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Aus: Ausgabe vom 26.10.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Marodes Geldinstitut

Megadeal geplatzt

Italienische Regierung und Unicredit brechen Verhandlungen über Monte dei Paschi ab. Rettung der Krisenbank bleibt in der Schwebe
Von Gerhard Feldbauer
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Sorgt für Ärger: Das Geldinstitut Monte dei Paschi ist Gegenstand des Gerangels der Parteien in Draghis zerstrittener Koalition

Bei der Rettung der ältesten noch existierenden Bank der Welt, der 1472 gegründeten Monte dei Paschi di Siena (MPS), wurde bereits alles für »tutti paletti« gehalten. Italiens Ministerpräsident Mario Draghi hatte einer Fusion durch Verkauf an die Unicredit, einer der großen Haie unter den Finanzimperien, zugestimmt. Der überlegene Konkurrent, mit 170.000 Mitarbeitern und 40 Millionen Kunden nach Marktkapitalisierung an 14. Stelle in Europa stehend, wäre weiter gewachsen. Der Staat, der an der MPS mit 64 Prozent der Anteile beteiligt ist und die von Insolvenz bedrohte Bank seit 2016 mit insgesamt 20 Milliarden Euro gestützt hat, wäre unter die 50-Prozent-Beteiligung gerutscht. Nun sind die Verhandlungen überraschenderweise abgebrochen worden, wie die staatliche Nachrichtenagentur ANSA am Montag berichtete. Diese sollen demnach auch nicht wieder aufgenommen werden.

Der Grund: Über einen vorgesehenen Rekapitalisierungsplan über sieben Milliarden Euro sei keine Einigung erzielt worden. Unicredit habe gefordert, dass der Staat weitere 6,3 Milliarden Euro in die MPS stecken solle. Das Finanzministerium habe diese »Anpassungen« in weiten Teilen für ungerechtfertigt gehalten. Weiter wurde zurückgewiesen, dass Unicredit für den Kauf der MPS-Teile nur 1,3 Milliarden Euro zahlen wollte, während das Finanzministerium von einer Bewertung von 3,6 bis 4,8 Milliarden Euro ausgegangen war. »Unter den Bedingungen von Unicredit ist derzeit kein Deal möglich«, hieß es aus dem Ministerium. Nach dem Stopp der Verhandlungen gaben die Kurse von Nachranganleihen der MPS an der Mailänder Börse um 4,2 Prozent nach; auch die von Unicredit sanken um 1,6 Prozent.

Noch ist offen, wie sich die EU zum gescheiterten Deal verhalten wird. Draghi hatte Brüssel informiert, die Fusion bis Mitte 2022 über die Bühne zu bringen. Wenn jetzt nun doch wieder mehr Geld in die Krisenbank gepumpt werden sollte, müsste dazu eine Genehmigung aus Brüssel eingeholt werden. Die EU hatte verlangt, bis Jahresende einen Plan für die Reprivatisierung vorzulegen.

In Rom wird nun über ein neues Szenario, einen »Plan B«, nachgedacht. Die mitregierende Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) hat sich laut ANSA für eine »Normalisierung der Verhandlungen« ausgesprochen, um »die bestmögliche Lösung für Monte dei Paschi zu finden«. Im Gespräch sei ein »Stand­alone«-Plan, der mögliche Vorteile einer Eigenständigkeit der MPS prüfe, bei der Teile der Maßnahmen, die auch Unicredit angeboten wurden, einschließlich einer Kapitalerhöhung von mehreren Milliarden Euro, umgesetzt werden sollen. Das Management der MPS solle zudem umgebaut und die faulen Kredite sollten an die staatliche Auffanggesellschaft AMCO übertragen werden.

Nicht zuletzt sind die Rettungspläne Gegenstand des Gerangels der Parteien in Draghis zerstrittener Koalition, die sich dabei im Interesse ihrer jeweiligen Unternehmersponsoren zu profilieren suchen. Während die Führung des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) in der Draghi-Regierung dem Plan zustimmte, hatte der Chef der faschistischen Lega, Matteo Salvini, den Verkauf »eine Schande« genannt. Er wollte im Interesse seiner Klientel einige kleine Banken wie die Banca Carige von Genua zu einem »italienischen Bankenzentrum« fusionieren und sich so stärkeren Rückhalt in diesen Wirtschaftskreisen sichern.

Inzwischen hat sich laut ANSA kein Geringerer als der Präsident des Verbandes der Großindustriellen, Confindustria, Carlo Bonomi, zu Wort gemeldet und einen neuen Akteur ins Spiel gebracht. Gerüchten in der Presse zufolge gehe es um den französischen Versicherer Covéa.

Die Entscheidung über das Schicksal der Monte Paschi wird letztendlich die Generaldirektion »Wettbewerb« der EU-Kommission fällen. Diese hatte den Verkauf der Krisenbank bis Ende Dezember gefordert. Eine Verlängerung der First ist zwar denkbar. Aber dass die Generaldirektion die Forderung nach einem Verkauf aufgibt, ist höchst unwahrscheinlich.

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