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Aus: Ausgabe vom 21.10.2021, Seite 7 / Ausland
Olivenernte in der Westbank

Sabotage mit System

Radikale Siedler auf der Westbank versuchen Olivenernte der Palästinenser zu verhindern – mit teils brutalen Mitteln
Von Gerrit Hoekman
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Ein Palästinenser versucht in der Westbank einen Olivenbaum umzupflanzen, der zuvor von der israelischen Armee rausgeschnitten wurde (Januar 2021)

Der Oktober ist auf der palästinensischen Westbank der Monat der Olivenernte. Tausende Bauern ziehen in die Plantagen, um die Früchte zu ernten, aus deren Verkaufserlös sie einen großen Teil ihres Lebensunterhalts bestreiten. Seit Jahren versuchen radikale israelische Siedler allerdings mit Gewalt, die Ernte zu verhindern.

Am Mittwoch morgen stahlen sie in einem Hain unweit der illegalen Siedlung Shavot Rahel im Norden der Westbank Oliven und Erntegeräte. Das teilte ein Beamter der Palästinensischen Autonomiebehörde der amtlichen Nachrichtenagentur WAFA mit. Ein Video auf der Internetseite der palästinensischen Agentur Maan zeigte am Mittwoch, wie Bauern dort einen Siedler ertappen, der einen Rüttelkamm mit sich führt, der für die Olivenernte genutzt wird. Ein bewaffneter Soldat geleitet ihn zu seinem Auto mit israelischem Kennzeichen.

Nur ein harmloser versuchter Diebstahl? Mitnichten. Hinter solchen Aktionen steckt System. Seit dem offiziellen Beginn der Saison am 12. Oktober sabotieren Siedler wie jedes Jahr die Olivenernte. »Entweder durch direkte physische Angriffe auf die Landwirte oder durch das Fällen und Brechen von Bäumen oder das Stehlen der Ernte«, schrieb die israelische Tageszeitung Haaretz am Sonntag online.

Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) zählte 2020 allein während der Olivenernte 1.700 durch Siedler zerstörte Bäume. Die UNO nannte die Gewalt der Siedler in einem Bericht vom 14. April »ideologisch motiviert und in erster Linie darauf ausgerichtet, Land zu erobern, aber auch die Palästinenser einzuschüchtern und zu terrorisieren«. Insgesamt sollen zwischen August des vergangenen und dieses Jahres nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz 9.300 Bäume vernichtet worden sein.

»Wenn es nicht die Siedler sind, die versuchen die Olivenernte der Palästinenser direkt zu stören, ist es die israelische Armee, die sie daran hindert«, schrieb Haaretz am Sonntag. Die Zeitung berichtete von einem Vorfall am Montag vor einer Woche in der Nähe der illegalen Siedlung Ariel. Palästinensische Bauern wollten in ihren Olivenhainen die Ernte einholen. Unterstützt wurden sie von freiwilligen Helfern. »In der Annahme, dass eine große Zahl von Freiwilligen sie vor israelischer Gewalt schützen und einen schnelleren Abschluss der Ernte ermöglichen würde, bevor die Oliven gestohlen werden«, so Haaretz.

Als die Bauern mit ihren Erntehelfer frühmorgens eintrafen, fanden sie »eine Anzahl von hysterischen Soldaten vor«, erzählte der israelische Aktivist Gil Hamerschlag, der sich mit anderen solidarischen Israelis vor Ort befand, gegenüber Haaretz. Die Soldaten erklärten das Gebiet kurzerhand zur militärischen Sperrzone. Es kam zum Handgemenge, die Militärs setzten offenbar Blendgranaten ein. Drei Personen wurden verhaftet.

Die Entscheidung, was den Bauern erlaubt ist und was nicht, liegt offenbar beim jeweiligen Kommandanten. Einen Tag zuvor hatten Landwirte in der Nähe von Beita geerntet, wozu sie den Siedlervorposten Evyatar passieren mussten, berichtete ein Aktivist bei Haaretz. Die Armee ließ sie gewähren.

Manchmal werden in solchen Fällen die Soldaten selbst von wütenden Siedlern angegriffen, die sich verraten fühlen. Vergangene Woche verlangte Verteidigungsminister Benjamin Gantz von der Armee deshalb, »systematisch, aggressiv und kompromisslos« gegen Siedler vorzugehen, die Soldaten und Palästinenser angreifen, berichtete die Times of Israel am Freitag.

Für die palästinensische Wirtschaft sind Oliven ein bedeutender Faktor. Der Sektor erwirtschaftet im Jahr zwischen 137 Millionen und 164 Millionen Euro, berechnete das Palästinensische Handelszentrum Pal Trade 2018. Folgeprodukte wie Öl oder Seife gehen auch in den Export. Bis zu 100.000 Familien sichern sich durch den Olivenanbau die Existenz.

Laut WAFA forderte der palästinensische Ministerpräsident Mohammed Schtaja während der wöchentlichen Kabinettssitzung am Montag die Vereinten Nationen auf, Beobachter auf die Westbank zu schicken. Er verlangte, die Siedler vor ein internationales Gericht zu stellen und zu bestrafen. »Die weltweite Reaktion auf das sich täglich verstärkende Siedlungsprojekt muss die Anerkennung des Staates Palästina sein«, sagte Schtaja.

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