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Aus: Ausgabe vom 01.11.2021, Seite 5 / Inland
Obdachlosigkeit

Das Geschäft mit dem Elend

Auf dem »grauen Wohnungsmarkt« schlagen Vermieter hohe Profite aus der Not der Ärmsten: Ein aktueller Fall aus Niedersachsen
Von Ralf Wurzbacher
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»Es gibt viel zuwenig Informationen über den grauen Wohnungsmarkt«

Für ein Dach über dem Kopf nehmen Obdachlose mitunter viel in Kauf: eine kümmerlich kleine Bleibe, Schmutz, Schimmel, Erniedrigung. Hauptsache, weg von der Straße. Franz F. aus Hannover hat aus der Not der Betroffenen ein Geschäftsmodell gemacht. Er vermietet marode Wohnungen an Menschen am Rande der Gesellschaft und kassiert dafür weit über Wert ab – nicht von ihnen, sondern vom Sozialamt. Indem er in einer Schrottimmobilie viele Bedürftige unterbringt, kommen stattliche Erträge heraus. Überdies zwingt er die Mieter zu unbezahlten Arbeitsdiensten und droht bei Weigerung mit Rauswurf. Geschildert war all das in einer bedrückenden Reportage der Tageszeitung (Taz) vom vergangenen Dienstag. Und F. ist längst nicht der einzige, der so verfährt.

Das Betätigungsfeld der üblen Abzocker ist der sogenannte graue Wohnungsmarkt. Darunter versteht man Mietverhältnisse von Menschen, die auf dem allgemeinen Wohnungsmarkt ohne Chance sind, zum Beispiel solche mit Drogenproblemen oder Mietschulden; Straffällige oder Obdachlose. Zumeist handelt es sich um alleinstehende Männer, die das Leben irgendwie aus der Bahn geworfen hat. Für größere Aufmerksamkeit in den Medien sorgten bisher vor allem Fälle aus Niedersachsen. So berichteten im Sommer 2020 der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und die Nordwest-Zeitung, dass sich in Oldenburg eine »Vermieterszene« etabliert habe, die über 20 Immobilien bewirtschafte, in denen 150 bis 300 Leute unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen hausten. In einem Fall teilten sich eine Frau und ein Mann ein schmales Bett in einem »kleinen, dunklen Kellerzimmer«, in dem sich überdies Kakerlaken herumtrieben. Kostenpunkt: 580 Euro.

Die Masche ist risikofrei. Das Geld kommt zuverlässig vom Amt, das die Kosten der Unterkunft im Rahmen der gesetzlichen Regelungen des SGB II und SGB XII übernimmt. Außerdem werden die Bewohner zumeist mit sogenannten Beherbergungsverträgen abgespeist. Sie gelten also nur als »Gäste« und können umgehend vor die Tür gesetzt werden. Das habe den »Vorteil, dass er (der Mieter, jW) rausgehen müsste, wenn er sich absolut daneben verhält«, kam beim NDR einer der Vermieter zu Wort. Auf jeden Fall lohne sich das Geschäft, »sonst würde ich es nicht machen«. Zudem seien die hohen Mieten eine Art Risikozuschlag, schließlich handele es sich um eine unzuverlässige Klientel, erklärte der Hauseigentümer, der sich selbst als eine Art Wohltäter sieht. Dabei müssen die Betroffenen in ständiger Angst leben, wieder auf der Straße zu landen. Deshalb schrecken sie auch davor zurück, sich über den oft miserablen Zustand der Unterkünfte beim Sozialamt oder Jobcenter zu beschweren.

Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, erklärte gegenüber jW: »Von Fällen wie diesen hört man leider immer wieder. Das zeigt, in welch einer Notlage sich wohnungslose Menschen befinden. Sie zählen zu den Schwächsten in der Gesellschaft, erfahren oft Ablehnung und Diskriminierung und geraten dadurch in eine ausweglose Situation. Wer wohnungslos ist, bekommt viel schwerer eine Wohnung als andere, wird von Vermietern nicht selten von vornherein aussortiert. Dadurch wächst der Druck, selbst unter menschenunwürdigsten Bedingungen zu leben und auch Unterkünfte in völlig desolatem Zustand zu akzeptieren. Es gibt viel zuwenig Informationen über den sogenannten grauen Wohnungsmarkt. Aber wir wissen: Menschen schrecken nicht davor zurück, sich am Elend anderer zu bereichern.«

Bei den in der Taz beschriebenen Vorgängen geht es um ein Haus in Pattensen südlich von Hannover, das nach Darstellung mehrerer Beteiligter regelmäßig überbelegt ist. Um die Behörden zu täuschen, soll der Vermieter die Insassen in zwei weiteren Häusern, die er besitzt, in anderen Orten gemeldet haben. Selbst eine Gartenlaube diene als Behausung. Zwei Leidtragende gaben an, wegen der hygienisch unzumutbaren Zustände erkrankt zu sein, sie litten an Atemnot, Hustenanfällen und Durchfall. Im Sommer hätten beide wegen Hautinfektionen in eine Klinik gemusst. Sie seien außerdem zu »Sklavenarbeit« genötigt worden. Zu Wort kommt auch ein Mann, der für Franz F. als Handlanger tätig war, um neue Mieter aufzutreiben. Wenn Franz F. jemanden rausschmiss, habe er das den Behörden nicht gleich gemeldet, um weiter Mietzahlungen einzustreichen, teilte der Handlanger mit.

Obwohl Franz F. und seine »Herberge« stadtbekannt sein sollen, interessiert sich die Verwaltung offenbar nicht für seine Machenschaften. Laut Meldestelle in der zuständigen Stadt Springe sind in einem der fraglichen Objekte elf Personen gemeldet, in einem anderen waren es 14 in den zurückliegenden fünf Jahren. Auffälligkeiten oder Anzeichen für eine Überbelegung gebe es trotzdem nicht, ließ man Taz-Reporter Michael Trammer wissen. Dass Franz F. dort »lustige Gestalten mit krummer Vita« unterbringe, wisse man aber schon. Immerhin: Seit März haben Kommunen nach dem niedersächsischen Wohnraumschutzgesetz eine Handhabe, gegen Überbelegung und untragbare Zustände vorzugehen. Wie oft das Gesetz seither zur Anwendung gekommen ist, ist allerdings unklar. Erst in drei Jahren ist laut niedersächsischem Bau- und Umweltministerium eine Evaluierung vorgesehen.

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