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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

All diese Gewalt und ihre Herrlichkeit

Von David Blum
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Jochen Jager wurde »Taube« genannt, aber die Frau, die jetzt vor ihm stand, wusste nichts davon.

»Ich freue mich, dass Sie es einrichten konnten, Herr Jager«, sagte sie und bat ihn herein.

Taube gab ihr die Hand. »Was hat Kevin denn angestellt?«

»Lassen Sie uns doch hochgehen.« Die Frau drückte die Eingangstür zu und ging an Taube vorbei. »Die Kinder sind jetzt zwar draußen … Aber lassen Sie uns doch hochgehen.«

Oben im Flur hing eine Wäscheleine, an der Kinderzeichnungen festgemacht waren. Die Frau konnte problemlos unter der Leine hindurchgehen, Taube musste sie anheben, um nicht mit dem Kopf daran hängenzubleiben. Sie gingen an den leeren Gruppenräumen vorbei ins Büro.

»Kaffee?«

»Gern.«

Taube zog eine Tasse zu sich. »Hat er wieder gebissen?«

»Kevin ist ein großartiger Junge.« Die Frau klappte eine Akte auf.

»Jetzt kommt gleich das Aber.«

Die Frau blickte von den Aufzeichnungen auf.

Taube nahm sich einen Keks aus der Dose, die zwischen ihm und der Leiterin der Kita stand. Er würde sich nie an diese Art des Umgangs gewöhnen. Er war nicht gut zwischen den Zeilen.

»Kommen wir also gleich zum Wesentlichen. Wie Sie wollen.« Die Frau lächelte ihn an. »Ihr Kevin ist ein großartiger Junge. Die Sache ist nur: Ihr Kevin spielt.«

Taube sah die Frau zum ersten Mal richtig an. Es war ihr anzusehen, dass sie viel lächelte, und Taube konnte sich nicht vorstellen, wie sie in der Lage sein sollte, ein Team zu führen. »Er ist ein Kind … Ist es nicht das, was die Kinder hier tun sollen?«

»Sie verstehen nicht«, sagte die Frau. »Es fällt mir schwer, das zu sagen … Sie sind bei allen Eltern gut angesehen, Sie haben soviel für uns getan. Mir ist bis heute nicht klar, woher plötzlich dieser Eisschrank kam.«

Taube setzte an, es ihr noch einmal zu erklären.

»Ich weiß«, sagte die Frau. »Ihr Schwager.«

»Mein Schwager.« Taube verschränkte die Arme vor der Brust.

»Um es also geradeheraus zu sagen«, sagte die Frau schließlich, »Ihr Kevin spielt eigentlich nicht, er wettet.«

»Er wettet?«

»Ein äußerst untypisches Verhalten für einen Fünfjährigen.«

»Worauf wettet er?«

»Alles Mögliche.« Jetzt, wo es einmal heraus war, sprach die Frau viel lauter. »Er wettet, wer als nächstes abgeholt wird. Er wettet darauf, welchen Tee es am Nachmittag gibt.« Sie nahm sich einen Keks. Bevor sie davon abbiss, sagte sie: »Ihr Kevin wettet sogar darauf, welches Kind als nächstes weint.«

»Und mit wem wettet er?«

»Mit den anderen Kindern … Er hat es auch mit seinem Erzieher versucht. Zuerst haben wir es als Spiel abgetan. Aber die Eltern beschweren sich. Kevin hat ihren Kindern das Frühstück abgenommen, ihre Kuscheltiere.«

»Verstehe.« Taube konnte nicht anders, als zu lächeln. Er fuhr sich mit der Hand über den Kopf, und das Reiben der kurzen Haare an der Handfläche hatte die gewohnt beruhigende Wirkung auf ihn. »Ich werde mich darum kümmern.«

»Können Sie sich erklären, wie er zum Wetten kommt?«

Taube schüttelte den Kopf. »Aber wenn ich sage, dass ich mich darum kümmere, dann tue ich es auch.« Er stand auf, erst in der Tür drehte er sich noch einmal um. »Worum ging es denn überhaupt?«

»Irgendein Fußballspiel«, sagte die Frau und klappte die Akte zu.

*

Taube freute sich jedes Mal, wenn Samira bediente. Sie war neu im Café, und Taube fand, dass sie den Raum mit dem aus Backstein gesetzten Tresen etwas heiterer machte. »Hallo, mein Schatz«, sagte er.

»Hallo, mein Spatz.« Ohne dass Taube etwas sagen musste, drehte Samira sich um und hantierte mit der Kaffeemaschine.

Wo holte Khan nur diese Mädchen her? Ob Samira wusste, was im »Four Eyes« gespielt wurde? Oder war es gerade das Anrüchige, das den Job für sie interessant machte? Mit einem Lächeln nahm Taube seinen Espresso entgegen, klopfte auf den Tresen und ging zu den Toiletten. Vor dem Männerklo bog er ab, drückte eine Tür auf und stand sofort in dichtem Zigarettenqualm. Genau wie im vorderen Bereich war auch hier ein Fernseher unter der Decke angebracht. Taube sah dabei zu, wie die Greyhounds dem Hasen nachjagten, aber interessanter fand er die Gesichter der Spieler, die in den schweren, schwarzen Sesseln hingen. Windhundrennen seien der perfekte Einstieg, hatte Khan ihm einmal erzählt. Die Einsätze waren gering, zwei Euro, fünf Euro, maximal zehn. Die Rennen wurden in rascher Folge gestartet und waren schnell beendet, das Geld ging munter durch die Hände. Mit den Hunderennen wurden die Spieler an das Spielen gewöhnt. Abend für Abend konnte Taube sich davon überzeugen. Taube stellte seine Tasse ab und begrüßte jeden Gast mit Handschlag. Es war wichtig, eine Beziehung zu den Spielern aufzubauen, um so leichter würde es später werden. Bevor Taube jedoch ein Gespräch beginnen konnte, flüsterte ihm jemand ins Ohr, dass Khan ihn erwartete.

Khan saß mit dem Handy am Ohr hinter seinem Schreibtisch. Wie immer erschien Taube der Tisch eine Nummer zu groß für das kleine Büro. Zum Gruß streckte Khan lediglich den Zeigefinger der Hand aus, mit der er telefonierte. Mit einem Nicken gab er Taube zu verstehen, dass er Platz nehmen sollte. Khan telefonierte in einer Sprache, die Taube nicht verstand. Er hatte allerdings längst begriffen, dass die Sprache am Telefon sehr laut gebraucht werden musste.

Khans Stimme wurde noch einmal kräftiger, dann warf er das Telefon einfach auf den Schreibtisch. Kurz war der andere Gesprächsteilnehmer noch zu hören, dann hatte er offensichtlich aufgelegt. Khan faltete die Hände und atmete tief durch. »Wie geht es dir, Jochen?« fragte er, darum bemüht einen leichten Akzent zu verbergen.

»Kann nicht klagen.«

»Das ist gut. Das ist sehr, sehr gut.« Khan zog einen mit Alufolie bedeckten Teller heran. »Kuchen? Von meiner Mutter. Bitte, probiere!«

»Danke, danke.« Taube hob die Hände.

»Ich bezahle dich, oder nicht?« Khan zog die Folie weg und schob Taube den Kuchen zu. »Du musst probieren.«

Taube nahm sich ein Stück des glänzenden, klebrigen Gebäcks. Es war sehr fest, schmeckte nussig und süß. »Danke.« Taube leckte sich die Finger. »Sehr gut. Wirklich sehr, sehr gut.«

»Von meiner Mutter.« Khan lächelte. »Wie geht es deiner Frau? Bist du gut zu ihr?«

»Sehr gut bin ich zu ihr.«

»Das ist gut. Es ist gut, eine gute Frau zu haben.«

Taube nickte. »Ausgezeichnet ist das.«

»Wie geht es Konrad?«

»Er heißt Kevin.«

»Kevin, natürlich. Probleme mit ihm?«

»Woher weißt du das?«

»Es war eine Frage.«

»Nicht der Rede wert.«

Das Handy auf dem Tisch vibrierte. Khan sah auf das Display und drückte den Anruf weg. »Weißt du, welcher Tag heute ist?«

»Montag.« Taube wusste, worauf Khan hinauswollte, aber er spielte das Spiel mit. »Es müsste Montag sein.«

»Heute ist Zahltag«, sagte Khan erbost. »Es ist Zahltag, aber niemand zahlt. Ist das eure berühmte Mentalität?«

Taube bemühte sich, ein aufmerksames Gesicht zu machen. Aber er hatte dieses Schauspiel schon zu oft erlebt.

»Deswegen habe ich mein Täubchen gerufen.« Khan lächelte Taube mit vielen Zähnen an. »Mein Täubchen überbringt ihnen eine Botschaft.« Khan schob einen Zettel über den Tisch. »Ich habe alles notiert. Du wirst ihn dort treffen.«

Taube ließ den Zettel liegen. Er räusperte sich.

»Was ist? Was ist mit meinem Täubchen?«

»Damit …«, Taube deutete auf den Zettel, »damit sind wir dann quitt?«

»Sind wir?« Khan holte ein in Leder gebundenes Buch aus dem Schrank und blätterte darin, murmelte dabei etwas in der fremden Sprache. Dann sagte er: »Nein, nein, mein Täubchen irrt sich. Hier, es ist noch etwas. Ein bisschen muss mein Täubchen noch für mich fliegen.«

»Wieviel?«

»Es ist nicht mehr viel. Aber es ist noch ein bisschen.«

Taube gab sich keine Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen.

»Aber lass uns sehen, wie es heute Abend läuft, und dann reden wir. Mein Täubchen soll es gut bei mir haben.«

Taube dachte nach. Dann nahm er den Zettel an sich.

»Sehr schön«, sagte Khan. »Letztlich werden wir uns doch immer einig. Die Leute haben eine schlechte Meinung von mir, dabei gebe ich doch jedem, wonach er verlangt.«

*

Die Freisitze im Viertel waren gut gefüllt. An den Laternen hingen Plakate, die auf das Rückspiel hinwiesen – jedes von ihnen erschien Taube wie ein Versuch, ihn von seinem Auftrag abzubringen.

Wie Khan es vorausgesagt hatte, hielt sich Neumann in einer Eckkneipe am Park auf. Er saß einsam an einem Tisch und drehte ein kaum gefülltes Glas hin und her.

Taube nahm am Tresen Platz und bestellte eine Cola. »Und ein Bier für da drüben«, sagte er.

Neumann schaute auf, als ihm das unerwartete Getränk serviert wurde, entdeckte Taube und senkte schnell den Blick.

Taube nahm sein Glas und ging zu Neumann hinüber. »Was dagegen?« Er setzte sich, ohne auf Neumanns Antwort zu warten. »Weißt du, warum ich hier bin?«

Neumann starrte auf das frische Glas, das direkt vor ihm stand.

»Weißt du es?«

Neumann nickte.

»Gut, sehr gut. Es ist gut, wenn in den grundlegenden Dingen Einigkeit besteht.« Taube betrachtete Neumann von der Seite. Er sah aus, als hätte er einen harten Tag gehabt, einen verdammt harten Tag. »Du bist nicht sehr gesprächig.«

Neumann zuckte mit den Schultern.

»Lass uns etwas essen gehen.« Taube leerte sein Glas in einem Zug und ging aus dem Lokal. Er hatte keinen Zweifel, dass Neumann ihm folgen würde.

*

»Kennst du den Laden?« fragte Taube, nachdem man ihnen einen Tisch zugewiesen hatte. Er faltete die Serviette auf und legte sie sich auf den Schoß. Natürlich wusste er, dass Neumann das Restaurant kannte. Es war kein Geheimnis, dass die Mannschaft dort ihre Siege feierte, und die Aufnahmen, die hinter dem Tresen an der Wand hingen, bestätigten es.

»Gefällt dir der Platz?« Taube lehnte sich genüsslich gegen die Wand, Neumann hatte den Raum ganz in seinem Rücken. »Wir wollen uns doch vertragen«, sagte Taube und öffnete die Speisekarte.

Neumann rutschte auf seinem Stuhl hin und her.

Taube war froh, dass sein Gegenüber eine Regung zeigte. »Wie geht es dem Knie?«

»Geht schon.«

»Ich weiß, wie du dich fühlst.« Taube legte die Hand auf sein rechtes Knie. »Früher habe ich geboxt. Aber die Knochen …«

»Das hast du mir schon erzählt«, sagte Neumann. Zum ersten Mal sah er Taube ins Gesicht.

Taube erzählte den Spielern gerne, dass er geboxt hatte. Dabei war er nie auch nur in der Nähe eines Boxrings gewesen. Aber es war eine gute Erklärung für die schiefe Nase. Und er wusste, dass es auf die Spieler Eindruck machte. Es war eine Lüge, aber er hatte Neumann damit aufgemacht. Nun musste er dranbleiben. »Stimmt, wir haben schon darüber gesprochen. Über das Knie und die Nase und das alles. Die meisten unterhalten sich gerne mit mir, sie erzählen mir alles über sich. Aber später können sie sich dann an nichts mehr erinnern.«

Neumann sah sich um, er fühlte sich sichtlich unwohl.

»Was denkst du über morgen? Wie ist dein Gefühl?«

»Schwer zu sagen.«

»Ihr werdet sie umhauen.«

»So einfach wird das nicht.«

»Sie liegen am Boden. Sie sind angezählt.«

»Wir hätten ein Tor machen müssen. Jetzt können sie uns kommen lassen.«

»Sie haben einen Vorteil. Aber du bist in Bestform. Ganz Berlin zittert vor dir.«

Neumann lächelte gequält, und als Taube bestellte, nahm er lediglich ein Wasser.

»Khan nennt mich Taube, weil ich die Botschaften überbringe. Weißt du, wie die Spieler mich nennen?«

Neumann kauerte auf seinem Stuhl. Es sah aus, als wollte er verschwinden.

Taube ließ sich Zeit. Nicht weil es ihm Vergnügen bereitete, sondern weil er um die Wirkung auf Neumann wusste. »Weißt du, wie sich mich nennen? Du weißt es doch.«

»Jochen … Sie nennen dich Jochen.«

»Jochen. Und wie noch?« Die Getränke wurden serviert. Taube hob sein Glas. »Wie nennen sie mich noch?« Als Neumann nicht antwortete, sagte Taube: »Weißt du, wie ich mich mit diesem Namen fühle? Die Leute tun so, als täte ich ihnen etwas an. Dabei führe ich ein solides Business. Sie sind es, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.«

Neumann nickte unwillkürlich.

»Sie verkehren die Tatsachen. Sie sind es, die brutal sind. Weil sie nicht liefern. Wir müssen alle liefern.«

Taubes Essen wurde gebracht.

»Ich werde liefern«, sagte Rau, nachdem der Kellner sich entfernt hatte. »Mit der neuen Saison werde ich liefern.«

Taube machte sich über seinen Teller her, er hatte nichts mehr gegessen, seitdem er mit Kevin gevespert hatte. »Da ist jemand, den wir beide kennen. Und unser gemeinsamer Freund kann nicht warten, bis ihr wieder mit dem Ball spielt.« Taube wischte sich den Mund mit einer Serviette ab. »Ich sehe zwei Möglichkeiten: Morgen gibt es doch sicher eine Prämie. Ihr habt doch eine Prämie ausgehandelt?«

Neumann schüttelte den Kopf. »Jeder dachte, dass es gegen den Abstieg geht …«

Taube sah Neumann ins Gesicht, bis der sich abwendete. Er hatte einige Spiele der Mannschaft gesehen, aber der Mann auf der anderen Seite des Tisches hatte nichts mehr gemein mit dem Stürmer, der mit dem Kopf voran durch den Strafraum geflogen war. »Dann bleibt nur noch ein Ausweg«, sagte Taube schließlich. »Jemand wird sehr viel Geld auf Berlin setzen. Er wird darauf setzten, dass Berlin die Klasse hält. Du sorgst dafür, dass er nicht verliert.«

»Ich werde nicht einmal aufgestellt«, sagte Neumann leise.

»Das ist dein Problem.« Taube schob sich einen Bissen Fleisch in den Mund, kaute darauf herum und spülte es mit der Cola hinunter. Liebend gern hätte er aufgegessen. Aber er wusste, dass Neumann ein plötzlicher Abgang noch mehr unter Druck setzen würde. »Denk dran, du musst liefern.« Er warf seine Serviette auf den Teller und stand auf. »Ich weiß, wie ihr mich nennt. Knochen-Jochen«, sagte er angewidert. »Wer denkt sich so etwas nur aus?«

*

Taube zog den Reißverschluss seines Pullovers hoch und steckte sich die Zigarette an, dann lief er weiter. Er war eine Station zu früh ausgestiegen, er hatte noch Zeit und entschied sich für einen möglichst umständlichen Weg. Wie immer fiel es ihm schwer, mit dem Auftrag abzuschließen. Die Aufträge sicherten seine Existenz, aber sie gefielen ihm nicht. Er war ein Dienstleister für Gewalt, aber er lieferte nicht gerne ab. Er wusste, dass er gut darin war, aber die Gewalt schmeckte ihm einfach nicht. Selbst wenn er, wie bei Neumann, nur sanft Druck ausübte, missfiel es ihm eigentlich. Neumann war eine traurige Gestalt, er hatte ramponierte Knie und das zerbeulte Ego eines Fußballers, der trotz aller Bemühungen nicht über den Amateurstatus hinausgekommen war. Er hing an einem Abgrund, und Taube wurde dafür bezahlt, ihm auf die Finger zu treten. Dabei mochte er Neumann eigentlich, Neumann hatte sich nicht aufgespielt, als er mit den ersten Tipps abgeräumt hatte; und in der Niederlage war er nicht annähernd so aggressiv gewesen wie die anderen.

Die Hecken ragten so hoch auf, dass die Villen kaum zu erkennen waren. Nur weil er sie schon einmal bei Licht gesehen ­hatte, zweifelte Taube nicht an ihrer Existenz. Auch den Grundstücken haftete Gewalt an. Wo es keine Hecken gab, wurden die Anwesen von hohen, mit Dornen besetzten Zäunen begrenzt, der Rasen war scharf getrimmt. In der Architektur aus Glas und Beton lag Gewalt, die Autos in den Einfahrten waren monströs und hart und kalt. In den Häusern lebten harte Menschen. Die Frauen waren nach Jahren der Isolation mit ihren Kindern hartherzig, aber noch härter waren die Männer. Sie gingen Berufen nach, in denen sie nur durch Gewalt bestehen konnten, ihren Kunden, Kollegen, Konkurrenten oder sich selbst gegenüber. Taube glaubte, eine ziemlich gute Vorstellung davon zu haben, was diese Männer an Gewalt aufbringen mussten, Anwälte, Ärzte, Unternehmer. Die Gewalt war nicht so offensichtlich wie in seinem Metier, aber für Taube stand außer Frage, dass es sie gab. Taube hatte sich längst damit abgefunden, dass seine Härte verurteilt, die Gewalt dieser Männer und Frauen hingegen anerkannt und honoriert wurde.

Er hatte die hohen Hecken längst hinter sich gelassen. Die Beleuchtung der Nummer, die über seinem Hauseingang hing, flackerte.

Willkommen. Taube rückte den Abtreter mit dem Fuß zurecht. Es war so ruhig in der Wohnung, dass Taube sich unwohl fühlte. Seine Ankunft schien keinen Eindruck auf Claudia zu machen, dabei war er sicher, dass sie auf ihn gewartet hatte. Sie saß im Wohnzimmer vor dem ausgeschalteten Fernseher, Taube hatte es noch nicht geschafft, das Gerät in Betrieb zu nehmen. Irgendwie musste er ihr verständlich machen, dass er sich vertan hatte, dass sie sich das Gerät eigentlich nicht leisten konnten. Taube setzte sich auf die Couch und beobachtete seine Spiegelung auf dem großen Bildschirm. Claudia versuchte, möglichst unbeteiligt zu wirken, aber Taube sah, dass ihre Unterlippe zitterte. Schließlich lehnte sie sich zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Taube wusste nicht, ob es Intuition war oder ob er sich etwas anmerken ließ, aber jedes Mal, wenn er von einem Auftrag zurückkam, legte sie ihm dabei die Hand auf den Oberarm. Insgeheim hatten sie sich darauf verständigt, dass sie nach seinen Aufträgen nicht mehr fragte. Taube war sich sicher, dass sie ihm längst nicht mehr abnahm, dass er für das »Four Eyes« Bestellungen ausfuhr.

»Ein toller Sender«, sagte Taube zur Frau, die im Fernseher an seiner Seite saß. »Morgen kümmere ich mich um die anderen.«

»Schon erledigt.« Als Claudia Taubes Blick bemerkte, sagte sie: »Ich hatte einfach keine Lust zu gucken.«

Taube legte seinen Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf den Haaransatz.

»Kevin ist noch wach. Ich glaube, es ist wegen morgen.«

»Ich werde gleich nach ihm sehen.«

»Die Mutter von Pascal hat angerufen. Sie möchte wissen, ob es morgen dabei bleibt.« Claudia richtete sich auf, als hätte sie damit gerechnet, dass Taube sich nicht daran erinnerte. »Du hättest versprochen, Pascal mitzunehmen.«

»Habe ich das?« Taube schob die Hände hinter seinem Kopf ineinander. »Diese Frau spricht so schnell, sie kann dir eine Zusage für alles abpressen.«

»Tu mir doch den Gefallen. Kevin tut sich so schwer in der Kita.«

»Natürlich.« Taube gab ihr einen weiteren Kuss und stand auf.

»Wie war das Gespräch?« fragte Claudia, als er schon in der Tür stand.

»Gut. Sehr gut. Ich erzähle es dir gleich.«

»Ich gehe jetzt ins Bett.«

»Dann erzähle ich es dir morgen. Gute Nacht.« Im Flur schloss Taube kurz die Augen und versuchte, auch noch den letzten Rest des Auftrags loszuwerden.

Kevins Zimmer war so klein, dass Taube sich trotz der Dunkelheit sofort zurechtfand. Er sah den Jungen im Bett sitzen, kniete sich neben ihn und strich mit der Hand über die weichen Haare. »Du schläfst wohl noch gar nicht«, sagte er leise.

Kevin schüttelte den Kopf.

»Ist es wegen morgen?«

»Meinst du, sie schaffen es?«

»Warum nicht? Mit etwas Glück.« Taube drückte den kleinen Körper sanft zurück. »Und jetzt versuch zu schlafen.«

»Meinst du, er spielt?«

»Bestimmt«, sagte Taube. Er ärgerte sich. Es war zu schnell und zu laut aus ihm herausgekommen. Er stand auf.

»Machst du noch einmal das Licht an?« Kevin hatte sich wieder hingesetzt. »Bitte. Ich will ihn noch mal sehen.«

»Du sollst schlafen.« Taube blieb im Zimmer stehen und hörte Kevin atmen. Dann ging er zur Tür und legte seine Hand auf den Lichtschalter. »Aber nur kurz.«

Kevin rieb sich die Augen. Als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, blickte er zur Wand neben seinem Bett. Ein blau-weißer Schal und ein Wimpel des Vereins hingen dort, und darunter ein Mannschaftsfoto der vergangenen Saison. Besonders viel Platz nahm ein Poster von Thomas Neumann ein, dem Stürmer mit der Nummer neun.

Von all den Vereinen, dachte Taube, von all den Spielern. Er schaltete das Licht aus und lehnte die Tür lediglich an.

David Blum, geboren 1983 in Potsdam, studierte Germanistik, Komparatistik und Medienwissenschaft in Potsdam und Leipzig und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (Master). Lebt als Lektor (Zweitausendeins) und freier Autor in Leipzig.

Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus einem bislang unveröffentlichten Roman

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