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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Frank Schumann 70

Wo ist der Zukunftswert?

Verleger mit weitem Blick in die Geschichte: Frank Schumann zum 70. Geburtstag
Von Egon Krenz
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Kenntnisse verbreiten, Debatten anstoßen: Frank Schumann

Der Vater war Pfarrer. Der Sohn machte in der DDR sein Abitur, studierte unter sozialistischen Verhältnissen und stand folglich wie Angela Merkel als Beispiel für die zu Nachwendezeiten gern verschwiegene Existenz solcher biographischer Aufbrüche. Auch wenn sie wie in diesem Falle in sehr verschiedene Lebens- und Erinnerungswelten führten. Frank Schumann, von dem ich schreibe, absolvierte die Juristische Fakultät der Leipziger Karl-Marx-Universität und hatte sehr früh seine publizistische Begabung erprobt. Schon als Student schrieb er für die Weltbühne, um nach dem Studium in die Redaktion der Jungen Welt einzutreten. Als Sprachrohr der Freien Deutschen Jugend war die JW seinerzeit die auflagenstärkste Zeitung der DDR und wurde – wie heute wieder – als Quelle von Informationen und Orientierungen keineswegs nur von jungen Leuten geschätzt. Jung – das war und bleibt eben eine Haltungsfrage. Hier fand Frank Schumann mit seinen exzellenten historischen Kenntnissen eine journalistische Heimat, und so mancher, der damals an Jahren jung war, wird sich heute noch seiner gut recherchierten und interessant geschriebenen Artikel erinnern.

1990 veränderten sich mit den Leben von Millionen DDR-Bürgern auch das von Frank Schumann. Anders als andere seiner Zunft blieb er sich und seinen Idealen treu, engagierte sich für die PDS, führte Wahlkämpfe für seine Partei und schrieb Reden für Genossen der damaligen Führung. Aber das war ihm nicht genug. Fernab jeder Nostalgie wollte er, dass die Ideen und Leistungen der DDR nicht vergessen werden. Er sah deren Zukunftswert, und während der publizistische Mainstream am DDR-Erbe zu radieren versuchte, wurde er mit aufklärerischer Absicht Verleger. Unter den von ihm gegründeten Unternehmungen ist Edition Ost, seit 2002 zur Eulenspiegel-Verlagsgruppe gehörig, wohl die bekannteste.

Mehr als 800 historische und politische Sachbücher sind hier bislang erschienen. Nicht wenige wurden von Frank Schumann selbst verfasst. Einige der Verlagspublikationen standen auf Bestsellerlisten – eine schöpferische Leistung, die die Aufmerksamkeit interessierter Leser, aber auch einer interessierten Behörde weckte. Der Verfassungsschutz wusste zu berichten, dass die Edition Ost jener Ort sei, an dem die Funktionäre des »Macht- und Herrschaftsapparates der DDR ihre Geschichtsbilder« veröffentlichen. Dabei stand der Dienst erneut nicht richtig in der Materie. Sicher veröffentlichten Hans Modrow, ich und einige unserer Weggefährten hier ihre Erinnerungen. Doch wie der Verfassungsschutz darauf kommt, dass auch Egon Bahr, Rudolf Bahro, Peter Brandt, Günter Gaus, Gerhard Zwerenz, Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine oder Peter-Michael Diestel zum alten »Herrschaftsapparat« der DDR gehörten, will sich nicht erschließen. Frank Schumann publizierte eben stets aus einer Vielfalt von Erkenntnissen der Zeitgeschichte. Sein besonderes Anliegen war und blieb es, die Summe gesellschaftlicher Erfahrungen aus der DDR auf ihre Zukunftsfähigkeit abzuklopfen und Debatten darüber zu eröffnen. Dazu gehört auch ein geschichtlich korrektes Bild von Erich Honecker. Die Veröffentlichung der »Moabiter Notizen« und Honeckers Rede vor dem Berliner Landgericht war eine gebotene Präsentation von Zeitdokumenten. Schumann hatte den Mut, sie trotz aller Medienschelte einem politisch interessierten Leserkreis zugänglich zu machen. Dasselbe gilt für die Gespräche, die er mit der langjährigen Volksbildungsministerin der DDR, Margot Honecker, führte. Sie ermöglichten nochmals Einblicke in das einheitliche polytechnische Bildungssystem der DDR, das mehreren Generationen von DDR-Bürgern eine solide Bildung garantiert hatte.

Während sich die offizielle bundesrepublikanische Politik gegenüber Russland und China von immer harscheren Feindbildern leiten lässt, kommt Frank Schumann das besondere Verdienst zu, Kenntnisse über die tatsächliche Situation in diesen Ländern zu verbreiten und angesichts der unheilvollen Konfrontationspolitik ein Umdenken hin zu Frieden und Völkerverständigung zu fördern.

Am Sonntag wird Frank Schumann 70 Jahre alt. Mein herzlicher Glückwunsch gilt dem Jubilar und seinen publizistischen Leistungen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph D. aus Gotha (23. Oktober 2021 um 16:04 Uhr)
    Frank Schumann hat sich bleibende Verdienste in der linken Verlegerlandschaft erworben und kann mit Stolz an seinem 70. Geburtstag auf das Erreichte zurückblicken. Auch seine Beiträge in der jW und die von ihm geführten Interviews mit Zeitzeugen beweisen einmal mehr, dass es auch darauf ankommt, die richtigen Fragen zu stellen. Auch dafür gebührt ihm Anerkennung und Respekt.
    Ralph Dobrawa, Gotha

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