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Aus: Ausgabe vom 29.10.2021, Seite 15 / Feminismus
Schutzräume für Frauen

Gegen alle Widerstände

Vor 45 Jahren wurde das erste Frauenhaus Westberlins und der BRD eröffnet. Ein neues Buch schildert Entstehungsgeschichte und Kontext
Von Gitta Düperthal
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Hart erkämpft: Das erste Frauenhaus Westdeutschlands im Berliner Grunewald (1.1.1982)

Am 1. November 1976 wurde im Berliner Stadtteil Grunewald das erste Frauenhaus Westberlins und der BRD eröffnet. In ihrem jüngst erschienenen Buch »Wir haben nichts mehr zu verlieren … nur die Angst« widmet sich Franziska Benkel dessen Entstehungsgeschichte. Und es ist mehr als eine Beschreibung des Jammertals aus Misogynie und männlicher Gewalt in unserer Gesellschaft und der daraus resultierenden energischen Gegenwehr der Frauenbewegung. Die Autorin schildert nicht nur, mit welchen Erniedrigungen, Einschüchterungen und ökonomischem Druck die Unterdrückung und Unterwerfung von Frauen vor sich ging, so dass überhaupt eine Notwendigkeit bestand, in den 70er Jahren autonome Frauenhäuser zu gründen. Zu erfahren ist, gegen welch heftige Widerstände das erste Haus durchgesetzt werden musste. Aber auch, dass es mit feministischen Neugründungen von Verlagen, Cafés und Zentren einherging.

Verdienst der Autorin ist es, die Positionen der damaligen Frauenbewegung zusammengefasst und eingeordnet zu haben in die Nachkriegsverhältnisse, einschließlich des in der Bundesrepublik unaufgearbeiteten Faschismus. Am Grundgesetz 1949 arbeiteten 61 Männer und vier Frauen mit: Ehe und Familie stellten sie unter den »besonderen Schutz der staatlichen Ordnung«. Benkel resümiert, wie politische Werte dem Katholizismus untergeordnet wurden, wie Konrad Adenauer in seiner Regierungserklärung »die Stärkung der Familie, dadurch die Stärkung des Willens zum Kinde« propagierte.

Sie thematisiert, wie radikal die feministische Debatte in Reaktion darauf sein musste. Auch in Westberlin wurde der von der revolutionären US-Feministin Shulamith Firestone 1970 manifestierte Ruf laut, die Kleinfamilie abzuschaffen und so ein gewaltfreies Gemeinschaftsleben zu ermöglichen – eingedenk der Möglichkeit, die Frauenbefreiung durch ein Infragestellen der Mutterschaft zu erreichen; letztere durch künstliche Reproduktion vom weiblichen Körper zu trennen. Der Familismus und die heterosexuelle Ehe stellten den Gewaltraum dar. Benkel schlägt auch den Bogen zum Heute. Mit der Pandemie habe jene Konstruktion der aufopfernden Frau eine Renaissance erlebt, entsprechende Gewalt eine Zunahme erfahren.

Die Autorin analysiert, dass – damals wie heute – der Niedriglohn, der beschränkte Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt sowie der vorprogrammierte soziale Abstieg im Fall einer Trennung wesentliche Aspekte der Schwierigkeit seien, sich aus familiären Verhältnissen zu lösen. Sie beschreibt den schwierigen Gang des Teams des autonomen Frauenhauses durch die Institutionen. Die damalige Bundesfamilienministerin Katharina Focke und die Berliner Senatorin Ilse Reichel (beide SPD) hätten sich zwar im Wahlkampf gern mit dem Thema geschmückt, sich diesem aber ansonsten eher sehr sozialdemokratisch angenommen. Focke habe sich dem Ziel verschrieben, dass die Familie trotz allem »natürlich erhalten bleiben« müsse. Reichel habe es zwar für wichtig befunden, Frauenhäuser für eine Aufnahme misshandelter und traumatisierter Frauen zu schaffen, zunächst aber keine Möglichkeit der Finanzierung gesehen; später dann nur unter der Voraussetzung, dass Frauen aus konventionellen Wohlfahrtsverbänden mitwirkten.

Was in dem Buch möglicherweise fehlt, ist ein Blick auf einen Ausweg aus der fortwährenden Finanzierungsmisere von Frauenstrukturen. Wie die ökologische Neuausrichtung wird vermutlich auch die Selbstbestimmung der Frau gesellschaftlich nicht zu schaffen sein ohne einen grundsätzlichen Neuausbau aller Strukturen: paritätisch besetzte Führungsetagen staatlicher Institutionen, eine frauenrechtlich geprägte Transformation von Polizei und Justiz. Solange das Patriarchat mit dem Kapitalismus herrscht, wird die Ungleichheit fortbestehen. So verständlich die Äußerung der von Benkel zitierten Sozialwissenschaftlerin Barbara Kavemann ist, dass man »unter bestimmten psycho-physischen Voraussetzungen nicht die Person sein sollte, die die Welt ändert, sondern sich erst mal auf die Füße stellen sollte«. Doch wer sollte es sein, der aus der Krise heraus politisch radikale Wege sucht – wenn nicht die betroffenen Frauen selbst und ihre Unterstützerinnen?

Franziska Benkel, »Wir haben nichts mehr zu verlieren … nur die Angst« – Die Geschichte der Frauenhäuser in Deutschland, Orlanda-Verlag, Berlin 2021, 18,50 Euro, 236 Seiten

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