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Aus: Ausgabe vom 01.11.2021, Seite 4 / Inland
Gegen die Kohleverstromung

Eine Kommune im Rheinland

Protest in Lützerath: Klimaschutzaktivisten wollen Dorf »unräumbar« machen
Von Dominik Wetzel, Lützerath
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Demonstration gegen den Braunkohleabbau (Lützerath, 31.10.2021)

Es ist einiges los in Lützerath. Aus allen Richtungen hört man es hämmern, sägen und schweißen. Verschiedene Menschen bauen Baumhäuser und Werkstätten, installieren Photovoltaikanlagen und kochen Mittagessen. Das Dorf im rheinischen Braunkohlerevier, das für die Förderung von Braunkohle weggebaggert zu werden droht, bietet dieser Tage vielen Klimaschutzaktivisten ein Zuhause. Ihr Ziel: Lützerath muss bleiben.

Am vergangenen Wochenende startete das einwöchige »Unräumbar-Festival«. Christine und Frank, die als Ehrenamtliche für Greenpeace Deutschland ständig vor Ort sind, berichten gegenüber jW davon, dass in den nächsten Tagen 3.000 bis 5.000 Klimabewegte in das Dorf kommen und den Protest gegen eine baldige Räumung vorbereiten werden. Am Sonntag morgen markierten Aktivisten mit einem riesigen »1,5-Grad-Limit«-Banner, Feuer und Bengalos eine rote Linie für die Kohlebagger. Ihre Forderung ist klar: Um das Ziel, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, einzuhalten, müssen Dörfer wie Lützerath bleiben. Für die nächsten Tage sind zahlreiche weitere Aktionen und Demos geplant.

Etwa 200 Meter vom Protestcamp entfernt stehen die Kohlebagger im Auftrag von RWE. Eigentlich sollten die Grundstücke von Eckardt Heukamp, dem letzten Landwirt von Lützerath, zum 1. November enteignet werden. Damit wäre das sich darauf befindende Protestcamp der Klimaschützer akut räumungsbedroht. Heukamp legte jedoch Beschwerde vor dem Oberverwaltungsgericht Münster ein. Bis zur Entscheidung spätestens am 7. Januar nächsten Jahres verhindert das Gericht, dass RWE auf seinen Flächen Fakten schaffen kann. Vorher dürfen die Grundstücke von Heukamp nicht angerührt werden. Doch das Gericht könnte sein Urteil auch schon in den nächsten Wochen fällen.

Die Besetzung in Lützerath gibt es seit Juli 2020. 2015 startete der Protest im Ort mit Demonstrationen der Gruppe »Ende Gelände«. Schon damals stellte Bauer Heukamp den Aktivisten die Wiesen zur Verfügung. Seitdem organisiert sich ein breites Spektrum von Bewegungen um Lützerath, darunter »Wald statt Asphalt«, »Kirchen im Dorf lassen« und »Alle Dörfer bleiben«.

Den Aktivisten geht es nicht bloß darum, den Klimawandel zu stoppen. Sie praktizieren andere Formen des Zusammenlebens. Lukas will hier »die neue Welt in der Schale der alten aufbauen«, berichtete er gegenüber jW. Das Klimacamp versteht sich ausdrücklich als anarchistisch. Alles wird basisdemokratisch organisiert. Ein Plenum folgt aufs nächste, für alles gibt es Arbeitsgruppen. Insgesamt wird viel Wert auf die Bedürfnisse einzelner gelegt. Die Menschen pflegen einen auffallend sanften Umgang miteinander.

Während im Hambacher Forst noch regelmäßig Scharmützel zwischen Waldverteidigern auf der einen und RWE-Security und Polizei auf der anderen Seite stattfanden, gibt sich das Protestcamp in Lützerath pazifistisch. Es gehe darum, einen offenen Ort zum Austausch zu schaffen. »Es soll ein kreativer, friedlicher Protest sein, der nicht gegen Menschen gerichtet ist, sondern der Zerstörung Einhalt gebieten will«, erklärt Hajo von der örtlichen Mahnwache gegenüber jW. Es sei Konsens, freundlich zur Security zu sein, denn die Sicherheitsleute seien auch nur ausgebeutete Menschen, die von RWE benutzt werden.

Die Sicherheitsleute selbst waren nicht zu Gesprächen bereit. Konsequent verweisen sie jeden von ihren Gebieten, der sich nähert. »Wir machen nur unseren Job«, bekommt man zu hören. Ihre Meinung behalten sie für sich.

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