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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Fehlt dir nur der Kopf!

Bemerkenswertes von der Olympiade der Deutschlernenden
Von Peter Köhler
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La Rouchefoucault (1613–1680), gezeichnet 1845 von Jules Boilly

Wie jedes Jahr veranstaltete das Goethe-Institut auch 2021 eine Olympiade der Deutschlernenden, an der junge Leute aus allen Ecken des Globus teilnahmen. Als Messlatte für die Deutschkenntnisse wurde eine leichtgewichtige, betont banal gestrickte Beobachtung aus dem Alltag ausgewählt: eine sogenannte »Stilübung«, die auf den Franzosen und insofern zu kleinen Teilen auch Kanadier Raymond Queneau zurückgeht:

»Ein junger Mann mit langem Hals und Hut beschimpft in einem voll besetzten Bus einen Herrn, setzt sich dann, ohne die Antwort abzuwarten, auf einen frei gewordenen Platz und wird kurz danach auf dem Bahnhof gesehen, wo ihm ein Freund vorhält, an seinem Mantel fehle ein Knopf.«

Diese alltägliche Geschichte hatten die Teilnehmer im Stil eines beliebigen Autors frei nachzuspinnen. Dem diesjährigen Gastland Kanada zum Gefallen hatten sich viele französisch und englisch denkende Teilnehmer aufs deutsche Glatteis begeben. Die Ergebnisse können sich lesen lassen, wie die nachstehende kleine Auswahl hell und klar beweist. Eine irische Teilnehmerin tauchte selbstverständlich in den Stil von James Joyce ein:

»Steht da dieser blasierte Laffe mit seinem langen Hals und seinem affigen Hut dem möchte ich mal die Schnauze und jetzt pöbelt der auch noch rum weil ihm sein Nachbar im Gedränge in die Rippen der Arsch soll mir mal dumm kommen dann jetzt setzt sich der Lackl doch auf den freien Platz auf den ich verdammt erwürgen na ja ist ja nur noch eine Haltestelle bis zum Bahnhof och nö steigt der Idiot jetzt auch mit aus und schau dir diese Schnöseljacke an aber he da fehlt ja ein Knopf du Arsch hähä fehlt nur noch dass dir auch der Kopf fehlt du.«

Ein junger Russe hatte sich einen der großen und weiten Romanciers seines Volkes zum Vorbild gesetzt und nahm Fjodor Dostojewski an den Haken:

»Das Fest strebte seinem Höhepunkt zu, als Michail Iwanowitsch hastig den Salon betrat. Niemand beachtete den Jüngling mit seinem auffällig langen Hals und der Schnur, die er in der Hand hielt; vermutlich hatte er einen Hut getragen und, als er ihn vor dem Eintreten dem Diener reichte, sie in der Aufregung abgerissen. Linkisch bewegte er sich durch die Schar der Gäste und trat Fürst Gulkow auf den Fuß. ›Mon chèr!‹ rief der Fürst, und ein nervöses Zucken lief durch das Gesicht des Jünglings, das sich dunkel verfärbte. ›Erlauben Sie! Ich fordere Sie für morgen früh zum … Nein, Sie sind es, Michail Iwanowitsch?!‹ hielt der Fürst inne, legte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter und fuhr mit halber Stimme fort: »Setzen Sie sich … nein … nehmen Sie … haben Sie … kennen Sie schon meine Tochter? Ja … ach so … nein …‹ Michail Iwanowitsch aber war bereits von anderen Gästen abgedrängt worden und hatte sich mit zitternder Hand ein Glas Champagner von einem Tablett genommen. So stand er viele Stunden da, kämpfte mit seinen Dämonen und wusste nicht, wie er ohne die Bombe die Gesellschaft in die Luft sprengen könnte; statt dessen sah er sich in ein Geplänkel mit der jungen, knopfäugigen Tochter des Fürsten vertieft. ›Sie halten die ganze Zeit diese Schnur in der Hand‹, sagte sie lustig. ›Wissen Sie was, Michail Iwanowitsch? Machen Sie sich einen Hut dazu!‹«

Erwartungsgemäß hatten sich viele Frankokanadier französische Autoren als Vorbild aufgeladen. Einer eiferte dem überlebensgroßen Moralisten des 18. Jahrhunderts La Rochefoucauld nach und fädelte die Geschichte in Aphorismen auf:

»In Gesellschaft, in einem gut besuchten Salon, schon in einem voll besetzten Bus ist jeder Mensch ein anderer als er selbst – die einen mehr, die meisten weniger.

In der Welt zählt ein Hut oft mehr als ein Kopf.

Der Wille des Menschen, sich von seinesgleichen abzuheben, zeigt sich schon im Kleinen, etwa wenn ein Hutträger eine zierlich gedrechselte Kordel einem einfachen Band vorzieht. Es dünkt mich, dass jedem Menschen eine solche zierlich gedrechselte Kordel eigen ist.

Man liebt Aufrichtigkeit und Natürlichkeit: Eigenschaften, die jemand beweist, der schimpft und beleidigt.

Wer steht, schaut auf den Sitzenden herab, und der Sitzende fühlt sich dem Stehenden überlegen. Ob sich daraus eine Theorie der Gesellschaft entwickeln ließe?

Jeder Mensch verändert sich nicht nur im Lauf seines Lebens, sondern schon im Lauf eines Tages. Der, dem wir zwei Stunden später auf der Gasse begegnen, ist ein anderer als in seiner Wohnung zuvor.

Ein einvernehmlicher Meinungsaustausch mit einem Freund ist das beste Selbstgespräch.

Ich habe es oft bestätigt gefunden, dass ein schöner Mantel den Körper verhüllt und gute Umgangsformen den Charakter.

Den Deutschen geht, weil ihnen der Geist fehlt, die Form über alles, deshalb lauten in ihrer Sprache ›Kopf‹ und ›Knopf‹ nahezu gleich.«

Eine Anglokanadierin schrieb hingegen der überlebensgroßen Jane ­Austen nach:

»In einer fast voll besetzten ­Kutsche sitzt an einem lauen Sommernachmittag die junge Elizabeth mit ihrem hübschen Hals und einer prächtigen Haube, deren Bänder lustig herabbaumeln, und wird, als Mr. Worthy von Northanger Hall zusteigt, von dem jungen Schnösel unsanft gestreift, der sich ohne ein Wort der Entschuldigung auf dem gegenüberliegenden Platz niederlässt und wie die ganze Reisegesellschaft schweigend den Weg zum Picknick zurücklegt. Am nächsten Tag sieht man die junge Dame im Park von Mansfield Abbey in Begleitung einer Freundin wieder, der sie von dem unschicklichen Vorkommnis berichtet und mit deutlichem Missfallen den jungen Herrn und Schlosserben Mr. Worthy, der seinen Kopf allzu hoch trägt, beschreibt. 400 Seiten später heiratet sie ihn.«

Das war die Bronzemedaille für April May, während Silber an den zuvor zitierten Franck Le Grand ging. Überraschungssieger aber wurde – dann doch ein Mann aus den Alpen, wo sie am dicksten sind, aus Österreich! Auch dort wird echtes Hoch­deutsch immer beliebter. Mit dem folgenden Text schlug Wolf Brenner aus Graz alle Konkurrenten aus dem Feld:

»Jetzt ist schon wieder was passiert. Und ob du es glaubst oder nicht, in der Tram. Obwohl der Haas fährt in Graz sonst mit dem Moped, aber diesmal ist er mit der Tram. Das alte Moped vom Exkommissar Haas war nämlich ein bisschen ding. Jetzt musst du dir vorstellen, in der Tram war ein stattlicher Mann, der hat einen grünen Filzhut aufgehabt gehabt, mit bunter Kordel, nicht Band, und einer Feder, und einen Janker hat er auch getragen. Und dann immer das Gedränge an den Haltestellen, und jedes Mal rempelt der Mann den Haas an. Jetzt was macht man. Schimpft der Haas also. Aber der Mann kein Wort. Warum? Weil plötzlich freier Sitzplatz, sehr zum Ärger vom Haas, der selber gerne. Und jetzt pass auf. Ist der Haas am Bahnhof ausgestiegen, weil er wollte den Zug nach Wien, weg aus seiner älplerischen Heimat. Aber der Mann von aus der Tram ist jetzt auch da auf dem Bahnhofsplatz. Ist der Haas auf ihn zu, weil er war noch immer irgendwie, du weißt schon. Rachefeldzug Hilfsausdruck. Der Haas also zu ihm: ›Prima schaust aus mit deinem Trachtenanzug und deinem Tirolerhut. Fehlt dir nur noch ein Kropf dazu!‹«

Damit klappen wir den Bericht hier zu. Auf Wiederlesen 2022, wenn die nächste Olympiade der Deutschlernenden aufgetischt wird!

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