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Aus: Ausgabe vom 30.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Malen ist nicht genug

Eine Ausstellung in Köln über Picasso und sein Bild in der BRD und der DDR
Von Arnold Schölzel
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In einer Reihe mit »Guernica« und dem »Leichenhaus«: »Massaker in Korea« (1951)

Bertolt Brecht vermerkte 1940 in seinem »Arbeitsjournal« den Erhalt einer Kunstzeitschrift, in der Picassos »Guernica« abgebildet war und kommentierte: »Das ist sehr wohl ein künstlerischer Ausdruck der Zeit, deren Astronomen die Welt mit dem Bild einer platzenden Granate erklären. Barbarischer Sturm, der eine Welt zerschmiss, musischer Sturm, der solche Scherben zusammenfegte!« Iliane Thiemann, Mitarbeiterin des Brecht-Archivs der Berliner Akademie der Künste, zitiert dies in ihrem Beitrag »Der Friede ist das A und O. Brecht, Picasso und die Taube auf dem Vorhang des Berliner Ensembles« im Katalog zur Ausstellung »Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR«, die gegenwärtig im Kölner Ludwig-Museum zu sehen ist. 1949 schreibt Brecht: »Auf den Großen Vorhang malt die streitbare / Friedenstaube meines Bruders Picasso.« Die Übereinstimmung umfasst Ästhetik und Politik: Unversöhnlichkeit mit Verhältnissen, die Faschismus und Krieg hervorbringen, und eine Kunst, mit der die Trümmer »zusammengefegt« werden können. Das besagt auch das Zitat aus Brechts Rede bei der Verleihung des Internationalen Stalin-Friedenspreises 1955 in Moskau: »Der Friede ist das A und O aller menschenfreundlichen Tätigkeiten, aller Produktion, aller Künste, einschließlich der Kunst zu leben.« Thiemann fügt hinzu, das hätte »sicher auch Picasso für sich in Anspruch genommen«. Er erhielt 1962 die nun in Lenin-Preis umbenannte Ehrung.

Ehrfürchtige Starre

Brecht ist einer der Prominentesten unter den Zeitgenossen Picassos, deren Blick auf sein Werk Ausstellung und Katalog dokumentieren: Für den Dichter gab es nur einen Picasso, wo andere – auch in der DDR – zwischen Künstler und Genosse unterscheiden wollten. Für das Begriffsvermögen des Offiziösentums im Westen ist solche Identität von Nichtidentischem bis heute zu hoch.

Was in Köln zu sehen ist, belegt aber diese Dialektik. Es sind wenige, zumeist bedeutende Originale da, dazu Reproduktionen, vor allem aber Dokumente, Filme, Fotos – es ist auch eine Ausstellung über Ausstellungen im Kalten Krieg. Stefan Ripplinger fasst in seinem Katalogbeitrag zusammen: »Während der Osten Picasso debattierte, aber selten ausstellte, ersäufte ihn der Westen in Freiheit.« Das besagt: Auseinandersetzung bei grundlegendem Einverständnis hier, ehrfürchtige Starre vor dem Marktpreis bei Abwesenheit von elementarem Verständnis dort. Dabei bleibt es: Am vergangenen Sonnabend, berichtet faz.net, versteigerte das Luxushotel »Bellagio« in Las Vegas aus seiner Sammlung elf Werke des alten weißen Franzosen kurz vor dessen 140. Geburtstag am 25. Oktober: »Erzielt wurden brutto 108,9 Millionen Dollar.« Das »Bellagio« besitzt 900 Kunstwerke und will mit Bildern von Frauen, indigenen oder LGBTQ-Künstlern diverser werden. Den dazu passenden Sound hat Ripplinger in einem Aufsatz der Kunsthistorikerin Isabelle Graw von 1993 gefunden. Sie hatte entdeckt, auf Picassos Bildern sei ein »stures Weitermachen« zu erkennen, seine Frauenporträts deuteten auf eine »Hybridisierung«, und das Beenden einer Leinwand komme einer »Manifestation der Willkür« gleich. Es waren vergleichsweise naive Zeiten, als Picasso im Westen lediglich für unpolitisch erklärt wurde.

Anbringen verboten

Einige Beispiele: Die Besucher betreten die Säle unter einem Himmel aus frei hängenden Plakaten, die der Maler mehr als ein Jahrzehnt lang für die Weltfriedensbewegung entwarf. Dem folgt ein zweites Statement – Picassos und der Kuratoren: das auf einige Quadratmeter vergrößerte Faksimile eines Textes, der am 24. Oktober 1944, kurz nach der Befreiung von Paris, in der kommunistisch geleiteten US-Kulturzeitschrift New Masses erschien: »Warum ich Kommunist wurde«. 20 Tage zuvor war Picasso der »Partei der Füsilierten« beigetreten. Malen, schreibt er, habe er in der Zeit der Unterdrückung und des Aufstandes gefühlt, sei »nicht genug«, er müsse mit ganzem Wesen kämpfen.

Dem folgen der erste Vorhangteppich des Brecht-Theaters von 1949 mit der Friedenstaube. Und ebenfalls im Original: der Vorhang, der von 1954 bis 1993 Wahrzeichen im Theater am Schiffbauerdamm war, entworfen nach dem Halstuch, das Picasso für die französische Delegation zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1951 in Berlin entworfen hatte – die Taube, umgeben von Masken in Schwarz, Weiß, Rot und Gelb. Das Plakat, schreibt Helene Weigel im Mai 1954 an Picasso, habe »stürmische Diskussionen ausgelöst, wir glauben, dass sie fruchtbar waren«. In Westberlin wurde das Anbringen verboten, beim umjubelten Gastspiel des BE in Paris im selben Jahr verlangte die Leitung des Theaterfestivals seine Entfernung. 50 Jahre später wurde Picasso auch beim Leipziger Filmfestival als Urheber von Logo und Preisen entsorgt. Der Filmemacher und Filmhistoriker Günter Jordan bemerkt im Katalog, 2005 sei als Preis »ein aus Meißener Porzellan geformter kompakter Körper (mit Manufakturmarke!) ausgesetzt« worden, »in dem sich keine Taube wiedererkannt hätte«. Leipzig schafft es rascher und billiger als Las Vegas.

Warum das so ist, darüber klärt diese Ausstellung auf. Es genügt beinahe, sich das selten verliehene »Massaker in Korea« von 1951 anzusehen (siehe dazu die ausführliche Besprechung von Klaus Stein in der Wochenzeitung Unsere Zeit vom 29. Oktober). Es prangert US-Kriegsverbrechen an, steht in einer Reihe mit »Guernica« und dem »Leichenhaus« von 1945, das nach den ersten Bildern aus den faschistischen Vernichtungslagern entstand. Das, was Picasso diese Bilder malen ließ, wurde in der BRD der 50er Jahre tabuisiert. Statt dessen hob der Spiegel Picasso schon 1956 als Lebemann auf seinen Titel. Kuratorin Julia Friedrich fasst das Ergebnis so zusammen: »Der Kommunist Picasso ist nahezu unbekannt geblieben, allgegenwärtig ist das (…) Picasso-Kapital.«

Weil er Kommunist wurde

Das besaß die DDR nicht, an Ankäufe war kaum zu denken. Die Kunstakademie wählte jedoch nach Inkrafttreten ihres Statuts 1955 als erstes Picasso zum korrespondierenden Mitglied. Jordan schreibt: »Ein nobler Grundsatzartikel im SED-Zentralorgan Neues Deutschland zurrte das politisch fest … Es brauchte nur Zeit, bis sich das herumsprach.« Das Beste an der »dissonanten Begleitmusik« zu Picassos Malerei in der Zeitschrift Bildende Kunst von 1955 bis 1957 sei gewesen, »dass sie öffentlich stattfand«. Es gab scharfe, lebendige Kontroversen, die nun in Köln nachzulesen sind. Als 1977 der Aachener Fabrikant und Mäzen Peter Ludwig Teile seiner Picasso-Sammlung der Nationalgalerie in der DDR-Hauptstadt auf Dauer lieh, waren die Polemiken Vergangenheit. Als das Gestern 1990 siegte, verzichtete schon im Jahr darauf die Nationalgalerie auf die kontaminierten Leihgaben. Sie sind nun hier noch einmal zu sehen, u. a. zusammen mit dem von Ludwig erworbenen »Im Leichtmetallwerk« von Willi Sitte. Der hatte nie verborgen, welch große Bedeutung Picasso für ihn hatte.

Die Ausstellung in Köln geht über das hinaus, was 2010 in der Wiener Albertina (»Picasso: Frieden und Freiheit«) und 2020 in Düsseldorf (»Pablo Picasso. Kriegsjahre 1939 bis 1945«, siehe jW vom 16. Juli 2020) vom und über den politischen Jahrhundertmaler gezeigt wurde. In Köln wird deutlich: Picassos angeblich ästhetische »Willkür« bestand vor allem darin, dass er Kommunist wurde. Das bleibt unvereinbar mit Kriegs- und angehängtem Kunstmarkt.

»Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR« – bis 30. Januar 2022, Museum Ludwig Köln. Katalog 24 Euro

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