75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 7. Dezember 2021, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 22.10.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Streikaufruf

Glasgow lahmlegen

Schottische Eisenbahngewerkschaft plant Blockade der Stadt. Proteste während des Weltklimagipfels
Von Christian Bunke
imago0127866004h.jpg
Keine Züge im Glasgower Bahnhof: Die Gewerkschaft plant, das gesamte schottische Eisenbahnnetz zu bestreiken

Alle Räder stehen still, wenn die RMT das will. Wenn ab dem 31. Oktober Tausende Delegierte aus aller Welt in Glasgow für den Weltklimagipfel zusammenkommen, wird im schottischen Bahnverkehr tatsächlich nichts gehen, weil die Transportgewerkschaft RMT zum Streik aufruft. Sie plant, das gesamte schottische Eisenbahnnetz bis zum 12. November, dem Ende der UN-Klimakonferenz, lahmzulegen.

Hintergrund ist eine sich zuspitzende Auseinandersetzung rund um Löhne und Arbeitsbedingungen bei der schottischen Eisenbahngesellschaft Scot Rail. Der Schienenverkehr wird derzeit noch vom holländischen Unternehmen Abellio betrieben. Abellio hat eigentlich eine Betreiberlizenz bis zum Jahr 2025, die von der schottischen Regierung im Rahmen des in Großbritannien geltenden Franchisesystems vergeben worden ist. Das System existiert seit Mitte der 1990er Jahre, als die britischen Eisenbahnen von den damals regierenden Konservativen privatisiert wurden.

Der Vertrag mit Abellio kostet die schottische Regierung mehr als sieben Millionen Pfund (8,3 Millionen Euro). Dort ist man mit der Leistung des gewählten Anbieters aber schon länger nicht mehr zufrieden. Aufgrund einer Häufung von Verspätungen und Zugausfällen verkündete die schottische Regionalverwaltung bereits im vergangenen März die vorzeitige Kündigung des Franchisevertrages mit Abellio. Im März kommenden Jahres soll die schottische Eisenbahn deshalb wieder in die öffentliche Hand zurückfallen. Laut schottischen Medienberichten plant die Regierung derzeit keine Neuausschreibung, sondern will im Gegenteil einen eigenständigen Eisenbahnkonzern gründen, dessen hundertprozentiger Eigentümer der schottische Staat sein soll. Das wäre dann britannienweit die fünfte derartige Verstaatlichung seit 2018.

Aber nur weil der Staat wieder eine stärkere Rolle bei den Eisenbahnen spielt, führt das noch lange nicht automatisch zu einer Verbesserung der Lage für Verbraucher und Beschäftigte. Denn die gewählte Struktur ausgegliederter Firmen bedeutet, dass privatwirtschaftliche Prinzipien wie der Zwang, einen Profit zu erwirtschaften, bestehen bleiben. Dieser Profit ist bei den Eisenbahnen zu großen Teilen nur durch »Einsparungen« und Lohnkürzungen zu erreichen. Hier liegt der Kern des schon seit Monaten schwelenden Arbeitskampfes zwischen der RMT und Scot Rail.

Für die baldige Übernahme hat die schottische Regierung im Hintergrund schon längst die Weichen bei Scot Rail gestellt. Längerfristig wirkende finanzielle Entscheidungen gehen dahin, dass von den derzeit insgesamt 2.400 täglichen Zugverbindungen in Schottland rund 300 eingespart werden sollen. Das bedeutet einen deutlichen Rückzug der Eisenbahnen aus der Fläche, der in England sein Gegenstück hat. Dort plant die Regierung den Abbau Tausender Stellen beim englischen Schienennetzbetreiber Network Rail. Network Rail war bis vor einigen Jahren ebenfalls privatisiert und ist nun eine Firma in staatlichem Besitz.

Bei Scot Rail soll es nicht nur Streckenstilllegungen geben, sondern auch die Arbeitsbedingungen verschlechtert werden. Schon jetzt bekommen schottische Zugbegleiter keine Überstundenlöhne, wenn sie aufgrund des Personalmangels an Ruhetagen zur Arbeit verdonnert werden. Die RMT bestreikt deshalb bereits seit Wochen den Sonntagsbetrieb der schottischen Eisenbahnen. Das ist ein Vorgeschmack auf das, was mit Beginn des Weltklimagipfels kommen könnte. Scot-Rail-Vertreter jammern bereits jetzt, im Streikfall nur zehn Prozent des Betriebs aufrechterhalten zu können.

Dabei meine man es doch gut und habe den schottischen Zugbegleitern eine Gehaltserhöhung von je 2,4 Prozent in diesem und im kommenden Jahr angeboten, heißt es aus der Unternehmenszentrale. Die RMT hingegen kontert, dass damit noch nicht einmal die galoppierende Inflation ausgeglichen werde. Außerdem sei das »Angebot« von Scot Rail an längere Arbeitszeiten und andere Verschlechterungen geknüpft. Die Streikbereitschaft scheint jedenfalls hoch. 84 Prozent votierten bei einer Urabstimmung für den Ausstand.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • Durchaus beliebt: Unter vielen britischen Beschäftigten findet d...
    29.09.2021

    Raus aus dem Laufrad

    Schottische Regierung startet Testprogramm zur Arbeitszeitverkürzung. Unternehmen führt Viertagewoche ein. Gewerkschaften fordern Ausgleich für Krisenlasten
  • Noch vor dem »Freiheitstag«: Theateraufführung unter Lockdown-Be...
    11.09.2021

    Lockdown im Gespräch

    England: Anhaltend hohe Infektionszahlen. Erneute Einschränkungen möglich. Regierung dementiert, will sich Option aber offenhalten
  • Ganz nah dran: Craig Murray (r.) mit Assanges Verlobter Stella M...
    31.07.2021

    Vernichtendes Urteil

    Antrag auf Berufung abgelehnt: Britischer Exbotschafter und Unterstützer von Julian Assange muss ins Gefängnis. Mediale Begleitung ausgeschaltet

Mehr aus: Kapital & Arbeit