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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 12 / Thema
Bildung

Der Weg nach oben

Zwischen konformistischer Melancholie und politischem Engagement. Wie Arbeiterkinder Akademiker werden. Ein Gang durch die neuste autobiographische Literatur (Teil 1)
Von Hans Otto Rößer
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Noch viel Luft nach oben: Auch wenn sich die Zahl der Studierenden seit den 1960er Jahren fast verzwölffacht hat – von 100 Nicht-Akademikerkindern beginnen nur 21 ein Studium, lediglich eines promoviert (Gebäude der Universität Duisburg-Essen, Campus Duisburg)

Gut sechs Jahre nach der westlichen Autosuggestion des »Sputnik-Schocks« Ende 1957 veröffentlichte Georg Picht 1964 das Buch »Die deutsche Bildungskatastrophe«, dessen Titel schon bald zum Vokabular der an Bildungspolitik Interessierten gehörte. Im selben Jahr hielt der damals 35jährige Soziologieprofessor Ralf Dahrendorf eine Rede über »Arbeiterkinder an deutschen Universitäten«. Sein Befund: Im Winter 1962/63 kamen sechs Prozent aller Studierenden aus Arbeiterfamilien, nur ein Prozent stammte aus Familien von »Ungelernten«, immerhin knapp 20 Prozent innerhalb der Gruppe der Arbeiterkinder. Sprach Picht von der Bildungskatastrophe, fasste Dahrendorf seine Befunde im Fazit eines »deutschen Modernisierungsrückstandes« zusammen.

Gut ein halbes Jahrhundert später beziffert die von Elke Middendorf und anderen erstellte und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegebene 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zur »wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland 2016« den Anteil von Studierenden aus Familien, in denen eines der Elternteile maximal den Hauptschulabschluss erreicht hat, mit neun Prozent und den aus Familien, in denen beide Elternteile keinen Schulabschluss haben, mit einem Prozent. Dieser Gruppe standen 52 Prozent der Studierenden entgegen, die Haushalten mit mindestens einem Elternteil mit Hochschulabschluss entstammen.

Kein Fortschritt

Zwischen diesen beiden Befunden liegt eine weitere Erschütterung, der »PISA-Schock«, nach Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten PISA-Erhebung 2000. Danach war die soziale Ungleichheit zwischen den Schülern in keinem der an der Untersuchung teilnehmenden 31 OECD-Staaten bzw. die Abhängigkeit des Schulerfolges vom sozialen Status der Eltern so groß wie in Deutschland. Eine von Klaus Klemm im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes vorgenommene und im August 2021 veröffentlichte Sichtung und Metaanalyse aller seit 2000 in Deutschland vorliegenden großen Leistungsstudien kommt mit Blick auf die IGLU-Studien (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) zum Ergebnis, dass Kinder aus »sozial starken Familien« 2001 eine 2,6mal höhere Chance auf eine Gymnasialempfehlung der abgebenden Grundschule hatten als solche aus »sozial schwächeren Familien« (eine gerade in einer gewerkschaftlichen Veröffentlichung befremdende Terminologie), während sich dieser Chancenvorsprung bis 2016 sogar auf das 3,37-Fache vergrößert habe. Ein echter Fortschritt im Bildungssystem sei seit der Jahrtausendwende immer noch nicht erkennbar. Man kann diesen Sachverhalt durch die Kontrastierung unterschiedlich enger »Bildungstrichter« abbilden: Von 100 Akademikerkindern beginnen 74 ein Studium, das 63 mit dem Bachelor, 45 mit dem Master und zehn mit einem Doktortitel abschließen. Hingegen beginnen von 100 Nicht-Akademiker-Kindern nur 21 ein Studium, das 15 mit dem Bachelor, acht mit dem Master beenden und nur eine Person mit der Promotion abschließt – so René Krempkow auf spektrum.de am 20. November 2017.

Das heißt aber nicht, dass es gar nichts Neues unter der Sonne gibt. Hinter den stagnierenden Prozentualen Angaben stehen ganz unterschiedliche absolute Zahlen. 1962 betrug die Zahl der Arbeiterkinder gut 10.000 unter ca. 250.000 Studierenden an Universitäten und sonstigen Hochschulen. 2019 beträgt die Zahl der Studierenden an allen Hochschulformen zusammen 2,9 Millionen. Zehn Prozent davon entsprechen in etwa der Zahl aller Studierenden an Universitäten um 1968. 1960 nahmen circa sechs Prozent einer Alterskohorte ein Studium auf, 60 Jahre danach liegt die Studienanfängerquote bei 56 Prozent.

In den vergangenen 60 Jahren haben erhebliche Verschiebungen in der Zusammensetzung und im Zuschnitt der Klassengesellschaft stattgefunden. Stellte die sozialstatistische Gruppe der »Arbeiter« zur Zeit der Dahrendorf-Rede noch etwa die Hälfte der Erwerbstätigen, sind es jetzt nur noch knapp 21 Prozent. Dies ist zwar ein Indikator der Deindustrialisierung und Verlagerung volkswirtschaftlicher Kenngrößen in den Dienstleistungssektor, indiziert aber allein den Rückgang der klassischen Industriearbeit, nicht das Verschwinden der Arbeiterklasse als soziologische Kategorie. Diese steht quer zur statistischen Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten und Teilen der Beamten; gerade im Dienstleistungsbereich sind Teilzeitarbeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse besonders verbreitet.

In den 1950er und 1960er Jahren stellten die Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung noch 40 Prozent der Beschäftigten. In den 1980er Jahren nahm jedoch ihr Anteil an den Beschäftigten ab, der Fall in die Erwerbslosigkeit dagegen rapide zu. Seit der neoliberalen Gegenrevolution wuchs aus dieser Beschäftigtengruppe der Sektor von Niedriglöhnern (21 Prozent aller abhängig Beschäftigten) und von atypisch Beschäftigten (21,5 Prozent). Aus dieser sozialen Gruppe rekrutiert sich die kleinste Gruppe der Studierenden aus Nicht-Akademiker-Familien. Aufgrund dieser Ausfransung der Arbeiterklasse nach unten sprechen manche Autorinnen und Autoren von den »Armutsklassen«.

Klassismus

Es gibt aber noch eine weitere neue Entwicklung. Während die regelmäßigen Berichte über die deprimierenden Ergebnisse der zahlreichen Lernstands- bzw. Leistungsstudien routiniert abgelegt werden, kommen seit neuestem öffentlichkeitswirksame Impulse vom autobiographischen Schreiben von Menschen, die den Bildungsaufstieg aus der Arbeiterklasse in die akademisch gebildeten, meist lohnabhängigen Zwischenschichten geschafft haben. Einen wichtigen Anstoß für diese Art der Auseinandersetzung mit sozialer Herkunft und Bildungsinstitutionen gab eine bereits 2009 in Frankreich erschienene Publikation, nämlich Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« (deutsche Erstausgabe 2016).

Hinzu kommt als zweiter Impuls das aus der modisch gewordenen (linken) »Identitätspolitik« stammende Konzept des »Klassismus«. Der aus der angelsächsischen Akademikerszene übernommene Begriff ist analog dem des Rassismus gebildet. Wie »rassifizierte« Individuen diskriminiert und der Verachtung ausgeliefert werden, so verfahre der Klassismus bei Menschen aufgrund ihrer sozialen Zugehörigkeit zu den unteren Klassen. Mit Klassismus wird aber auch die Übernahme solcher demütigenden Fremdzuschreibungen in Selbstzweifeln und Scham der Unteren bezeichnet. Zwar verortet das Konzept den Klassismus durchaus in den bekannten von oben stabilisierten Ungleichheitsbeziehungen, unklar bleibt aber vielfach, ob es dabei vorrangig um Änderung der gesellschaftlichen Ungleichheitsstruktur geht oder um die Erleichterung individueller Aufstiegsmobilität durch Zurückdrängung unterschiedlicher Diskriminierungspraktiken. Wie wenig trivial diese Frage ist, zeigt sich insbesondere an der Vereinnahmung der Klassismuskritik durch die bestehenden ideologischen Apparate, wenn etwa im Namen des wechselseitigen Respekts symbolische Kämpfe ausgefochten werden, ohne die ihnen zugrundeliegenden Verhältnisse ändern zu wollen oder zu können. Wiederholt wird daher diesem Konzept Unklarheit vorgeworfen.

Aufsteigerbiographien

Im Folgenden geht es um autobiographische Berichte von Bildungsaufsteigern, die in den letzten Jahren, meist in Anthologien, im deutschsprachigen Raum erschienen sind. Texte poetischen Anspruchs werden nicht berücksichtigt. Von dieser Entscheidung scheint gleich die aufgrund ihres Erfolges an erster Stelle zu nennende Publikation Christian Barons »Ein Mann seiner Klasse« (2020) abzuweichen. Das Buch unterscheidet sich bereits durch seinen Umfang von den anderen Berichten, vor allem aber durch den Gebrauch erzählerischer Mittel. Trotz der Nähe zur Romanform enthält das Buch keine Gattungsbezeichnung und erhebt implizit denselben Glaubwürdigkeitsanspruch wie die autobiographischen Berichte, die natürlich bei aller Disziplinierung durch Form und Schreibauftrag ebenfalls Stilisierungen sind und von Prozessen des Vergessens, Verdrängens, Auslassens und Beschönigens usw. nicht unberührt bleiben. Auch ein inhaltlicher Unterschied ist zu konstatieren: Während sich die autobiographischen Berichte auf die Bildungspassagen eines Lebens konzentrieren, schildert Baron den Weg von der Kindheit bis zum Abitur. Das Buch endet mit dem Umzug nach Trier zur Aufnahme eines Studiums der Politologie, Soziologie und Germanistik. Seine Erfahrungen mit der Universität und mit der »akademischen Linken« hatte Baron in dem bereits 2016 erschienenen Vorläuferband »Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten« verarbeitet. 2021 erschien dann die zusammen mit Maria Barankow herausgegebene Anthologie »Klasse und Kampf«, die 14 Beiträge versammelt. Diese stellen meist für signifikant erachtete Ereignisse im Leben ihrer Autorinnen und Autoren in den Mittelpunkt und unterscheiden sich schon dadurch von den knappen und durchweg systematischeren Berichten der im Folgenden genannten Anthologien. Die Verfasserinnen sind Schriftsteller, Journalisten oder arbeiten im Theaterbetrieb, zählen also im weitesten Sinn zu der von Baron ansonsten gern geschmähten Kulturlinken.

Deutlich nüchterner sind die autobiographischen Aufzeichnungen in drei weiteren, alle 2020 erschienenen Anthologien gehalten. Die elf Berichte in dem von Betina Aumair und Brigitte Theißl herausgegebenen Sammelband »Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt« (2020) zeigen eine heterogene Autorenschaft. Hier bilden im weitesten Sinn sozialwissenschaftliche Berufe die Hauptgruppe. Viele sind auf dem Land geboren oder dort aufgewachsen und dies nicht nur in Arbeiterfamilien, auch der Sohn eines Wirtes und die Tochter eines kleinen Handwerkerunternehmers sind dabei. Nicht überraschend bei dem Publikationsort, dem Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, ist das erkennbare politische Engagement der Autorinnen, meist in SPÖ-Nähe. Wie in der Anthologie zuvor dominieren auch hier die Beiträgerinnen.

Die im Verlag des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Marburg 2020 erschienene und von Riccardo Altieri und Bernd Hüttner herausgegebene Anthologie »Klassismus und Wissenschaft« versammelt, wie es im Untertitel heißt, »Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien«; im März 2021 ist bereits eine zweite, überarbeitete Auflage erschienen. Nimmt man den im Untertitel wie in der Einleitung betonten Akzent auf »individuelle Erfahrungshorizonte« ernst, können hier drei Beiträge aufgrund ihres fehlenden Bezugs auf individuelle Erfahrungen unberücksichtigt bleiben. Damit liegen elf Erfahrungsberichte von zehn Autorinnen und vier Autoren vor (zwei Beiträge haben mehrere Autorinnen). Einige von ihnen promovieren noch, die relativ stärkste Gruppe gehört dem universitären Mittelbau an. Wie der Titel andeutet, liegt der Schwerpunkt dieser Berichte auf Erfahrungen mit »Klassismus« im Rahmen der bisherigen wissenschaftlichen Karrieren der Berichtenden. Weitgehend unerfüllt bleibt die vom Untertitel geweckte Erwartung, etwas über Bewältigungsstrategien zu erfahren. Symptomatisch für die Dominanz analytischer Perspektiven ist der Titel des Beitrages »Klassismus begreifbar machen, um ihn zu bekämpfen«.

Bis zur Professur

Bleibt noch ein Blick auf die kleine Gruppe derer, die den »Extremaufstieg« vom »Arbeiterkind zur Professur« genommen haben (2020 herausgegeben von Julia Reuter u. a.). Der Band enthält 19 autobiographische Notizen, sieben davon von Frauen. Nur zehn Prozent der deutschen Professorinnen und Professoren kommen aus Haushalten von Nicht-Akademikern. Das sind knapp 5.000 Menschen. Hier wird also der Bildungstrichter sehr eng. Dafür gibt es Gründe. Zum einen bewahrheitet sich am Sachverhalt einmal mehr die Grundregel: Je höher die beruflich-gesellschaftliche Position, desto geringer ist die soziale Durchlässigkeit für Aufsteiger. Zweitens kommt es bei der Besetzung solcher Positionen entscheidend auf Netzwerke an, von denen sogenannte Erstakademiker weitgehend ausgeschlossen bleiben und deren Bedeutung ihnen oft zu spät bewusst wird.

Das fängt schon mit der Vergabe von Studienstipendien an. Nur ein Prozent aller Studierenden kommt in den Genuss einer solchen finanziellen Förderung. Von dieser schmalen Gruppe sind durchschnittlich höchsten 30 Prozent Erstakademiker. Obwohl die wichtigste Fördereinrichtung, die Studienstiftung des Deutschen Volkes, seit Jahren die soziale Öffnung nach unten auf ihre Fahnen schreibt, hat sich seit 2013 an dieser Quote unter den von ihr geförderten Studierenden nichts geändert. Besser stehen nur die Friedrich-Ebert-Stiftung mit knapp 50 Prozent (2018) und die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit 62 Prozent (2019) Erstakademikern unter den von ihnen Geförderten da. Die Stiftungen statten nicht nur Studierende mit vielen Extras wie etwa monatlichem Büchergeld besser aus als durchschnittliche BAFöG-Empfänger, sondern sie legen durch regelmäßige Seminare die Grundlagen für die Bildung von Netzwerken, die später durch Teilnahme an Fachkongressen ausgebaut und fachlich spezifiziert werden können. Arbeiterkinder bevorzugen risikoarme Studienfächer, d. h. Fächer, deren Abschluss schnell und komplikationslos in eine Berufstätigkeit mündet. Diese Orientierung widerspricht der »sozialen Langstreckenmobilität«, die eine Professorenkarriere voraussetzt: Auslandsaufenthalte, studentische Hilfskraftstellen, Promotionsstelle oder -stipendium, befristete Verträge als wissenschaftliche Mitarbeiter und Juniorprofessur sowie Habilitation. Das Risiko, danach, etwa im Alter von 35 bis 40 Jahren, keine Festanstellung zu bekommen, werden die wenigsten eingehen wollen, wenn sie nicht »von Hause aus« einen zumindest ausreichenden finanziellen Rückhalt mitbringen können. Deshalb nehmen nicht nur Fachhochschulprofessoren, sondern auch manche Universitätsprofessoren den Umweg über eine sichere berufliche Anstellung, etwa als Lehrer oder als IT-Kraft. Verständlicherweise haben die Autorinnen dieser Anthologie den höchsten Altersdurchschnitt im Vergleich zu denen der anderen Anthologien. Allein fünf gehören den 1940er und noch einmal so viele den 1950er Jahrgängen an. Sieben unterrichten an Fachhochschulen. Zwei sind Professoren für Mathematik, die anderen kommen alle aus dem Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften.

Diese Unwucht trifft auch für die 58 Verfasserinnen und Verfasser der vorliegenden Texte insgesamt zu. Es kommt zu den beiden Mathematikprofessoren noch eine Mathematikprofessorin hinzu, alle anderen studierten geistes- oder sozialwissenschaftliche Fächer, kein einziger naturwissenschaftlich-technische bzw. angewandte Wissenschaften, obwohl dies neben den Lehramtsstudiengängen die favorisierten Fächer für Erstakademiker sind.

Die Heterogenität dieser Stimmen machen bereits die Hinweise zur Herkunft deutlich. Es sind Kinder von klassischen Industriearbeitern, kleinen Angestellten und Beamten, aber auch von Handwerkern, Bauern und Gastwirten, Immigranten mit wechselnden Tätigkeiten und Aufstiegsperspektiven, Alleinerziehende, die sich etwa als Näherin durchschlagen, Ungelernte, wie Christian Barons Vater, der Umzüge der in Kaiserslautern stationierten GIs und bei Gelegenheit auch andere Dinge »organisiert«, oder Finanzberater. Es gibt ein Leben, das mit Trostlosigkeit, Armut und Plage beschrieben wird, und ein Leben ohne die Erfahrung, dass es an Wesentlichem mangelt. Der Begriff des Arbeiterkindes fungiert somit nicht als analytischer Begriff, sondern wird plakativ verwendet, soll Interesse wecken und Aufmerksamkeit erzeugen. Er dient, wie die Herausgeber von »Vom Arbeiterkind zur Professur« einräumen, als Sammelbegriff für soziale Aufsteiger, deren kleinster gemeinsamer Nenner darin besteht, dass kein Elternteil einen Hochschulabschluss besitzt.

Heterogen sind auch Wohnorte und Wohnbedingungen der Herkunftsfamilien: Stadt, Dorf, Wohnung in einem Schlichtbau im sozialen Brennpunkt, Altbau ohne Bad und Toilette auf dem Flur, eigenes Haus, in den Wirtschaftswunderjahren keine Seltenheit, meist auf Grundstücken in Familienbesitz mit unterschiedlichen Geldmitteln erbaut, immer mit hohem Anteil von Eigenarbeit, in Arbeitersiedlungen mit Baulücken, in den halbdörflichen Vororten der Städte, in Dörfern. In vielen Familien fanden sich genügend Helfer mit unterschiedlichen handwerklichen Fähigkeiten. Verwandtschaft war kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Erfahrung.

Hier spielt neben den Orten auch die Zeit der Kindheit eine Rolle. Leider finden sich dazu in den vorliegenden Berichten meist nur knappe Anmerkungen. Um so eindrucksvoller sticht heraus, was Andreas Stahl über die weitgehend unreglementierte Kindheit in einem westhessischen Dorf der 1970er Jahre schreibt (in »Klassismus und Wissenschaft«). Sie ist nicht in erster Linie das Resultat sozialer Homogenität zwischen kleinen Bauern, Arbeitern und Handwerkern. Kindheiten auf der Straße und auf den Feldern gab es auch in den sozial heterogenen Vororten, wo die Wege zur Stadtmitte oder zu den umliegenden Fluren und Wäldern gleich kurz waren. Auch manche Stadtviertel kannten noch von Kindern belebte Straßen. Das gilt zumindest bis zur Welle der Motorisierung, die das Straßenleben der Kinder erstickt hat. Ganz arm durfte man damals jedoch nicht sein. Man brauchte schon den Roller und später das Fahrrad und Rollschuhe, für den Winter noch einen Schlitten. Es ging um die Beherrschung dieser Geräte, nicht darum, ob der Vater Arbeiter war oder Arzt. Am unwichtigsten war die Kleidung, ob geflickt, gestrickt oder aufgetragen. Es gab Großmäuligkeit und Angeberei auf der Straße, aber keinen Snobismus. Jeder wusste, wer jeder war. Soziale und materielle Ungleichheit blieb daher nicht verborgen, aber der kindliche Blick darauf war eher bestimmt durch ethnologisches Erstaunen: So konnte man also auch leben. Warum sollte man den bessergestellten Kindern ihr eigenes Zimmer neiden, solange man die meiste Zeit im Freien verbrachte oder ohnehin lieber die Hausaufgaben am Küchentisch erledigte, um ja mitzubekommen, was um einen herum sonst noch passierte?

Lesevorbilder

Aufgrund der ähnlichen sozialen Lage gibt es zwischen den individuellen Berichten immer auch Gemeinsamkeiten, die zumindest Teilgruppen betreffen. Als erstes erweist sich der Stempel »bildungsferne Schichten« als Klischee. Es gibt unter den Kindern »leidenschaftliche« Leserinnen, unabhängig davon, ob die Wohnungen voll mit Büchern stehen oder die Bücher in der häufig frequentierten Gemeinde- oder Stadtteilbibliothek ausgeliehen werden. Es gibt zudem unter den Eltern Leservorbilder, manchmal den Vater, der den Typus des belesenen Arbeiters aus der DDR verkörpert, der die Werke von Thomas Mann, Kafka oder Franz Werfel kennt und sich als Maurer oder Lastwagenfahrer erstmals im Westen »abgewertet« fühlt (siehe Francis Seeck und Clemens Meyer in »Klasse und Kampf«). Vor allem aber sind es die Mütter mit ungestilltem Lesehunger. Im Westen fanden sie kaum Unterstützung in der offiziellen Bildungspolitik, aber hier hatten die Arbeiterorganisationen intakte Institutionen wie die Büchergilde Gutenberg hervorgebracht. Lesen war wie der Sonntagnachmittagsfilm im Vorstadtkino, wohin man für eine Mark in der »Rasierloge« dem Zwang der Spaziergänge entfliehen konnte, ein Medium der Selbsterziehung, kein Eskapismus, sondern die Entdeckung von Welten, ohne be- und verurteilt zu werden (Natascha Strobl im Vorwort zu »Klassenreise«), nachhaltige Immunisierung gegen das »stupide System der Erziehung«, gegen die Zumutungen der »offiziellen Erzieher« (Peter Handke 1967).

Die Mütter sind es auch oft, die die Einschulung ihrer Kinder auf ein Gymnasium vorantreiben und sich gegen Widerstände wehren. Meist mussten sie selbst ein Leben unterhalb ihrer intellektuellen Möglichkeiten führen, vor allem weil die finanziellen Mittel für den Besuch einer weiterführenden Schule nicht vorhanden waren und insgesamt die Ausschlussmechanismen gegen unten wirksamer waren als heute. Dass sie darüber weder zynisch noch verbittert geworden sind, sondern aus dieser erzwungenen Entsagung die Energie gezogen haben, ihren Kindern bessere Bildungswege zu öffnen, zeigt sich an den liebevollen und dankbaren Passagen der Berichte, die den Müttern gewidmet sind. Die Väter unterstützen die Entscheidung der Mütter, bleiben aber oft im Hintergrund und halten sich aus Konflikten mit der Grundschule heraus. Ihre Rolle ist die des Hüters der Familienwerte, der Loyalitätserwartungen formuliert: »Vergiss deine Herkunft nicht, werde kein Klassenverräter.«

Lehrermonster

Schenkt man der Mehrheit der Berichte Glauben, sind die Lehrermonster aus den Klassenzimmern der Grundschulen verschwunden. Es gibt keine Kopfnüsse mehr mit dem Geigenbogen, und man bekommt auch keine »runtergehauen«, wenn man eine unklare Anweisung der Lehrerin zum wiederholten Male missverstanden hat. Viele Lehrerinnen sind unterstützend, eine besucht zum Beispiel Christian Baron zu Hause und kauft ihm und seinem Bruder Winterkleidung, andere stehen dem späteren Mathematikprofessor Manfred Brill mit »sanfter Unterstützung« bei, damit er die ersten Jahre auf dem Gymnasium übersteht. Dennoch ist auch noch das Gegenteil der Fall, singt man das alte Lied vom Schuster, der bei seinem Leisten bleiben soll. Christian Baron hat ihm im »Mann seiner Klasse« einen Text unterlegt. Seine Mutter ist kurz vor dem Ende seiner Grundschulzeit gestorben. Er kommt in die Obhut einer Tante, das Sorgerecht hat allerdings das Jugendamt. Nachdem die Tante Christian vergeblich an den Gymnasien der Stadt anzumelden versucht hat, beschwert sie sich mit dem Stapel der Ablehnungen in der Hand beim zuständigen Sachbearbeiter des Jugendamtes. Seine Rechtfertigung der Gymnasien liest sich so: »Was, wenn der Junge im Unterricht nicht mitkommt? Wenn er ein Jahr wiederholen oder sogar die Schule wechseln muss? Immerhin wäre er der Erste und Einzige in Ihrer Familie, der ein Gymnasium besuchen würde. Sie haben doch selbst gesagt, dass Sie ihm spätestens ab der siebten Klasse nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen können.« Der »Klassismus« wird institutionell, benötigt nicht mehr die involvierten Lehrer als Exekutoren. Ohnehin finden solche Passagenkämpfe selten vor den Augen und Ohren der betroffenen Kinder statt. Der Junge geht dann 1995 auf eine Gesamtschule, die es erst seit den 1970er Jahren gibt. Als er schließlich auf eine gymnasiale Oberstufe wechselt und mit der finanziellen Hilfe einer weiteren Tante, die reich geheiratet hat, eine kleine eigene Wohnung in der Stadtmitte beziehen kann, findet er schließlich die Unterstützung des Sachbearbeiters, dem er die eben zitierten Worte in den Mund gelegt hat.

Besprochene Literatur:

– Riccardo Altieri, Bernd Hüttner (Hg.): Klassismus und Wissenschaft. Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien. 2. überarb. Aufl., BdWi-Verlag , Marburg 2021 (Reihe Hochschule Bd. 13)

– Betina Aumair, Brigitte Theißl (Hg.): Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt. Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien 2020

– Maria Barankow, Christian Baron (Hg.): Klasse und Kampf. Claassen im Ullstein-Verlag, Berlin 2021

– Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse. Claassen im Ullstein-Verlag, Berlin 2020

– Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten. Das Neue Berlin, Berlin 2016

– Julia Reuter, Markus Gamper, Christina Möller, Frerk Blome (Hg.): Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft. Autobiographische Notizen und soziobiographische Analysen (Gesellschaft der Unterschiede, Bd. 54). Transcript-Verlag, Bielefeld 2020

Hans Otto Rößer ist »Erstakademiker«. Nach Lektoraten in der VR China und Japan Lehrer an einer Berufsschule, dann Abendschule und bis zum Ende seiner Dienstzeit Aufgabenfeldleiter an einem Oberstufengymnasium.

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