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Aus: Ausgabe vom 25.10.2021, Seite 5 / Inland
Ausbeutung

Willkür auf den Feldern

Jahresbericht »Saisonarbeit in der Landwirtschaft« listet erneut schwere Rechtsverstöße auf. Staat kontrolliert kaum
Von Bernd Müller
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Staatlich gedeckte Ausbeutung: Saisonarbeiter bei der Spargelernte 2020

Ausbeutung kennt in Deutschland viele Gesichter – eines davon ist die Saisonarbeit in der Landwirtschaft. Wenig Lohn, schlechte Unterkünfte, keine Krankenversicherung: Die Initiative »Faire Landwirtschaft« hat auch in diesem Jahr eine Reihe eklatanter Rechtsverstöße aufgedeckt. Am Freitag stellte sie ihren Jahresbericht vor, in dem wieder zahlreiche Fallbeispiele aufgeführt sind.

Eines davon stammt von zehn Rumänen, die in einer Baumschule in Nordrhein-Westfalen beschäftigt waren. Im Februar wandten sie sich an eine Beratungsstelle in Düsseldorf. Dort berichteten sie, sie hätten während der gesamten Zeit ihrer Arbeit in dem Unternehmen ihre Pässe als Kaution abgeben müssen. Sie hätten Dokumente unterzeichnen müssen, bei denen sie nicht wussten, was sie da eigentlich unterschreiben. »Man sagte uns, das sei der Arbeitsvertrag, ein eigenes Exemplar bekamen wir aber nicht.« Im Verhältnis zu den tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden habe der Lohn nur bei etwa vier Euro je Stunde gelegen. Man sei von den Vorgesetzten angeschrien und körperlich attackiert worden. Als sie es wagten, sich darüber zu beschweren, wurden sie auf die Straße gesetzt. »Ohne Vorankündigung verloren sie am frühen Morgen ihre Arbeit und ihre Unterkunft und waren bei Minusgraden der Witterung ausgesetzt – ohne Pässe und ohne Geld«, heißt es in dem Bericht.

Wie oft so etwas vorkommt, lässt sich kaum beziffern. Die Initiative »Faire Landwirtschaft« beklagte, ihre Aktivisten seien in diesem Jahr von den Landwirten stärker als in den Vorjahren bei ihren Versuchen behindert worden, mit den Saisonarbeitern Kontakt aufzunehmen. Auch staatliche Kontrollen gebe es viel zu wenige. Im April, dem Erntemonat für Spargel, habe der Zoll in Bayern in den letzten Jahren nur zwei bis vier Kontrollen durchgeführt. Und in Niedersachsen belief sich demnach die Gesamtzahl der Zollkontrollen auf 105. Bundesweit gelte, so heißt es in dem Bericht, dass in der Landwirtschaft weit weniger kontrolliert wird als in anderen Branchen, die von Arbeitsmigration geprägt sind.

Ohne Saisonarbeiter geht in der deutschen Landwirtschaft nicht viel. Sie pflücken Gurken und Erdbeeren, stechen Spargel, ernten Hopfen und zupfen Unkraut. Wie viele von ihnen jedes Jahr nach Deutschland kommen, kann nicht genau gesagt werden. Im Jahr 2019 waren es ungefähr 274.000 Männer und Frauen, vor allem aus den Ländern Osteuropas. Die Initiative »Faire Landwirtschaft« schätzt, dass auch in diesem Jahr wieder so viele nach Deutschland kamen; zum ersten Mal auch Georgier. Und besonders hoch sei der Anteil der Ukrainer gewesen, die mit dem Status von Praktikanten und Ferienjobbern auf den Feldern arbeiteten.

Besonders schutzlos sind die Saisonarbeiter der Willkür der Landwirte ausgeliefert. In dem Fall der zehn Rumänen half nur der Einsatz der Polizei, dass sie ihre Pässe zurückbekamen und die ausstehenden Löhne ausgezahlt wurden, die sich schon auf mehrere tausend Euro summiert hatten. Aber das und eine Strafanzeige bewegten den Inhaber des Betriebes offenbar nicht dazu, den Umgang mit den Arbeitern zu ändern. Bei einem Feldbesuch im Sommer habe eine weitere Gruppe von Rumänen von Zuständen berichtet, die sich mit den Aussagen der Beschäftigten im Februar deckten.

Harald Schaum, stellvertretender Bundesvorsitzender der IG Bauen, ­Agrar, Umwelt (IG BAU), erklärte in einer Pressemitteilung zum aktuellen Jahresbericht »Saisonarbeit in der Landwirtschaft«: »Diese permanenten massiven Arbeitsrechtsverletzungen in der Saisonarbeit müssen endlich aufhören«. Die neue Bundesregierung müsse die Empfehlungen der »Zukunftskommission Landwirtschaft« umsetzen und die Agrarsubventionen der Europäischen Union an soziale Kriterien koppeln.

Anja Piel, Mitglied des Vorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), forderte an gleicher Stelle: »Die nächste Koalition muss der Ausbeutung auf deutschen Feldern ein für allemal ein Ende setzen«. Sie kritisierte die während der Pandemie auf 102 Tage verlängerte Zeit, in der Saisonkräfte ohne Sozialversicherung beschäftigt werden durften. »In der Landwirtschaft müssen staatliche Kontrollen ausgeweitet und Arbeitszeit verlässlich erfasst werden«, sagte sie. Außerdem müssten die Landwirte verpflichtet werden, die Kosten für menschenwürdige Unterkünfte zu tragen.

Ab kommendem Jahr müssen die Landwirte für die Saisonarbeiter eine Krankenversicherung nachweisen. Doch Katharina Varelmann von der Initiative »Faire Landarbeit« befürchtet, dass auch hier »gespart« wird. Sie rechne damit, dass viele »Arbeitgeber« private Gruppenversicherungen mit unklarem Leistungsumfang abschließen werden. Die Arbeiter hätten aber so immer noch keinen direkten und vom Chef unabhängigen Zugang zu den Leistungen.

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