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Aus: Ausgabe vom 20.10.2021, Seite 7 / Ausland
Krieg der Nadelstiche

Fahrt an die Front

Internationale Journalisten reisten auf Einladung der Befreiungsfront Polisario in die Westsahara
Von Jörg Tiedjen, Tindouf
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Den Gegner mit »Nadelstichen« demoralisieren: Raketenwerfer der Befreiuungsfront Polisario

Es war in der beginnenden Abenddämmerung am Dienstag der vergangenen Woche, als die Namen derjenigen Journalisten verlesen wurden, die als erste in das Kriegsgebiet aufbrechen durften. Eine Gruppe fuhr ins ferne Merhis, die zweite und eigene ins nähere Mahbès. Es musste schnell gehen. Die bloße Tatsache, dass es in der Westsahara Kampfhandlungen gibt, wird seit Monaten von Marokko geleugnet. Der Grund der Eile wurde klar, als ein Dutzend Kilometer außerhalb der Flüchtlingslager der Sahrauis beim algerischen Tindouf Richtung Westen die Grenze erreicht war. Sie schloss laut Schild um 19 Uhr. Aufmerksam kontrollierten die algerischen Soldaten Passagiere und Pässe, bevor die »Landcruiser« weiterfahren konnten.

Der kleine Pulk hatte die befreite Westsahara erreicht. Die befestigte Fahrbahn endete, wir wurden angewiesen, alle Lichter zu löschen, da die gigantische Sperranlage der Marokkaner nahe war und die Wagen erspäht und beschossen werden könnten. Nach zwei Stunden Fahrt war der Ort erreicht, wo wir übernachten würden, ein Lager, das eine Militäreinheit der Polisario inmitten einer Ansammlung von Bäumen errichtet hatte, mit zwei Zelten extra für die Besucher.

Der Kommandant, seit 1973 in der Befreiungsarmee, mehrfach versehrt und zuständig für den gesamten Sektor, nahm bereitwillig zu allen Fragen Stellung. Dann erleuchtete in der Ferne mit einschüchterndem Heulen eine von der Polisario abgefeuerte Rakete die Nacht. Auf die Detonation folgte nach kurzer Unterbrechung Artilleriefeuer – die Reaktion der Marokkaner. Laut Polisario finden solche Angriffe auf der gesamten Breite des 2.700 Kilometer langen Grenzwalls statt, der von geschätzten 100.000 Soldaten bewacht wird. Es gehe darum, den Gegner zu demoralisieren, mit »Nadelstichen«. Die Militärpolizei der Marokkaner sei damit beschäftigt, Deserteure abzufangen. Auch die meist ziellose Antwort, während man selbst immer wieder Zerstörungen anrichte, bestätige den Erfolg.

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Polisario-Kämpfer mit Flugabwehrkanone

Nach bitterkalter, schlafloser Nacht auf dem Sandboden wich der Sternenhimmel der Dämmerung. Schon gab es Kaffee und Frühstück. Eine Ziege wurde geschlachtet und Brot gebacken. Aufbruch. Es geht endgültig an die Front. Ab sofort solle man sich schnell weit von den Fahrzeugen entfernen, sobald diese zum Stillstand kommen. Nur größere Ziele würden angegriffen. Bald stießen wir auf mehrere Pick-ups mit schwereren Waffen, einem Raketenwerfer und Flugabwehrkanonen, die in entgegengesetzter Richtung fortfuhren. Es war Mittag, als die Geländewagen am Fuß einer kleinen Hügelkette am Rande einer Tiefebene hielten. Leise und am Ende auf allen Vieren ging es hinauf. Oben sollte man sich ducken: Die Marokkaner schössen auf alles, was sich bewege. Von dort waren es nur noch ein paar Kilometer zum »Balm«, dem marokkanischen Wall.

Nach einer weiteren Stunde in praller Mittagssonne das Dröhnen einer Rakete. Der Abschuss geschah jenseits des Tals weiter östlich – dunkle Rauchschwaden erhoben sich über den marokkanischen Anlagen. Wieder dauerte es nicht lang, bis das Antwortfeuer einsetzte. Erneut war Eile geboten, es bestehe Gefahr, dass die marokkanische Armee eine Drohne starte. Nach zügiger Fahrt durch die Wüste war der Konvoi am Nachmittag am Ausgangspunkt zurück. Pünktlich um 19 Uhr war wieder die algerische Grenze erreicht.

Der Pressebesuch war der erste seit Jahrzehnten. Er war Teil einer von Polisario organisierten Solidaritätsreise vom 10. bis 17. Oktober, an der neben Journalisten aus Spanien, Frankreich, Belgien, Italien, Irland und anderen Ländern internationale Politiker und Vertreter von Solidaritätsorganisationen teilnahmen. Es war das erste Mal, dass Gäste aus dem Ausland seit Beginn der Coronapandemie wieder nach Algerien und in die Lager der Sahrauis reisen durften – und seit der kriegerischen Eskalation, verbunden mit einer bedrückenden Repression in den von Marokko besetzten Gebieten. Die Polisario-Befreiungsfront kämpft auf mehreren Ebenen um Selbstbestimmung, seit Rabat vergangenen November den seit drei Jahrzehnten bestehenden Waffenstillstand brach auch wieder militärisch. Vor Gericht erzielte sie gerade erst einen Durchbruch: Der Europäische Gerichtshof bestätigte sie ausdrücklich als Vertreterin der Sahrauis. Der Befreiungsfront nutzt Berichterstattung, Marokko das Schweigen.

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