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Aus: Ausgabe vom 21.10.2021, Seite 6 / Ausland
Opposition Ungarn

Die Kleinen und der Bolschewik

Katholisch und in der Provinz verankert: Oppositionsbündnis in Ungarn kürt Erzkonservativen zu Orbans Herausforderer
Von Matthias István Köhler
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Ähnlichkeit mit Ceausescu? Sticker in Budapest mit dem Bild des Spitzenkandidaten der ungarischen Opposition, Peter Marki-Zay

Die ungarische Linke blickt etwas ratlos auf die Parlamentswahlen im Frühjahr, und die Medienmaschinerie der rechten Regierung läuft sich schon einmal warm: Spitzenkandidat des Oppositionsbündnisses für die Wahl ist der erzkonservative Bürgermeister von Hodmezövasarhely, Peter Marki-Zay – ein früheres Mitglied von Premierminister Viktor Orbans Partei Fidesz. Am Sonntag abend trat Marki-Zay in Budapest triumphal vor seine Anhänger, nachdem bekanntgeworden war, dass er die von der Opposition organisierten Vorwahlen gewonnen hatte und sich nun Orbans direkter Herausforderer nennen darf.

Es sei eine »Revolution der Kleinen« gewesen, erklärte Marki-Zay in seiner Ansprache. »Diesen Kampf haben nicht die Parteien gewonnen, sondern die Zivilorganisationen und die Kleinen.« Der Parteilose hatte sich in einer Stichwahl überlegen gegen die Sozialdemokratin Klara Dobrev durchgesetzt. Bereits zuvor war nach der ersten Runde der Vorwahlen der Budapester Bürgermeister Gergely Karacsony zu seinen Gunsten zurückgetreten. Sechs Parteien verschiedener politischer Ausrichtung hatten sich in dem Oppositionsbündnis zusammengetan, um den aussichtsreichsten Kandidaten gegen Orban zu ermitteln.

»Wir haben die Opposition abgewählt, insbesondere jene, die erpressbar war«, sagte der 49jährige Marki-Zay, der als Außenseiter in das Rennen zwischen den mehr oder weniger etablierten Oppositionsparteien gestartet war, am Sonntag abend. Er betonte, es gebe nun weder Linke noch Rechte, es gebe keine inneren Debatten, die einzige Frage, die nun bleibe, sei: Fidesz oder nicht Fidesz.

Bekannt wurde der Betriebswirt und Ingenieur 2018, als er mit Unterstützung sowohl linker als auch rechter Parteien gegen einen Regierungsvertreter die Bürgermeisterwahlen in Hodmezövasarhely gewinnen konnte. Marki-Zay ist Vater von sieben Kindern und wird nicht müde zu betonen, dass er ein tiefgläubiger Katholik ist. Laut Beobachtern wird ihm als konservativem und vor allem auch in der Provinz verankertem Politiker am ehesten zugetraut, Orban jene Wähler abspenstig zu machen, die von den korrupten Machenschaften der Regierung enttäuscht sind.

Sein großes Wahlversprechen zielt darauf ab, die Vertreter der Regierung nach seinem Sieg zur Verantwortung ziehen zu wollen. Ansonsten hatte Marki-Zay immer wieder betont, am derzeitigen wirtschaftspolitischen Kurs nicht groß was verändern und vor allem die Reichen des Landes nicht stärker belasten zu wollen. In einem Interview am 8. Oktober hatte er erklärt, dass er sich der Partei Jobbik ideologisch am nächsten fühlt, wie das Wochenmagazin 168 Ora online berichtete. Jobbik war früher eine offen faschistische Partei, derzeit versucht sie, sich als moderate Rechte auszugeben, stimmt dessen ungeachtet aber im Parlament gerne mit Orbans Fidesz-Partei.

Für die Linke des Landes ist der Ausgang der Wahlen ein erneutes Desaster. Der Chefredakteur der marxistischen Vierteljahresschrift Eszmelet, Attila Antal, hatte bereits vor der Wahl auf dem linken Nachrichtenportal merce.hu gewarnt, dass das »Phänomen Marki-Zay nichts anderes ist, als die Verkündung des Anspruchs, das Orban-System fortzuführen, mit gemäßigt(er)en neokonservativen Mitteln und ohne Orban«. Genutzt hat es anscheinend nicht.

Das Regierungslager indes mobilisiert: Am Mittwoch verbreitete der Jugendverband der Fidesz-Partei in den sozialen Medien nebeneinander die Porträtbilder von Marki-Zay und Rumäniens langjährigem kommunistischen Präsidenten Nicolae Ceausescu. Dazu war zu lesen: »Linke Zwillingstürme. Ohne Kommentar.«

Auch das Hausblatt Orbans, die Tageszeitung Magyar Nemzet, bemüht sich, Marki-Zay als »Trojanisches Pferd« der Linken darzustellen. Mit Blick auf dessen wiederholte Ankündigung, mit verschiedenen Gruppen gegen den Regierungschef zusammenzuarbeiten, heißt es in einem Kommentar am Dienstag: »So redet nur ein Blutroter, ein Bolschewik, dem nichts heilig ist und der auf jeden Fall die Macht will.« In den kommenden Monaten sei es nun Aufgabe der Rechten, das zu entlarven.

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