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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Am Punk kratzen

»Dark Matters«, das 18. Album der Stranglers ist draußen
Von Hannes Klug
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Sinn für Ökonomie: The Stranglers (1980)

Im Zentrum dieses Albums steht eine Lücke: Sie klafft dort, wo eigentlich Dave Greenfield, der exzentrische – heute würde man wohl sagen: autistische – Keyboarder der Stranglers seinen Platz hatte. »Dark Matters«, das 18. Album dieser famosen britischen Band, war zu großen Teilen fertig, als 2019 eine Tour die Aufnahmen unterbrach. Was dann geschah, konnte niemand voraussehen: Greenfield erkrankte gleich zu Beginn der Pandemie am Coronavirus und verstarb am 3. Mai 2020. 45 Jahre lang war er aus dem Sound der Band nicht wegzudenken gewesen, mehr noch: Er hat ihn wegweisend bestimmt. Wenn etwas die Stranglers von allen anderen Bands ihrer Ära unterschied, dann war es die Freigeistigkeit, mit der Keyboard und Bass sich in den Songs vergnügten und die Gitarre holprig und nicht selten in lustvoller Anarchie überstimmten; Songs, deren Verschmutzungsgrad eigentlich nach dem Label »Punk« verlangte, die aber oft viel zu sperrig, zu schleppend, zu zerkratzt, zu fragmentiert waren, um wirklich als Variante dieses Genres durchzugehen. Statt dessen hielten sich Wüstes und eine verstörende, liebliche Schönheit in Songs wie »Peaches«, »Skin Deep«, »No more Heroes« oder »Always the Sun« die Waage. Insgesamt schafften es immerhin 23 Singles der kruden, manchmal als machistisch verschrienen Band in die Top 40 der englischen Charts.

Dave Greenfields psychedelische Orgel erinnerte dabei manchmal an Prog-Rock-Eskapaden und manchmal an die Doors, wurde dann aber doch wieder von einem Sinn für Ökonomie eingefangen, dem man nicht dogmatisch hörig war: Die Stranglers hatten nie ein Problem damit, ihre Stücke auf sechs oder sieben Minuten auszudehnen, und wem das nicht passt: Fuck you. Das Merkwürdige, Berückende, zugleich Unheimliche ist, dass Greenfield, dem dieses Album als Tribut und Nachruf gewidmet ist, auf acht der elf Stücke noch anwesend ist. An- und Abwesenheit treten so in eine seltsame, dialektische Beziehung zueinander und verströmen eine geisterhafte Atmosphäre. Fehlen tut er naturgemäß auf demjenigen Stück, um das dieses ganze Album kreist und das seinen Namen im Titel trägt: »And if you should see Dave …«, geschrieben von Bassist und Sänger Jean-Jacques Burnel, beherbergt die ganze Trauer um einen Freund, der plötzlich verlorengegangen ist: »How does it feel to be left in midconversation no less, and things that should have been said now left as eternal regret« – ein ewiges Bedauern über nicht zu Ende geführte Sätze ist das, was von der Trauer zurückbleibt. Im Grunde verwundert es nicht, dass die beiden verbliebenen Bandmitglieder der Ansicht sind, das sei ihr »erstes erwachsenes Album« – wohlgemerkt seit dem Jahr 1974, als die Band sich gründete.

Und so erfinden sich die Stranglers auch dieses Mal neu, zum x-ten Mal in ihrer Geschichte, die an Brüchen und Widrigkeiten nicht gerade arm ist. 1990 kam ihnen Sänger und Song­writer Hugh Cornwell abhanden, doch die anderen Bandmitglieder machten einfach ohne ihn weiter. So auch jetzt. Neben der Trauer ist Älterwerden das zweite große Thema von »Dark ­Matters«. Das gilt exem­plarisch für den Song »The Lines«, der melancholisch die Falten und Linien im Gesicht beschreibt, die J. J. Burnel beim Blick in den Spiegel anblicken. Die Stranglers haben die Tage der Rebellion zugunsten einer Altersweisheit überwunden, die das Stadium der Milde noch nicht ganz erreicht hat. So bleiben Zähigkeit und Widerständigkeit als elementare Qualitäten einer Band bestehen, die sich als unkaputtbar erweist und Schicksalsschläge als Herausforderungen begreift. Die Düsternis des Todes trägt »Dark Matters« wie selbstverständlich in sich, aber da ist auch dieser Hang zu süßlichen Melodien, dem sich die Stranglers nie so ganz verweigern konnten. Die Liebe ist nun wahrlich kein Stranglers-Thema – eher singen sie über den »Arabischen Frühling« (in »Water«), über Heroinsucht, außerirdische Angreifer oder heilsamen Trennungsschmerz wie in »This Song«. Dieses Album aber hinterfragt vieles und vergibt alles. »If something’s gonna kill me (it might as well be love)« heißt eine der lieblicheren Kompositionen, die aber trotzdem nicht auf apokalyptische Szenarien verzichten kann. So bleibt hier aus fast fünf Jahrzehnten Bandgeschichte genug Lebenserfahrung stecken, um auch jetzt noch ein bemerkenswertes Album rauszuhauen.

The Stranglers: »Dark Matters« (­Coursegood)

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