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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Gib mir deinen Körper

Der Film »Venom 2: Let There Be Carnage« offenbart neben einer kruden Story handwerkliche Schwächen
Von Marc Hairapetian
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Beißt seinen Feinden gern die Köpfe ab: Venom

Ein Blutbad wird im Titel angekündigt. Doch das bleibt weitgehend aus, denn um in den USA die begehrte jugendfreundliche Altersfreigabe PG-13-Rating zu bekommen, haben sich die Macher – zu denen als Mitproduzent Eddie-Brock-/Venom-Doppel-Hauptdarsteller Tom Hardy gehört – diesbezüglich stark eingebremst. Vielleicht auch besser so, wenn man bedenkt, dass sowieso zuviel Gewalt in Hollywoodstreifen zelebriert wird und Alec Baldwin am Set des Westerns »Rust« in New Mexico Kamerafrau Halyna Hutchins erschoss, weil ihm ein Regieassistent anstelle einer mit Platzpatronen geladenen Requisentenwaffe versehentlich eine mit scharfer Munition ausgehändigt hatte.

Überhaupt ist »Venom 2: Let There Be Carnage« eine kinematographische Mogelpackung. Die Fortsetzung des ersten Teils von 2018, der zwar von den Kritikern belächelt wurde, aber an den Kinokassen weltweit rund 856 Millionen US-Dollar einspielte, orientiert sich nur lose an den Marvel-Comics. Hier wie dort ist Venom ein eigensinniger, symbiotischer Alien, der einen Wirt benötigt, um zu überleben, diesem aber im Gegenzug außergewöhnliche Kräfte verleihen kann. Der Außerirdische erschien im Comic zum ersten Mal in »The Amazing Spider-Man, Nr. 252« im Mai 1984 – allerdings noch ohne Namen. Vier Jahre später schufen David Michelinie und Todd McFarlane das markante Duo: Eddie Brock debütierte in »The Amazing Spider-Man, Nr. 298« im März 1988, und als Venom gab er in »The Amazing Spider-Man, Nr. 300« im Mai 1988 seinen Einstand. Als Realfigur war der schwarze Berserker mit den weißen Augen erstmals im Film »Spider-Man 3« (2007) zu sehen und wurde hier von Topher Grace verkörpert.

Während Eddie Brock als investigativer Reporter ein ziemlich ungepflegter Zeitgenosse ist – dem Tom Hardy mit Fünftagebart und Schmuddel-Look äußerlich bestens entspricht – beißt Symbiont Venom, lange Zeit Spider-Mans größter Widersacher, seinen Feinden reihenweise die Köpfe ab. Die Comics zeigen das sehr unzensiert. Im Film überwiegt die (digitale) Materialschlacht. Auch der Inhalt wirkt krude: Eddie Brock hat sich mit dem außerirdischen Parasiten in seinem Körper mehr oder weniger arrangiert. Allerdings will Venom am liebsten den ganzen Tag Bösewichte fressen, während Eddie darum kämpft, seine Medienkarriere wieder in Gang zu bringen. Da kommt Serienkiller Cletus Kasady (Woody Harrelson) wie gerufen. Den elektrischen Stuhl überlebt der Psychopath nur, weil er sich ebenfalls mit einem Symbionten verbunden hat: Als Carnage sorgt er mit seiner Geliebten Frances Barrison alias Shriek (Naomie Harris), die über Schallsuperkräfte verfügt, bis zum ermüdenden Showdown für Unruhe.

Tom Hardy ist dem Symbionten aus dem digitalen 3-D-Zauberkasten schauspielerisch nicht gewachsen. Und Woody Harrelson als Antagonist Cletis/Carnage gibt nur die tumbere Variante seiner Serienkillerkultrolle aus »Natural Born Killers« (1994). Auch handwerklich ist der zweite Film aus Sonys Spider-Man-Universe eine Enttäuschung: Andy Serkis, der dank des »Performance Capturing« Monster-Hobbit Gollum in »Herr der Ringe« (2001–2003) und Schimpanse Caesar in der neuen »Planet of The Apes«-Saga (2011–2017) so eindrucksvoll verkörperte, ist mit der Regie überfordert. Und das Bild über weite Strecken des Films überbelichtet. Kaum zu glauben, dass hierfür der dreifache Oscar-Gewinner- und Tarantino-Kameramann Robert Richardson hinter der Linse stand! Das Beste kommt allerdings wirklich zum Schluss: Beim Abspann zaubert Komponist Marco Beltrami ein düsteres, aber doch tanzbares Instrumental aus dem Ärmel, das jeden James-Bond-Streifen akustisch aufpolieren würde.

»Venom 2: Let There Be Carnage«, Regie: Andy Serkis, USA 2021, 98 Min., bereits angelaufen

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