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Aus: Ausgabe vom 28.10.2021, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf in Italien

»Unsere Rettung kommt durch die Mobilisierung«

Italien: Fabrikkollektiv verteidigt Arbeitsplätze bei GKN. Ganze Region solidarisch mit Kampf gegen Kapital. Ein Gespräch mit Dario Salvetti
Interview: Alessio Arena, Mailand
Arbeiter des GKN-Fabrikkollektivs demonstrieren gegen die Jobvernichtungspolitik der Regierung in Rom (7.10.2021)
Arbeiter des GKN-Fabrikkollektivs und die Metallarbeitergewerkschaft demonstrieren gegen die Jobvernichtungspolitik der Regierung in Rom (7.10.2021)
Vor dem Wirtschaftsministerium in Rom demonstrieren Arbeiter des GKN-Fabrikkollektivs und die Metallarbeitergewerkschaft gegen die Jobvernichtungspolitik der Regierung (7.10.2021)

Wegen der Coronapandemie waren diesen Sommer rund 500 Arbeitsplätze im Werk von GKN Driveline in der Nähe von Florenz bedroht. Es gab enorme Solidarität mit den Beschäftigten gegen die von der Regierung gedeckten Streichungspläne. Was waren die wichtigsten Schritte Ihres Kampfes?

Am 9. Juli hielt uns das Unternehmen vom Betreten der Fabrik ab, indem erst ein kollektiver freier Tag ausgerufen und dann noch an demselben die Schließung des Werks per E-Mail angekündigt wurde. Doch wir fanden einen Weg, wieder reinzukommen und das Sicherheitspersonal zu verjagen, das die Kontrolle übernommen hatte. Seitdem sind wir permanent versammelt. Eine Massenentlassung konnten wir durch den Arbeitskampf, drei Demonstrationen – darunter eine große mit mehr als 30.000 Teilnehmern – und gerichtlichen Einspruch verhindern.

Wie konnten Sie so viele Menschen mobilisieren?

Wir sind eine gewerkschaftlich organisierte Fabrik und kämpfen seit drei Jahren gegen den Melrose-Finanzfonds und die Übermacht der multinationalen Konzerne. Zweitens waren wir einer der ersten Fälle von geplanten Massenentlassungen wegen der Coronakrise, nachdem die Regierung ein diesbezügliches Dekret beschlossen hatte. Drittens konnten wir den Menschen erklären, dass ein Finanzfonds unser gemeinsames Erbe vernichtet, weil er uns mit der Absicht gekauft hatte, eine Börsenrallye zu erzeugen, zu spekulieren und die Fabrik zu schließen.

Was sind die besonderen Merkmale Ihres Organisationsansatzes?

Wir haben die Bedeutung der Gewerkschaften nie bestritten und beteiligen uns an ihrer organisatorischen Arbeit. Wir wissen jedoch, dass sich dort bürokratische Verkrustungen gebildet haben; deshalb haben wir auch eine flexible Basisorganisation geschaffen, in der jeder das Prinzip der Einheit im Kampf teilt: das Fabrikkollektiv. Darüber hinaus haben wir Abteilungsdelegierte eingesetzt, die neben den gewählten Gewerkschaftsvertretern arbeiten. Als vielfältig verflochtene Fabrik haben wir uns immer mit anderen Arbeitskämpfen solidarisiert. Wir beteiligten uns an regionalen Kämpfen zur Verteidigung der Umwelt und haben eine starke Verbindung zu antifaschistischen Vereinigungen aufgebaut. Der Kampf um freie Zeit ermöglichte es jedem von uns, am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen. Deshalb hat bei der angekündigten Schließung von GKN eine ganze Region verstanden, dass es notwendig war, sich zu erheben.

Sie haben sogar einen Gesetzentwurf vorgelegt. Was sollte er regeln?

Als das Arbeitsministerium auf unsere Forderung hin einen unzureichenden Entwurf vorlegte, genügte es, dass sich der Industriellenverband ein wenig beschwerte, um ihn von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Also wandten wir uns an fortschrittliche Arbeitsrechtler und formulierten unseren eigenen Vorschlag. Wir haben ihn dem Parlament vorgelegt. Unser Gesetz gibt dem Staat die Befugnis, von einem multinationalen Unternehmen einen Plan zur Erhaltung der Arbeitsplätze zu verlangen, sollte es ein Werk schließen, das nicht in einer Krise ist. Kommt das Unternehmen dem nicht nach, kann der Staat die Entlassungen für unwirksam erklären – was heute nicht möglich ist –, oder er kann das Unternehmen zum Verkauf zwingen, um ein Werk selbst zu übernehmen. Jedoch machen wir uns keine Illusionen darüber, dass unsere Rettung durch das Gesetz kommen wird. Sie kommt durch die Mobilisierung. Deshalb rufen wir seit Monaten zum Generalstreik auf.

Was sollten die Ziele der Arbeiterinnen und Arbeiter im EU-Wirtschaftsraum sein?

Es braucht EU-weit einen branchenübergreifenden gesetzlichen Mindestlohn, um Standortverlagerungen und Lohndumping zu unterbinden. Es heißt, dass der Übergang zum Elektroauto 300.000 Jobs vernichten wird. Wir lehnen den Gegensatz zwischen dem Kampf für Klimagerechtigkeit und dem Erhalt von Arbeitsplätzen ab. Es vollzieht sich ein technologischer Wandel, der zum Verschwinden von Arbeitsplätzen führt. Diese Tatsache erfordert ein öffentliches Eingreifen mit Plänen zur Umstellung des Sektors. Das kann weder den Finanzfonds noch den Automobilherstellern überlassen werden.

Hinweis: In einer früheren Fassung des Textes war von 5.000 Arbeitsplätzen die Rede. Tatsächlich waren es 500. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Dario Salvetti ist ­Delegierter der Federazione Impiegati Operai Metallurgici – Confederazione Generale Italiana del Lavoro (FIOM-CGIL) und Vertreter des Fabrikkollektivs bei GKN ­Driveline in Campi Bisenzio

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  • Leserbrief von leonhard schaefer aus Florenz (30. Oktober 2021 um 13:24 Uhr)
    Der Finanzkapitalismus zeigt seine Fratze. Dem Interview zum Fall GKN ist einiges hinzuzufügen: Ich wohne nur wenige Kilometer entfernt. Die Fabrik ist intakt und könnte schon morgen weitermachen. Der interviewte Betriebsrat Dario Salvetti war mit mir in Rifondazione Comunista: Die Entlassung von 422 Beschäftigten hat nur deswegen mit Corona zu tun, weil das Entlassungsverbot im Juli auslief. Auch sind mehr als 50 Zulieferer betroffen, d. h. für eine Region wie die Toskana ist das ein ungeheurer Einschnitt. Noch ungeheurer war die Art der angekündigten Entlassung via E-Mail. Es geht aber nicht nur um den Eigentümer, den Spekulanten Melrose, sondern auch um den größten Abnehmer der Produkte von GKN (Halbachsen), Stellantis, in dem Fiat aufgegangen ist. Auf die und Melrose müsste von seiten der Regierung Druck ausgeübt werden. Nicht nur die Gewerkschaften, sondern die gesamte Bevölkerung der Toskana wurde mobilisiert, und ganz Italien ist alarmiert: Es fanden bisher zahlreiche Versammlungen und Demos in Florenz und Rom statt. Die Fabrik wird von der Belegschaft bewacht. Das Fabrikkollektiv (Betriebsrat) hat sehr geschickt agiert: Es wurde der Slogan »Insorgiamo« (Aufstehen) kreiert, ebenso ein T-Shirt mit dem eigenen Symbol, beides ist jetzt in ganz Italien bekannt. Der »Fall« GKN ist keine lokale Frage, sondern eine nationale! Es geht auch nicht »nur« um diese Arbeitsplätze und 500 Familien, sondern um die Zukunft der Autoindustrie in Italien! Ein Karikaturist und Videofilmer beteiligt sich, mehrere Fernsehteams berichteten, ein Juristenkollektiv ist tätig, die Scheinwerfer bleiben auf GKN gerichtet. Aber – der Winter naht: Die Fabrikbesetzer beginnen zu frieren. Gestern abend war wieder eine riesige Versammlung in Florenz für GKN, und es waren auch bekannte Firmen wie Alitalia und Textprint anwesend. Und heute am frühen Morgen starteten zehn Busse, um in Rom zusammen mit Tausenden Lohnabhängigen den »G20« und dem Ministerpräsidenten der Banken Draghi zuzurufen: mit uns nicht!

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