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Aus: Ausgabe vom 21.10.2021, Seite 8 / Ansichten

Scherben aufkehren

Afghanistan-Konferenz in Moskau
Von Jörg Kronauer
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Im Zentrum der Diskussionen: Die Taliban-Delegation auf der Konferenz am Mittwoch in Moskau

Erinnert sich noch jemand an die Petersberg-Konferenz? Auf ihr wurde Ende 2001, vor fast 20 Jahren, über die Zukunft Afghanistans beraten. Die Vereinigten Staaten hatten das Land militärisch weitgehend unter Kontrolle gebracht; nun bereitete sich der Westen darauf vor, es nach seinem Willen und nach seinen Interessen zu formen. Erste Grundlagen dafür wurden auf dem Bonner Petersberg gelegt. Die Wahl des Konferenzorts bekräftigte aus Sicht Berlins den deutschen Anspruch, beim bevorstehenden Neuaufbau am Hindukusch eine maßgebliche Rolle einzunehmen. Der Westen befand sich auf dem Gipfel seiner Macht, die Schaffung blühender Landschaften in Afghanistan sollte der Welt demonstrieren, welche Früchte seine Herrschaft trägt.

Die Mitte der Woche in Moskau abgehaltene Afghanistan-Konferenz kann man nicht mit der Petersberg-Konferenz vergleichen. Letztere wurde im Namen der Vereinten Nationen durchgeführt und war in ihrer Bedeutung fast konkurrenzlos. Die Moskauer Konferenz dagegen war lediglich eine von zahlreichen Bemühungen, Einfluss auf die Entwicklung in Afghanistan zu nehmen: Parallel verhandeln etwa auch die USA, Deutschland, die EU und der Iran mit der neuen Führung in Kabul. Die Taliban haben die Türkei eingeladen, eine aktive Rolle beim erhofften Wiederaufbau des Landes zu spielen. Unverkennbar ist dennoch: Der Westen gibt am Hindukusch nicht mehr den Ton an. Ein Land mehr, das er seiner Herrschaft unterwerfen wollte, über das er nun aber die Kontrolle fast gänzlich verloren hat: Das verbindet Afghanistan mit Syrien und Libyen, demnächst vielleicht auch mit Mali und dem Irak. Die transatlantische Hegemonie bröckelt.

Und nun? Am Mittwoch ging es in der russischen Hauptstadt zunächst darum, die Scherben des Westens aufzukehren. Ihm ist es nicht gelungen, den afghanischen Ableger des IS auszuschalten, der nun die Sicherheit Zentralasiens, Russlands und womöglich auch Chinas bedroht. Beijing hat es mittlerweile geschafft, die Taliban zur Umsiedlung der in Afghanistan lebenden uigurischen Dschihadisten zu veranlassen: Sie halten sich jetzt immerhin in größerer Distanz zur Grenze zu Chinas Autonomer Region Xinjiang auf. Moskau sorgt sich um das Eindringen von Dschihadisten etwa nach Tadschikistan und weiter nach Russland, zum Beispiel in den Nordkaukasus; darüber spricht es mit den Taliban.

Nicht zuletzt hat der Westen ein wirtschaftlich ruiniertes Land zurückgelassen, dem nun, davor warnt die UNO, eine Hungersnot droht. Humanitäre Hilfe, womöglich auch Unterstützung beim Wiederaufbau bieten Russland, China und die Türkei an – und suchen damit Zugeständnisse der Taliban zugunsten einer zumindest partiellen Öffnung zu erzwingen. Ob das gelingt, ist nicht klar. Klar ist nur: Der Westen ist am Hindukusch gescheitert – und er bestimmt den Gang der Dinge in der Welt, anders als vor 20 Jahren, nicht mehr allein.

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