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Aus: Ausgabe vom 27.10.2021, Seite 5 / Inland
Coronamaßnahmen

Nicht so ernst genommen

Impfdurchbrüche an der Freien Universität in Berlin. Beschäftigtenvertreter kritisieren leichtfertigen Umgang mit der Pandemie
Von Moritz Schmöller
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Volle Hörsäle, aber kein wirksames Hygienekonzept: Verdi prangert die Maßnahmen an der FU an

Die Freie Universität Berlin (FU) hat mit Infektions- und Impfdurchbrüchen zu kämpfen. So musste Berichten von Studierenden zufolge am Korea-Institut bereits eine Woche nach Wiederaufnahme des Präsenzlehrbetriebes wieder auf Onlineformate umgestiegen werden. Aber auch im Weiterbildungszentrum und im Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften wurden Infektionen und Impfdurchbrüche vermeldet. Das geht aus einer Mitteilung der Verdi-Betriebsgruppe der Freien Universität hervor.

Der Vorwurf: Es sei nicht alles getan worden, um Infektionen zu vermeiden. Konkret sei vom Präsidium versäumt worden, dass in Hörsälen relevante Gefährdungen ermittelt werden, was Grundvoraussetzung ist, um wirksame Hygienekonzepte erstellen zu können. Wertvolle Zeit sei in den Sommermonaten verstrichen, anstatt die Gefährdungsbeurteilungen einzuholen, jetzt fehle dem Gesamtpersonalrat die Rechtsgrundlage, kurzfristig eingereichten mangelhaften Hygienekonzepten zuzustimmen.

Bei den Sitzungen der sogenannten Comeback-AG, die mit der Organisation der Wiederaufnahme des Lehrbetriebes beauftragt war, habe der Gesamtpersonalrat bereits im August und September seine Forderung an das FU-Präsidium bekräftigt, die Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen. Mit Erstaunen habe er dann zur Kenntnis nehmen müssen, dass das Präsidium aufgrund der angeblich hohen Impfquote von 90 Prozent bei den Studierenden nicht nur mit keinen gravierenden Ausbrüchen mehr rechne. Es sei auch mitgeteilt worden, dass die Comeback-AG nicht mehr tagen werde.

Die Verdi-Betriebsgruppe und der Gesamtpersonalrat kritisieren damit wiederholt einen leichtfertigen Umgang der Unileitung mit der Pandemie. In einer Mitteilung des Präsidenten Günter M. Ziegler an die 6.500 Beschäftigten vom 18. Oktober, die jW vorliegt, rief er lediglich zum »gemeinsamen verantwortlichen Handeln« auf. Die 3G-Regelung werde mit einer – eigens erfundenen – »2V-Regelung« kombiniert, was für »Verantwortung« und »Vertrauen« stehe. Dieser Logik folgend, sollten gemäß den Hygienekonzepten lediglich eine unverbindliche, stichprobenartige Kontrolle der 3G-Regel und eine Kontrolle der Maskenpflicht bei den Tausenden Studierenden durch die Lehrkräfte selbst stattfinden, was von vornherein die Einhaltung der 3G-Regel in Frage gestellt hat.

Leidtragende der nun entstandenen Situation seien nicht nur die Beschäftigten und Studierenden, die einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, sondern auch die Verwaltungsleitungen, die viel zu spät – erst drei Werktage vor Aufnahme des Präsenzlehrbetriebes – mit der Aufforderung zur Erstellung der Hygienekonzepte konfrontiert worden seien. Der Gesamtpersonalrat teilte mit: Die rechtliche Situation für die Leitungen und Lehrenden dürfte bei den Ausbruchsfällen unsicher sein, denn sie könnten sich nicht, wie es die Beschäftigtenvertreter kritisieren, auf die Expertise der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilungen stützen.

Unterdessen ist das Präsidium mit einem Machtkampf um das Präsidentenamt beschäftigt. Presseberichten zufolge hat die Kanzlerin der FU, Andrea Bör, am akademischen Senat und dem amtierenden Präsidenten vorbei einen externen Personaldienstleister mit der Suche nach einem neuen Präsidenten beauftragt. Die Rede ist von einem tiefen Zerwürfnis zwischen dem Präsidenten Ziegler und Kanzlerin Bör. Das Vorgehen soll der Kanzlerin nicht nur eine Dienstaufsichtsbeschwerde bei der Senatswissenschaftsverwaltung eingebracht haben, auch der politische Druck wächst. Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) äußerte sich vergangenen Freitag ungewohnt deutlich und sprach von einem inakzeptablen Vorgang, während die CDU den Rücktritt der Kanzlerin forderte.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (27. Oktober 2021 um 10:02 Uhr)
    Als Impfdurchbruch oder das verständlichere Synonym Impfversagen wird eine symptomatische Infektion bei einem Geimpften bezeichnet, die mittels RT-PCR-Test oder Erregerisolierung diagnostiziert wurde. Für Impfversagen gibt es verschiedene Ursachen. Eine Möglichkeit ist: Wenn der Erreger nicht vom Immunsystem erkannt wird, kommt es trotz einer vorangegangenen Impfung zu einer Erkrankung. Nach der Impfung wurden bis April 2021 knapp 6.000 Impfdurchbrüche unter 84 Millionen vollständig geimpften US-Amerikanern beobachtet. Deutsche Daten liegen vermutlich aus impfpolitischen Gründen nicht vor, wurden nicht veröffentlicht. Der Artikel nennt auch keine bewertbaren Zahlen ...

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