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Aus: Ausgabe vom 23.10.2021, Seite 7 / Ausland
Frankreichs Rechte

Frankreichs letztes Wort

Rechtsaußen Éric Zemmour ist der neue Aufrührer im beginnenden heißen Präsidentschaftswahlkampf
Von Hansgeorg Hermann
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»Natürliche Begeisterung«: Anhänger von Éric Zemmour bei einer Veranstaltung in Beziers (16.10.2021)

Wer ist Éric Zemmour? Aus dem Nichts ist der Rechtsaußen des beginnenden französischen Präsidentschaftswahlkampfs nicht aufgetaucht. In Frankreich ist er seit mehr als zehn Jahren auf allen Fernsehkanälen zu Hause, er ist Journalist und erfolgreicher Verfasser politischer Bücher, er war eines der redaktionellen Zugpferde der bürgerlich-rechtskonservativen Pariser Tageszeitung Le Figaro. Nun ist er ein ernstzunehmender Gegner des amtierenden Staatschefs Emmanuel Macron für die kommende Präsidentschaftswahl im April nächsten Jahres. Vor allem ist er aber eines: erklärter Gegner der muslimischen Gemeinde des Landes, der keinen Unterschied kennt zwischen Islam und Islamismus – ein Rassist, der Marine Le Pens Bewegung Rassemblement National (RN) in rasender Fahrt rechts überholt hat und zum Star der französischen Faschisten aufgestiegen ist.

Neue Meinungsumfragen des Instituts Harris Interactive sahen ihn, den Sohn 1952 nach Frankreich ausgewanderter algerischer Juden, in dieser Woche mit 17 Prozent vor Le Pen (15 Prozent) und der gesamten bürgerlichen Rechten, die – hinter den Faschisten – im ersten Wahlgang nach heutigem Stand lediglich die Plätze vier und folgende belegen würde. Macron gegen einen Mann, der seine Kandidatur noch nicht einmal erklärt hat? Gegen einen Schreiber, dessen jüngstes Buch »La France n’a pas dit son dernier mot« (Frankreich hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen) sich seit seiner Veröffentlichung am 15. September bereits rund 185.000mal verkauft hat? Zemmours gesammelte Werke tragen Titel wie »Der französische Selbstmord«, »Das französische Schicksal« oder »Die französische Melancholie«, alle haben sie ein Grundthema: den – angeblich bereits verlorenen – Kampf der »weißen Rasse« gegen den Islam, dessen millionenfach nach Europa und speziell nach Frankreich eingewanderte Anhänger entschlossen seien, einen »Vernichtungskrieg gegen den weißen heterosexuellen katholischen Menschen« zu führen.

Die steile These, am 29. September in Paris während einer von Marion Maréchal – einer Nichte Marine Le Pens – organisierten Konferenz der äußersten politischen Rechten ausgebreitet, baut auf die absurde Gedankenwelt des französischen Schriftstellerkollegen Renaud Camus. Dessen Überzeugung, dass der Islam – für ihn kein Unterschied zum radikalpolitischen Islamismus – das Land in einer »ethnisch-religiösen« Auseinandersetzung spalten, aufreiben und schließlich vernichten werde, ist auch die Zemmours.

Als »Chroniqueur« diverser TV-Sendungen, mit »Analysen« im Figaro und dessen Magazin sowie als der aktuell wohl auflagenstärkste Autor politischer Bücher zum Millionär geworden, kann er sich der Unterstützung nicht nur seiner wachsenden Fangemeinde sicher sein. Doch für eine erfolgversprechende Kampagne benötigt der »unerklärte Kandidat«, wie er selbst konstatierte, mindestens acht Millionen Euro. Ein gewisser Garen Shnorhokian, Sprecher der bis vor kurzem weitgehend unbekannten »Vereinigung der Freunde Éric Zemmours«, die bereits – angeblich ohne sein Wissen – einige tausend Wahlplakate für ihren Helden klebte, erläuterte im Sender BFM TV: »In ihrer natürlichen Begeisterung überweisen die Leute 30, 40 oder 50 Euro direkt an unsere Website.« Der Verkauf seines jüngsten Buches habe zudem mehr als zwei Millionen Euro in die Kampfkasse gespült.

Das auf diesem Weg eingenommene Geld würde freilich bei weitem nicht ausreichen. Gefragt sind »Investoren« für das politische Geschäft, solche wie Charles Gave, der Frankreich 1981 direkt nach der Wahl des »Sozialisten« François Mitterrand verließ, weil er »nicht in einem Land leben wollte, in dem die Kommunisten in der Regierung sitzen«. Gave, der Investor und Gründer der Banque de Suez, dem selbst ein Nicolas Sarkozy zu weit nach links neigte, überwies seinem aktuellen politischen Herold Zemmour zu Beginn des Monats erste 300.000 Euro, wie BFM am 18. Oktober berichtete. Zum Ärger der Konkurrentin Marine Le Pen, die sich bisher aus den prall gefüllten Schatullen Gaves und anderer, noch in Anonymität verharrender Wirtschaftsbosse bedienen durfte.

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