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Aus: Ausgabe vom 28.10.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Nach dem »Brexit«

»Fischereikrieg« im Atlantik

Streit um Fanglizenzen: Frankreich bereitet Maßnahmen gegen Großbritannien vor
Von Gerrit Hoekman
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Französische Fischer protestieren vor dem Hafen von St. Helier, Jersey

Paris und die EU lenken im Streit um die Fanggenehmigungen für französische Fischer vor der britischen Küste ein – zumindest teilweise. Rund 50 Lizenzen hatte Frankreich für kleinere Fischerboote beantragt, nun gibt es sich mit ungefähr einem Drittel weniger zufrieden, wie die EU-Kommission laut dpa am Dienstag mitteilte.

15 Genehmigungen sind bereits erteilt worden, bei weiteren 15 sei eine Erlaubnis noch möglich. Die EU-Kommission habe sich mit der Regierung in Paris darauf geeinigt, die Anträge für die anderen 17 Schiffe nicht weiterzuverfolgen. Diese Fischer können demnach nicht nachweisen, dass sie bereits vor dem »Brexit« in der Zone zwischen sechs bis zwölf Seemeilen vor der britischen Küste aktiv waren, wie es der Vertrag zwischen der EU und Großbritannien verlangt.

Der Verzicht gilt allerdings nicht für die Kanalinseln Jersey und Guernsey. Hier zanken Paris und London über mehr als 170 Lizenzen, von denen bis jetzt nur 66 erteilt wurden. 35 weitere sollen eventuell noch möglich sein, für 69 Boote sieht es aktuell jedoch finster aus, meldete dpa. Die Fischer könnten nicht belegen, dass sie bereits vor Jersey gefischt haben.

Das Ergebnis befriedigt Frankreich keinesfalls. »Wir wollen vor Ende Oktober Garantien von den Briten«, twitterte Seeministerin Annick Girardin am Montag. Anfang der Woche beriet Girardin mit Premierminister Jean Castex, welche Gegenmaßnahmen Frankreich ergreifen könnte, falls Jersey das Ultimatum verstreichen lässt, wovon die meisten in Paris ausgehen. »Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass es Maßnahmen geben wird«, erfuhr die Nachrichtenagentur AFP am Dienstag aus Regierungskreisen.

Die Erhöhung des Strompreises für Jersey sei im Gespräch, berichtete die französische Internetseite Marseille News am Mittwoch. Die Insel bezieht mehr als 90 Prozent ihres Stroms über Unterwasserkabel vom französischen Festland. Höhere Zölle auf britische Produkte seien eine zweite Möglichkeit, die Reduzierung der Anlandefläche für britischen Fisch in den französischen Häfen eine dritte. Allen Maßnahmen müsste die EU aber zustimmen. »Wir müssen uns an die verhältnismäßigen Sanktionen halten, um die bereits verschlechterten Beziehungen zum Vereinigten Königreich nicht noch mehr zu belasten«, zitierte Marseille News eine Quelle aus Regierungskreisen. Vor zwei Wochen hatte Paris noch damit gedroht, Jersey den Strom komplett abzudrehen.

Mehr als jede andere Branche in Frankreich leiden die Fischer unter dem »Brexit«. Für sie, die meistens nur ein oder zwei kleine Boote besitzen, geht es um die nackte Existenz. Das Nationale Komitee der Seefischer (CNPMEM) warnt, dass die Fischer langsam ungeduldig werden. »Die erzielten Fortschritte sind viel zu zaghaft und vor allem viel zu langwierig«, erklärte der Verband laut France 24 am Sonnabend. Die Stimmung drohe zu kippen. »Wir müssen entschlossen sein und Zölle gegen sie erhöhen«, forderte Dominique Thomas, der Chef der Interessenvertretung der Fischer in Roscoff, Bretagne, laut Marseille News.

Das Thema ist brisant, es könnte wahlentscheidend sein. Präsident Emmanuel Macron muss sich im April dem Votum der Bürgerinnen und Bürger stellen. Die Franzosen verstehen sich als maritime Nation. Rund 13.500 Familien leben in Frankreich vom Fischfang, besonders im Norden des Landes, in der Bretagne und der Normandie. Ein Sieg im »Fischereikrieg« würde Macrons Chancen auf eine Wiederwahl deutlich verbessern. Die EU-Kommission zeigt sich jedoch weitgehend unwillig, die scharfe, französische Rhetorik vorbehaltlos zu unterstützen. Brüssel setzt auf eine diplomatische Lösung.

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