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Armer Jens Weidmann

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, hat um die vorfristige Beendigung seines Anstellungsvertrages zum Jahresende nachgesucht. Fahnenflucht in Zeiten der höchsten Not? Die Preissteigerung in Deutschland hat im vergangenen Monat mit 4,1 Prozent den höchsten Stand seit – Leserin und Leser, halten Sie sich fest! – 1993 erreicht. Es ist schließlich die Kernaufgabe der Bundesbank, für die Stabilität des Geldes zu sorgen und jeden Anflug von Inflation im Keim zu ersticken. Hat der Mann versagt? Wirft er ausgerechnet jetzt, wenn die Geldentwertung um sich greift, das Handtuch?

Nein, das wäre ungerecht. Er hat sich gewehrt. Er hat versucht, den furchtbaren Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Nullzinsen und sagenhafter Geldvermehrung zu bremsen und einzuhegen. Er hat versucht, mit getreuen, einzig der Stabilität des Geldes verpflichteten Notenbankpräsidenten aus Österreich, den Niederlanden oder Finnland eine Fraktion der soliden Geldpolitik im EZB-Rat zu formen. Das ist gelungen. Aber diese Fraktion ist in der Minderheit geblieben. Die laxe Geldpolitik des italienischen (!) EZB-Präsidenten Mario Draghi und, keineswegs besser, seiner französischen Nachfolgerin Christine Lagarde wurde durchgesetzt. Weidmann litt deshalb »an einer im Zeitablauf gewachsenen Frustration«, beschreibt einfühlsam und sicher korrekt der Mitherausgeber der FAZ, Gerald Braunberger, die Gemütslage des großen Mannes.

Wir fühlen mit ihm. Zumal Weidmann ein Hauch des Realismus umweht. Es blieb ihm nicht verborgen, dass das große Kapital dieses Landes und seine Regierung die Stabilität des Geldes als unveräußerlichen Wert erachten, in Reden hochhalten und angelsächsisches oder gar südeuropäisches Finanzgebaren verteufeln, aber wenn es zum Schwur kommt, sich in erster Linie die Absatzmärkte EU und Euro-Land sowie die großen USA erhalten wollen. Da gilt es denn auch für einen Bundesbankpräsidenten im entscheidenden Moment von den Prinzipien zu lassen. Zumal dann, wenn er wie in der Euro- und der Coronakrise keine Alternative zu Nullzinspolitik und Geldvermehrung formulieren kann.

Deshalb auch ist das Scheitern Weidmanns an dieser Stelle nichts weniger als tragisch zu nennen. Vielleicht hilft da die Erinnerung an Weidmanns Vorgänger Axel Weber. Der trat 2011 zurück, weil die Bundesregierung – auch damals geführt von Angela Merkel – ihn nicht unterstützte bei seinem Bestreben, vom Amt des Präsidenten der Bundesbank in das der letztlich mächtigeren EZB zu springen. Weber hatte auch einen zweiten Grund für seine Demission. Ihm winkte der Posten des Verwaltungsratsvorsitzenden der größten Bank der Schweiz, der UBS, den er, wie es sich gehört, genau ein Jahr nach seinem Abgang antrat (und dabei eine »Antrittsprämie« von vier Millionen Schweizer Franken erhielt). Weidmann ist heute mit 53 sogar ein Jahr jünger als Weber damals war.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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