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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 10 / Feuilleton

Goldene Pässe

Von Erwin Riess
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Was man auf Zypern so tut: »Man genießt Luft, Sonne und Meer, liest englische Zeitungen und verfolgt anfliegende Flugzeuge«

An einem nebligen Herbsttag befanden sich Herr Groll und der Dozent auf der Donau-Uferpromenade bei Greifenstein. Der Schiffsverkehr war schwach, obwohl Herr Groll meinte, dass auf der Donau 30 bis 40 Kabinenschiffe unterwegs seien. In den besten Zeiten, vor rund zehn Jahren, hätten über 160 Kabinenschiffe die Donau befahren. Flusskreuzfahrten seien nicht billig, besonders alte und wohlhabende Menschen schätzten diese Form des Reisens.

»Herrschaften mit Geld lassen es sich überall gutgehen«, meinte der Dozent. »Haben Sie von den ›Pandora Papers‹ gehört? Steuerschwindel in Milliardenhöhe! Und immer wieder dieselben Täter – Großkonzerne, Milliardäre, reiche Erben, die, ohne je einen Finger krumm zu machen, in Saus und Braus leben!«

»Ich weiß nur von den Profiteuren der ›Panama Papers‹«, antwortete Herr Groll. »Der Skandal ist aber schon eine Weile her.«

»Auch da ging es um Steuervermeidung im großen Stil. Es sind eben immer dieselben paar zehntausend, die glauben, Regeln gelten nur für die anderen.«

»Das sagen Sie, der Sie aus einer Millionärsfamilie kommen!«

»Ich habe mich schon vor langem von meiner Klasse losgesagt, das sollten Sie doch wissen! Was für die Herren Marx und Engels galt, darf unsereins auch für sich in Anspruch nehmen.«

»Aber Sie leben noch in der Villa Ihrer Frau Mama in Sichtweite des Schlosses Schönbrunn!« ließ Herr Groll nicht locker.

»Ich bewohne das ehemalige Dienstbotenzimmer im Erdgeschoss, das ist nicht einmal so groß wie Ihre Gemeindewohnung«, beharrte der Dozent.

»Auch im Verzicht muss Ihresgleichen besser als die wahrhaft armen Schlucker sein«, meinte Herr Groll abschätzig. »Die Truppe um den gefallenen Kanzler war auch der Meinung, dass sich ihr Plafond tausend Kilometer über dem Himmel befinde. Diese Herrschaften werden von der Macht nicht lassen, das ist so sicher wie die Herbststürme. Sie haben ja nichts anderes, in sich finden sie keinen Grund. Ich muss dieses unwürdige Schauspiel nicht mitansehen. Also ziehe ich die Konsequenzen und gehe für einige Zeit nach Zypern. Ein Freund in Larnaka vermietet barrierefreie Appartements. Fünfter Stock, mit Lift, berollbares Bad, große Küche, freier Blick auf die 750 Meter hohe Stavrovouni-Spitze mit dem Kloster obenauf.«

»Und was werden Sie in Zypern machen?«

»Was man auf der Insel eben so tut. Man genießt Luft, Sonne und Meer, liest englische Zeitungen und verfolgt anfliegende Flugzeuge, die in einer kühnen Kurve über der Bucht von Larnaka zum Landeanflug auf dem neuen Airport ansetzen. Und abends findet man sich zu einem halben Lammschädel in einem Restaurant am Ufer ein und trinkt dazu schweren Rotwein aus den Bergen. Ach ja, das habe ich noch vergessen: Man lässt sein Geld arbeiten.«

Der Dozent sah seinen Freund verblüfft an. »Sie und Geld?«

»Ich habe mir etwas erspart, ganze 105 Euro, und ich werde sie diversifiziert anlegen, in Briefkastenfirmen«, erläuterte Groll. »Bei fünf Briefkastenfirmen werde ich je 20 Euro deponieren, und dann werde ich das Geld Tausende Male von Briefkasten zu Briefkasten schicken. Und schließlich schaue ich nach, ob sich das Geld vermehrt hat.«

»Viel Glück!« sagte der Dozent sarkastisch.

»Danke, ich kann es brauchen«, erwiderte Groll. Und fügte hinzu, dass er nicht vorhabe, die Millionen zu verprassen. »Mein bescheidener Traum ist eine Villa mit sechs Schlafzimmern, fünf Badezimmern, einer Garage für sechs Autos, einen Tennisplatz, einen Pool und ein Personalwohnhaus für zehn Asylwerber, die den Laden schupfen, wenn ich da bin. Und auch wenn ich nicht da bin.«

»Sie sind ja ein Rassist!« rief der Dozent.

»Ich nehme mir nur ein Beispiel an den Neureichen aus Osteuropa, die mit Hilfe sogenannter goldener Pässe auf die Insel kamen. Sie besitzen Villen in Pervolia am Strand, keine 20 Kilometer außerhalb von Larnaka und fünf Kilometer vom Flughafen entfernt. Ich trainiere dort gern. Es gibt einen asphaltierten Weg vor den Gärten der Millionäre oberhalb des Meers. Und überall sehe ich asiatische oder afrikanische dienstbare Geister.«

»Ausbeutung!« Der Dozent war empört.

»Die Klasse der armen Schlucker hat die Zockerei nicht in die Welt gesetzt«, widersprach Groll. »Räumen Sie einmal mit Ihren Klassengenossen auf, dann sehen wir weiter. Ich reserviere Ihnen gern ein kleines Zimmer in meiner Strandvilla.«

»Ich nehme an, ein Dienstbotenzimmer.«

»Lassen Sie sich überraschen«, erwiderte Herr Groll.

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