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Aus: Ausgabe vom 29.10.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Wandel der Autoindustrie

Tesla zischt davon

US-Autokonzern hortet Mikrochips, die der Konkurrenz fehlen. E-Antrieb verhindert Klimawandel nicht
Von Gudrun Giese
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Sogar in Sachen Tankstellen für E-Autos hat der US-Konzern Tesla die Nase vorn

Der Boom der elektrisch angetriebenen Automobile hat gerade erst begonnen. Am Wachstum des US-amerikanischen Herstellers Tesla lässt sich gut ablesen, wohin die Reise geht.

Für 2020 konnte das Unternehmen des Multimilliardärs Elon Musk erstmals für ein komplettes Geschäftsjahr schwarze Zahlen vorweisen, berichtete die Auto-Zeitung am 8. Oktober. Nach Jahren mit erheblichen Verlusten zahlt sich offenkundig das hartnäckige Werben für den E-Antrieb bei Kraftfahrzeugen aus. Während traditionelle deutsche Automobilproduzenten wie VW und Mercedes Benz über Lieferengpässe bei Mikrochips lamentieren, orderte Tesla bei einem anderen Chiphersteller und passte die Software entsprechend an, heißt es in dem Bericht. Außerdem kündigte Musk bei der Hauptversammlung am 7. Oktober an, die Firmenzentrale vom kalifornischen Palo Alto in die texanische Bundeshauptstadt Austin zu verlegen. Der Tesla-Chef selbst sei vor längerem von Los Angeles nach Austin umgezogen; außerdem seien in Texas die Lebenshaltungskosten für die Beschäftigten in der Firmenzentrale geringer als an der teuren Westküste.

Unterdessen rollt die Brandenburger Politik dem Tesla-Boss weiterhin den roten Teppich für die bald ans Netz gehende Gigafactory nebst Batterieproduktion in Grünheide aus. Für bis zu 12.000 Beschäftigte, von denen in der Presse die Rede ist, wurde ein Wald abgeholzt und werden dauerhaft Trinkwasserreserven angezapft. Ökologischer Nutzwert? Mehr als zweifelhaft. Dafür frohlocken immer mehr Zulieferbetriebe, dass Tesla ihnen neue Absatzmöglichkeiten bieten werde. Der Tagesspiegel meldete am 26. Oktober die Ansiedlung von SAS Interior Modules sowie der Halla Corporation Berlin GmbH in Fredersdorf-Vogelsdorf – unweit des Tesla-Werks in Grünheide. Beide sind große Zulieferunternehmen. Auf nennenswerte Beschäftigungseffekte sollte bei diesen Ansiedlungen niemand hoffen. Die südkoreanische Halla Corporation wolle zunächst auf 9.600 Quadratmetern vollautomatisch jährlich 1,3 Millionen Reifen auf Felgen für den Tesla »Model Y« montieren lassen, so der Tagesspiegel. Der Personalbedarf dafür wird auf zwanzig veranschlagt.

Von der Öffentlichkeit weniger registriert als die Entwicklungen rund um Tesla, bauen längst weitere Unternehmen auf Elektromobilität. In einem von der Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegebenen Working Paper nehmen Jens Clausen und Yasmin Olteanu die neuen Akteure Waymo, Build Your ­Dreams (BYD) und Sono Motors unter die Lupe. Hinter Waymo steckt der Google-Dachkonzern Alphabet, BYD ist ein chinesischer Hersteller und Sono Motors ein Startup mit Sitz in München. Die Alphabet-Tochter setzt vor allem auf die Entwicklung des autonomen Fahrens. Für BYD sehen die Forscher die größten Chancen im Batteriesektor, da die Firma ein Lithium-Eisen-Phosphat-Produkt herstelle, das günstiger, sicherer und umweltfreundlicher als herkömmliche Batterien sei, weil es kein Nickel und kein Kobalt enthalte. Sono Motors rühmen Clausen und Olteanu aus gewerkschaftlicher Sicht als »Lichtblick im Umfeld des globalisierten Kapitalismus«, da das Startup mit dem Anspruch angetreten sei, »innerhalb des Unternehmens und in der Lieferkette auf gute Arbeitsbedingungen, hohe soziale Standards und Klimaschonung zu setzen«. Ob sich Sono Motors mit seinem Angebot der Solarintegration und der Selbstverpflichtung zu sozialer Verantwortung am Markt durchsetzen könne, sei derzeit aber nicht zu beantworten, so die beiden Autoren.

Letztlich stellt sich angesichts des weltweiten Klimawandels eine andere Frage: Ginge es bei der Mobilitätswende tatsächlich um die deutliche Reduzierung der Kohlendioxidemissionen, müssten vor allem neue Verkehrskonzepte her. Der enorme Ausbau des öffentlichen bei gleichzeitigem Zurückdrängen des Autoverkehrs wäre zwingend. Doch zur Freude von Industrie und Kapital fördert die Politik vor allem den Austausch veralteter durch neue Technologien. Dass auch elektrisch angetriebene Autos sehr viel Platz benötigen, dass der zunehmende Strombedarf kaum allein aus regenerierbaren Quellen kommen kann, scheint von geringem Interesse.

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