gefängnis« statt. An wen richtet sich die Veranstaltungsreihe?

Wir möchten ein breites gesamtgesellschaftliches Publikum erreichen, auf die Situation in Haft aufmerksam machen, Vorurteilen gegenüber ehemals und aktuell Inhaftierten entgegenwirken und einen kontroversen Diskurs anregen. Es geht gerade darum, auch die Menschen zu erreichen, die weder betroffen sind noch in der Justiz oder der Straffälligenhilfe arbeiten. Jedes Jahr Anfang November beleuchten wir mit den »Gefängnistagen« diesen blinden Fleck unserer Gesellschaft, zeigen Missstände sowie Unterstützungsmöglichkeiten und Verbesserungsvorschläge auf.

Wie ist es gelungen, ein derart breites Bündnis an Mitveranstaltern zu organisieren, das von linken Organisationen über den Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt bis hin zu Sozialarbeitern und Medizinern reicht?

Die »Aktionstage Gefängnis« finden in Deutschland seit 2017 statt, und seitdem wächst auch unser Bündnis. Neben den großen Institutionen, die hauptberuflich arbeiten, gibt es auch sehr engagierte Vereine, die größtenteils ehrenamtlich in unterschiedlichen Bereichen der Straffälligenhilfe tätig sind. Auch Einzelpersonen – so wie ich zum Beispiel – können sich einbringen. Das Ziel, die Lebensbedingungen von inhaftierten Menschen zu verbessern und strukturelle Missstände aufzuzeigen, vereint dieses breite Bündnis.

Im Rahmen der »Aktionstage« sollen aktuelle und grundsätzliche Fragen rund um das Thema Haft diskutiert werden. Das diesjährige Motto lautet »Kontakt, Einsamkeit, Isolation«. Da spielt sicherlich auch mit rein, wie die Coronapandemie die Situation von Inhaftierten beeinflusst hat. Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Ja, unser Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf den eingeschränkten bis unzureichenden sozialen Interaktionsmöglichkeiten in Haft. Da ist die Coronapandemie ein Thema, weil sie die bestehenden Probleme weiter verschärft hat.

Um welche Probleme handelt es sich dabei genau?

Wichtige ehrenamtliche Gruppen oder Einzelbetreuungen konnten lange nicht stattfinden, da keiner mehr rein durfte. Auch das haftinterne Freizeitprogramm lag brach. Am belastendsten für die Betroffenen waren wahrscheinlich die starken Einschränkungen der Besuchszeiten: Die ohnehin kleinen Besuchsfenster wurden noch kleiner oder ganz gestrichen. Teilweise waren persönliche Kontakte zur Familie nur mit Trennscheibe möglich. Was mich berührt hat: Vor gerade mal vier bis fünf Wochen gab es in Nordrhein-Westfalen die Meldung, dass Inhaftierte jetzt wieder von ihrem Besucher umarmt werden dürfen. Nach mehr als anderthalb Jahren Berührungsarmut! Die Einschränkungen in Haft übertreffen bei weitem die Coronamaßnahmen in Freiheit und verstärken die Einsamkeit der inhaftierten Personen. Aber noch einmal: Einsamkeit und Isolation waren auch vor der Pandemie ein Problem zahlreicher Insassen und werden es wohl leider auch nach Corona sein.

Bei einigen Veranstaltungen wird auch die Haft im allgemeinen kritisiert. Was wären denn Alternativen zur Inhaftierung in Knästen?

Darauf gibt es wahrscheinlich so viele Antworten, wie es Bündnispartnerinnen und Bündnispartner bei uns gibt. Zu Alternativen gehören beispielsweise der Täter-Opfer-Ausgleich oder gemeinnützige Arbeit. Ich persönlich halte mittlerweile viel vom Abolitionismus, also der Forderung, alle Strafanstalten als menschenunwürdige Institutionen abzulehnen und letztlich abzuschaffen, wie sie das »Manifest zur Abschaffung von Strafanstalten und anderen Gefängnissen« herausgearbeitet hat.

Unserem Bündnis geht es darum, erst mal auf Missstände und generelle Probleme des Systems Haft hinweisen.

Daniela Blanck engagiert sich im Organisationsbündnis der »Aktionstage Gefängnis« und ist seit fünf Jahren in der Straffälligenhilfe aktiv.

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