75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 8. Dezember 2021, Nr. 286
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 22.10.2021, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

»Die Fixierung auf eine einzige Person ist ein Irrweg«

Neuwahlen, Leistungssportreform, Prävention sexualisierter Gewalt. Ein Gespräch mit Christoph Niessen
Von Andreas Müller
Willkommensfeier_fue_70544243.jpg
Auf Medaillensuche: Präsident und Vorstand des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bei der Willkommensfeier für die deutsche Olympiadelegation (Frankfurt am Main, 9.8.2021)

Die nächste Vollversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) wird am 4. Dezember in Weimar vorfristig die Ära von Präsident Alfons Hörmann beenden und einen Nachfolger wählen. Werden die Landessportbünde (LSB) einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken, wie über ein Dutzend olympische Verbände es mit Thomas Weikert beabsichtigen?

Das ist noch nicht klar. Die Konferenz der Landessportbünde hat sich am vergangenen Wochenende intensiv mit Inhalten und Strukturen beschäftigt, die uns für die zukünftige Arbeit des DOSB wichtig sind. Die Fixierung auf eine einzige Person, die alle Probleme des DOSB im Handumdrehen lösen kann, halte ich ohnehin für einen Irrweg. Wir brauchen ein starkes Team und eine komplette Neuaufstellung an der Spitze des DOSB.

Was hat für Ihren Landessportbund in Richtung 4. Dezember oberste Priorität?

Wir brauchen mehr denn je einen starken DOSB als Stimme des Sports und Koordinator auf Bundesebene. Seine politische Arbeit in Berlin braucht mehr Ressourcen und muss über das Sportressort hinausgehen. Denn der Vereinssport ist immer auch ein Teil von Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik. Wir benötigen eine offensive Antwort des Vereinssports auf den 2026 anstehenden Rechtsanspruch im schulischen Ganztag, sonst verlieren wir den Zugang zu Kindern und Jugendlichen. Wir müssen den Mut aufbringen, die ins Stocken gekommene Reform des Leistungssports anzugehen, z. B. durch Auslagerung großer Teile des Systems in eine Leistungssport GmbH. Wir sollten zügig Klarheit darüber herstellen, ob sich der DOSB in absehbarer Zukunft noch einmal um Olympische und Paralympische Spiele bewerben will. Und wir müssen deutlich machen, welchen Beitrag der organisierte Sport zum Klimaschutz leisten kann.

Zu den Veränderungen sollte nach den Vorstellungen Ihres LSB-Präsidenten auch gehören, den Sport künftig beim Bundeskanzleramt und nicht mehr beim Innenministerium anzusiedeln. Welche Vorteile hätte das?

Mit einer Sportstaatsministerin oder einem Sportstaatsminister im Kanzleramt hätte der Sport eine eigenständige und seiner Bedeutung für unsere Gesellschaft angemessene Stellung in der Bundesregierung. Das hat zuletzt ja auch der DFB verdeutlicht. In Nordrhein-Westfalen hat die Ansiedlung einer Sportstaatssekretärin in der Staatskanzlei zu hervorragenden Ergebnissen für den Sport geführt und die Zusammenarbeit zwischen der Regierung und uns nochmals verbessert.

Der Bund zeichnet aber nur für den Spitzensport verantwortlich, für den »kleinen Sport« tragen die Länder die Verantwortung …

Trotzdem hätte das eine Signalwirkung. Es könnte dazu beitragen, manchen Knoten zu durchschlagen, der z. B. in der Leistungssportreform entstanden ist. Und im übrigen: In den Ländern geht es eben gerade nicht um den vermeintlich »kleinen Sport«. Mehr als 90 Prozent der gesellschaftlichen Wertschöpfung des Sports entstehen an der Vereinsbasis. Ohne die dortige Arbeit gäbe es gar keinen Spitzensport, den der Bund fördern könnte.

Wie haben Sie das »Coronamanagement« des DOSB wahrgenommen? Vom Gesundheitsausschuss des Bundestages war der Dachverband bei zwei Anhörungen über Novellierungen im Infektionsschutzgesetz gar nicht eingeladen.

Ja, das ist leider so. Genau das muss geändert werden, der Sport muss in Berlin eine stärkere Stimme bekommen.

Was halten Sie davon, nur einen neuen DOSB-Präsidenten und den zunächst nur für ein Jahr zu wählen?

Nach meinem Kenntnisstand werden alle sechs von der Mitgliederversammlung zu wählenden Präsidiumsmitglieder neu gewählt. Dass dies zunächst nur für ein Jahr geschehen kann, ist der Satzung geschuldet.

Beim wichtigen Thema sexualisierte Gewalt sind Sie vorangegangen und haben eine nationale Studie initiiert, die Anfang 2022 vorliegen wird. Warum kam der Impuls dafür aus NRW?

Wir engagieren uns bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Prävention sexualisierter Gewalt. Es ist das wichtigste Gut des Vereinssports, dass Kinder und Jugendliche dort sicher aufgehoben sind und Beiträge zu einer positiven persönlichen Entwicklung für ihr Leben mitnehmen. Der Gefährdung durch sexualisierte Gewalt im Sport müssen wir deswegen entschieden begegnen. Dazu gehört auch, sich ein gesichertes Bild davon zu verschaffen, wie stark der Sport davon betroffen ist und noch besser zu verstehen, wie es dazu kommt. Dem dient die Studie, an der übrigens eine breite Mehrheit der Landessportbünde teilnimmt.

Warum blendet die Studie den Aspekt psychischer Gewalt aus, wie sie frühere Schützlinge der Turntrainerin Gabriele Frehse vorwarfen? Die Leiterin der Studie Bettina Rolufs teilte mit, die Sportlerinnen seien nicht gefragt worden, ob und wie oft sie angebrüllt, beschimpft oder rhetorisch anderweitig inakzeptabel behandelt wurden.

Hier kann es sich nur um ein Missverständnis handeln. Die von uns geförderte Studie »Sicher im Sport« beschäftigt sich mit verschiedenen Formen von Gewalt, psychische Gewalt ist explizit eingeschlossen. Die Studie befragt Vereinsmitglieder zu ihren Erfahrungen mit psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt im Kinder- und Jugendsport. Es wird dabei auch nach Formen verbaler Gewalt gefragt, z. B. ob die Befragten beschimpft, verbal bedroht oder erniedrigt wurden. Dank der Studie erhalten wir ein umfassendes Bild verschiedener Gewalterfahrungen im Kinder- und Jugendsport.

Christoph Niessen ist seit 2008 hauptberuflicher Vorstandsvorsitzender des Landessportbundes NRW

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Mehr aus: Sport