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Aus: Ausgabe vom 22.10.2021, Seite 8 / Ansichten

Immer wieder

NATO-Kriegsplan gegen Russland
Von Arnold Schölzel
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Laut deutschen Medien geht es bei der Tagung der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel am gestrigen Donnerstag und heute in Brüssel vor allem um die Auswertung des Afghanistan-Debakels. Gemeint sind da hierzulande nicht die Hunderttausenden toten Einheimischen, Hunger und Flucht, sondern 59 tote Bundeswehrsoldaten und die Unfähigkeit, möglichst viele deutsche Staatsbürger und die als »Ortskräfte« bezeichneten Agenten und Kollaborateure der deutschen Armee, der BRD-Geheimdienste und der zum rascheren Morden entsandten Spezialkräfte zu evakuieren.

Aus dem so begrenzten Desaster hat die amtierende Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) für sich bereits die Konsequenz gezogen: Der deutsche Heldentod am Hindukusch war nicht der letzte, es geht weiter. Im Interview mit dem Deutschlandfunk (DLF) erläuterte sie am Donnerstag auf eine entsprechende Frage: Ein weiterer solcher »Einsatz« sei »noch nicht klar aus meiner Sicht«. Soll heißen: »Nie wieder« gilt auf keinen Fall, die Devise lautet: »Immer wieder«. In diesem Fall: Die »Eingreiftruppe« der EU muss gestärkt werden.

Frau Kramp-Karrenbauer und ihr Ministerium sind so etwas wie die »militärische ärztliche Kommission«, die in Brechts »Legende vom toten Soldaten« aus dem Jahr 1917 den Leichnam ausgräbt, für tauglich erklärt und als Mensch maskiert an die Front schleppt.

Das gilt auch für einen ganz anderen Brocken als Afghanistan: Soldatische Wiederauferstehung war der Hauptgrund, die BRD zu gründen, nun soll das Werk seiner Vollendung entgegengehen. Am Donnerstag berichtete jedenfalls der internationale Dienst der Nachrichtenagentur Reuters, die NATO–Verteidigungsminister würden am selben Tag einen »Masterplan« zur Abschreckung Russlands vereinbaren. Die Moskauer planten zwar nicht unmittelbar einen Angriff, aber der Kriegspakt müsse sich auf »eine gleichzeitige Attacke in den Regionen der Ostsee und des Schwarzen Meers« vorbereiten. Das werde »Atomwaffen, Hacken von Computernetzen und Überfälle aus dem Weltraum einschließen«. Die Ministerin konkretisierte im DLF, was sie im November 2020 im Bundestag schon als »gute deutsche Tradition« bezeichnet hatte: Mit Moskau »aus einer Position der Stärke heraus« reden. Nun hieß es: »Wir müssen Russland gegenüber sehr deutlich machen, dass wir am Ende – und das ist ja auch die Abschreckungsdoktrin – bereit sind, auch solche Mittel einzusetzen, damit es vorher abschreckend wirkt.« Das sei der »Kerngedanke der NATO«. Richtig: Nicht nur mit dem Atomkrieg drohen, sondern diesen auch führen. Deswegen probt der Pakt ihn seit Montag im »Routine«-Manöver »Steadfast Noon« auch im deutschen Büchel.

Kabul 2021 ist für Kramp-Karrenbauer und Co. wie Berlin-Karlshorst 1945: eine Schmach, die nur durch den Endsieg wiedergutgemacht werden kann. Irrationale Politik beginnt stets mit irrealer Weltsicht.

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  • Leserbrief von Horst Neumann (26. Oktober 2021 um 11:09 Uhr)
    Arnold Schölzel zitiert Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU): Die »Eingreiftruppe der EU muss gestärkt werden«. Doch es war noch schlimmer. Die Verteidigungsministerin betonte, dass die NATO bereit sein müsse, Atomwaffen einzusetzen, um Russland wirkungsvoll abzuschrecken. Es ist dabei wohl notwendig, an das für Deutschland gültige Grundgesetz zu erinnern, wo in Artikel 26 Absatz 1 steht: »Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.« Kramp-Karrenbauer beteiligte sich an der NATO-Tagung in Brüssel, auf der ein neues »Konzept zur Abschreckung und Verteidigung im euroatlantischen Raum« unterzeichnet wurde, ein »Masterplan« zur Abschreckung Russlands, wie die Nachrichtenagentur Reuters es nannte. Die Moskauer planten zwar nicht unmittelbar einen Angriff, aber der Kriegspakt müsse sich auf eine »gleichzeitige Attacke in den Regionen der Ostsee und des Schwarzen Meers« vorbereiten. Das werde Atomwaffen, Hacken von Computernetzen und Überfälle aus dem Weltraum einschließen. Die neuen Kriegsdrohungen gegen Russland gehen einher mit dem NATO-Manöver »Steadfast Noon«, bei dem der Einsatz von Atombomben trainiert wird. Gleichzeitig geht der Aufbau von NATO-Truppen in der Nähe der russischen Grenzen weiter. Wenn Menschen solche Pläne entwickeln und verwirklichen wollen, kann man wohl kaum noch von »Wirrköpfen« sprechen. Bei Selbstmordattentätern geht es darum, möglichst viele in den eigenen Tod mitzunehmen. Hier geht es um die Völker Europas und viele andere in der Welt.
  • Leserbrief von Dr. Barbara Hug aus Schweiz (25. Oktober 2021 um 14:32 Uhr)
    Ist ein Auslandseinsatz ein Krieg? Ist ein Krieg ein Auslandseinsatz? Ach, das muss doch differenziert betrachtet werden, bitte nicht alles über einen Kamm scheren ... Wer sich mit der NS-Propaganda bezüglich der Schlacht von Stalingrad befasst, findet den Heldenmythos über die deutschen Soldaten als dominanten Bestandteil. Bisher war der Heldenkult bezüglich der in Afghanistan im Einsatz gewesenen Militärs nicht so laut zu vernehmen. Immerhin wurden sie aber mit einem Fackelzug geehrt, der jedem Menschen mit Geschichtsbewusstsein das Blut in den Adern gefrieren lässt. War es ein Krieg in Afghanistan? Ja, es war ein Krieg mit allen dazugehörigen Bestandteilen – Propaganda, modernsten Waffen, Geheimdiensten, Kriegsverbrechen, Tötung von Zivilisten, Weihnachtsbesuch aus Deutschland ... Und auch hier mussten deutsche Soldaten ihr eigenes Leben opfern, wie das der afghanischen Bevölkerung.
    Wer immer noch glaubt, Analogien mit Stalingrad seien unpassend, lese bitte »Stalingrad – Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht«, herausgegeben von Wolfram Wette und Gerd R. Ueberschär. Der Mythos der Unbesiegbarkeit der 6. Armee war ebenfalls zentraler Bestandteil der Nazipropaganda. Wenn die in Afghanistan verwundeten und traumatisierten Soldaten ihre Stimme erheben könnten, würde niemand mehr behaupten, sie seien dort »erwachsen« geworden.

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