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Aus: Ausgabe vom 21.10.2021, Seite 2 / Ausland
Kommunisten in Tschechien

»Wir wollen in vier Jahren wieder im Parlament sein«

Über die Niederlage der tschechischen KP bei den Wahlen und Drohungen in den sozialen Medien. Ein Gespräch mit Petra Proksanova
Interview: Matthias István Köhler
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Kandidatin für den KSCM-Vorsitz: Katerina Konecna im EU-Parlament

Die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens, KSCM, hat bei den vergangenen Wahlen in Tschechien das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt und wird nicht im kommenden Parlament vertreten sein. Sie waren am Wochenende auf einer Konferenz des Jugendverbandes der KP. War die Stimmung sehr düster?

Das Treffen der jungen Kommunisten war bewusst für die Zeit zwischen Wahl und KP-Parteitag am kommenden Wochenende angesetzt. Die Atmosphäre war, wie immer, freundlich und offen. Im jungen Kollektiv wird ganz anders diskutiert als unter den älteren, erfahrenen Genossen. Wir hatten eine Menge Spaß, mit einem Ausflug zur Burg Trosky, einem Nachtfeuer. Einige Wagemutige nahmen sogar ein Bad in einem Teich.

Welche Antworten hat die KP-Jugend auf die Frage nach den Gründen für das schlechte Abschneiden gefunden?

Die Auswertung war leidenschaftlich, aber in einigen Punkten waren wir uns einig. Die KSCM hat es nicht geschafft, die Ergebnisse ihrer Arbeit, nennen wir es mal: zu verkaufen. Es war problematisch, dass wir die Regierung von Premier Andrej Babis weiter unterstützt haben, obwohl sie ganz offensichtlich unsere Bedingungen dafür nicht eingehalten hat. Was dann auf der anderen Seite dank unseres Drucks Positives zustande kam, haben Babis’ Partei ANO oder der Koalitionspartner, die sozialdemokratische CSSD, als ihren Erfolg ausgegeben. Wir waren nicht in der Lage, in den sozialen Netzwerken flexibel und energisch genug zu kommunizieren. Wir haben uns nicht ausreichend als Alternative zum derzeitigen System profiliert.

Sie selbst haben in Prag kandidiert. Vor den Wahlen sprachen sie in einem Interview davon, dass viele junge Menschen sich nicht trauen, öffentlich zu ihren kommunistischen Überzeugungen zu stehen. Wovor haben sie Angst?

30 Jahre nach der Konterrevolution nehmen antikommunistische Tendenzen in unserer Gesellschaft zu. Die Gesellschaft radikalisiert sich immer mehr, und die Kommunisten, die jetzt durch die Wahlniederlagen geschwächt sind, sind ein leichtes Ziel. Aus meinem Umfeld weiß ich von Menschen, die wegen ihrer kommunistischen Überzeugungen entlassen wurden. Viele von uns haben Freunde verloren. Auch Probleme in den Familien sind keine Ausnahme. Während des Wahlkampfes habe ich relativ starkes Cybermobbing auf Facebook erlebt. Auch wenn man meint, darauf vorbereitet zu sein, erschüttert es einen doch. Mir wurde mit Körperverletzung und Tod gedroht, meine Familie und ich wurden beleidigt, selbst meine kleinen Kinder wurden nicht verschont. Zum Glück habe ich genügend Menschen um mich herum, auf die ich mich verlassen kann. Aber das ist nicht bei allen so, und wenn man allein mit solchem Mobbing konfrontiert wird, kann man leicht daran zerbrechen. Wenn sich die Menschen doch trauen, zu ihren kommunistischen Überzeugungen zu stehen, ist das eine große Motivation und ein gutes Beispiel für andere.

Zurück zum Parteitag am kommenden Wochenende: Was muss sich ändern, damit die KP in Zukunft wieder stärker wird?

Ja, der Sonderkongress am Sonnabend ist sehr wichtig. Wir müssen eine ganz neue Partei vorstellen: frisch, modern, verständlich, aber gleichzeitig kompromisslos bei unseren ideologischen Überzeugungen. Das programmatische Ziel der KSCM ist der Sozialismus. Wir müssen lernen, dies den Menschen besser zu erklären. Auf moderne Art, in den sozialen Netzwerken. Wir müssen auch zurück auf die Straße, unter den arbeitenden Menschen, den Studenten sein. Wir müssen die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften verstärken. Wir haben auch das Potential, mit jungen Familien zu arbeiten. Wegen der Verschärfung der Wirtschaftskrise werden es sich Eltern nicht mehr leisten können, ihren Kindern Freizeitaktivitäten zu bieten. Die sind ohnehin schon sehr teuer. Wir würden ihnen gerne dabei helfen. Was die Arbeit innerhalb der KSCM betrifft, so ist es notwendig, ein effektives System für die Schulung unserer Mitglieder zu schaffen. Wir wollen in vier Jahren wieder im Parlament sein. Bis dahin müssen wir alles tun, um personell und ideologisch vorbereitet zu sein. Heiße Kandidatin für den Parteivorsitz ist Katerina Konecna, unsere derzeitige EU-Abgeordnete.

Petra Proksanova war bei den Wahlen Direktkandidatin der KSCM in Prag

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ronald B. aus Kassel (21. Oktober 2021 um 09:13 Uhr)
    Ich möchte Euer Interview mit folgendem Link auf eine (englischsprachige) Erklärung des tschechischen kommunistischen Jugendverbandes vom 12.10.2021 zu den Palarmentswahlen in Tschechien sinnvoll ergänzen - siehe: http://ksm.cz/international/4736-statement-of-ksm-on-the-situation-after-the-parliamentary-elections-in-the-czech-republic

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