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Aus: Ausgabe vom 20.10.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Expo 2020 in Dubai

Höher, schneller, besser

Themen Nachhaltigkeit und Mobilität: Expo 2020 in Dubai wirft Schlaglicht auf Umweltverbrecher Vereinigte Arabische Emirate
Von Wiebke Diehl
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Bestimmt nicht nachhaltig: Die Eröffnungszeremonie der Expo 2020 in Dubai am 30. September

Mit einer fulminanten Lasershow und Auftritten des italienischen Tenors Andrea Bocelli sowie des chinesischen Pianisten Lang Lang ist am 30. September mit einem Jahr Verspätung die Expo 2020 im Golfemirat Dubai eröffnet worden. Rund 190 Länder beteiligen sich an der erstmals in einem arabischen Land stattfindenden Weltausstellung, die den Themen Nachhaltigkeit und Mobilität gewidmet ist.

Doch gerade für Dubai war Nachhaltigkeit jahrzehntelang ein Fremdwort: Im Jahr 2006 erklärte der World Wildlife Fund (WWF) die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zum Land mit dem größten ökologischen Fußabdruck weltweit, was insbesondere auf die hohen CO2-Emissionen durch begrenzt verfügbare öffentliche Verkehrsmittel, durch Privatjets, hohen Treibstoffverbrauch und ineffizient bis zum Anschlag klimatisierte Gebäude zurückzuführen war. Dubai war sogar noch Spitzenreiter unter den sieben Emiraten. Aus einem Fischerdorf mit Handelshafen entstanden, leiteten die in den 1950er Jahren entdeckten Ölreserven einen bis heute anhaltenden, beispiellosen Immobilienboom ein. Billige Energie traf auf mangelndes Umweltbewusstsein und gleichzeitigen Größenwahn. Höher, schneller, besser musste alles sein. Und so kann man in Dubai nicht nur bei Temperaturen von 50 Grad Celsius Ski fahren. Mitten in der Wüste entsteht auch die weltweit größte Gemüsefarm mit einer Fläche von 12.000 Quadratmetern. Die erste Sonde aus dem arabischen Raum, die den Mars erreichte, stammt aus Dubai.

Unmengen an Strom fressen die Klimaanlagen in den Wolkenkratzern, von denen keine andere Metropole über so viele verfügt. Und derzeit wird daran gearbeitet, den Burj Khalifa, das mit etwa 830 Metern höchste Gebäude der Welt, selbst zu übertrumpfen – mit dem Dubai Creek Tower. In Dubai befindet sich zudem das größte Riesenrad mit einer Höhe von 210 Metern. Das kleine Emirat mit rund drei Millionen Einwohnern verfügt außerdem über den drittgrößten Flughafen der Welt.

Auch bei der Expo wurden Superlative gesetzt: etwa mit architektonisch ausgefallenen Gebäuden und der weltweit größten Fläche für 360-Grad-Laserprojektionen. Nicht nur, um die fatale Menschenrechtslage im Land und die Außenpolitik der VAE zu verschleiern, will man sich ein modernes, weltoffenes Image geben. Dazu gehören die langen Sandstrände und künstlich aufgeschüttete Inseln für die inzwischen 15 Millionen Touristen pro Jahr, denen ganze Korallenriffe weichen mussten.

Aber der autoritäre Herrscher Mohammed bin Raschid Al-Maktum, der 2006 in Dubai an die Macht kam und zugleich Vizepräsident, Premierminister und Verteidigungsminister der VAE ist, hat nicht nur erkannt, dass sich das Emirat von der endlichen Ressource Erdöl emanzipieren muss. Zudem will er dem durch die Umweltverbrechen entstandenen schweren Ansehensverlust entgegensteuern und hat darum verfügt, Dubai solle bis 2050 die »nachhaltigste Stadt der Welt« werden. 75 Prozent seiner Energie soll das Emirat aus nachhaltigen Quellen beziehen – und damit erneut ein Superlativ setzen.

Dazu wurde als sogenanntes Role Model die »Sustainable City« (Nachhaltige Stadt) für 354 Millionen US-Dollar (etwa 304 Millionen Euro) am Stadtrand Dubais errichtet. Dort werden Wasser und Müll recycelt und mehr Energie erzeugt als verbraucht. In der Wüste hat Al-Maktum einen riesigen Solarpark im Wert von 13,6 Milliarden US-Dollar errichten lassen, der öffentliche Personennah- und -fernverkehr wurde in rasantem Tempo ausgebaut. Die Metro hat mit einer Länge von 74,6 Kilometern bereits jetzt das längste vollautomatisierte und fahrerlose U-Bahn-Netz weltweit. Alle Häuser sollen mit Sonnenkollektoren auf den Dächern ausgestattet werden. Mehr als 160 Milliarden US-Dollar an Investitionen sind geplant, um das Emirat in die Lage zu versetzen, seinen eigenen Wasser-, Energie- und Baubedarf nachhaltig decken zu können. Die Verschwendung von Wasser in Privathaushalten, Großindustrie, Hotellerie und vor allem für Grünflächen, wofür Unmengen an Meerwasser entsalzt werden müssen, soll – vor allem durch Preiserhöhungen – eingedämmt werden.

Wie nachhaltig der Sinneswandel ist, bleibt allerdings fragwürdig: So hat die britische Tageszeitung Guardian kürzlich aufgedeckt, dass ein Großteil der über eine Million im Jahr 2010 in einer Baumschule gepflanzten Bäumen, die in einer Aufforstungsaktion über das ganze Land verteilt werden sollten, um Hitze und Wüstenbildung entgegenzuwirken, doch dem Immobilienboom zum Opfer gefallen ist. Vier Jahre nach Pflanzung der Bäume gab es Bestrebungen, an Stelle der Baumschule das größte Shoppingcenter der Welt zu bauen. Die Dubai Holding, die das Grundstück damals übernahm, gehört nach Informationen des Guardian zum Portfolio von Scheich Maktum. Da sich die Betreiber der Baumschule und Greenpeace weigerten zu weichen, wurden ihnen Strom und Wasser abgestellt. Auch wenn bis heute kein Shoppingcenter gebaut worden ist, sind inzwischen etwa 80 Prozent der Bäume vertrocknet. Und das, obwohl laut dem Stockholm Environment Institute bis Ende des Jahrhunderts etwa sechs Prozent der Küstenlinie Dubais wegen des Anstiegs des Meeresspiegels verloren gehen könnten. Auch Starkregen, Sandstürme und Hitzewellen werden demnach zunehmen.

Hintergrund: Ausbeutung in Dubai

Nur etwa zehn Prozent der rund zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über die emiratische Staatsbürgerschaft. Auch in Dubai leben 85 Prozent Ausländer. Sie stammen vor allem aus anderen Staaten des Nahen Ostens, aus Asien und Afrika.

Wie auch in anderen Golfstaaten gilt in Dubai insbesondere für Niedriglohn- und angelernte Arbeitskräfte das »Kafala«-System – ein dem Gewohnheitsrecht entsprungenes privates Sponsoringsystem, das keinesfalls den internationalen Standards für Wanderarbeiter entspricht und ausländischen Lohnabhängigen kaum Schutz vor äußerst schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen bietet. Migrantinnen und Migranten sind bei der Vergabe ihrer Visa von den Unternehmern abhängig, werden nicht selten wie Sklaven »gehalten«, ihre Pässe konfisziert und der Lohn einbehalten. Arbeitsverträge werden vor Leistung der Unterschrift nicht übersetzt oder in der Herkunftssprache beschönigt. Frauen und Männer werden mit lukrativen Jobs gelockt, um dann mitunter gar Sexhandel oder Zwangsarbeit ausgesetzt zu sein.

Trotz Reformen in den vergangenen Jahren, wie etwa der Streichung der Anforderung, eine Erlaubnis des bisherigen Chefs zur Ausreise oder zum Wechsel des Arbeitsplatzes einzuholen, mangelt es an der Umsetzung sowohl in privaten als auch öffentlichen Betrieben. Zudem sind – wie auch die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen bemängelt – Anreize zur Ausbeutung der völlig abhängigen Arbeiter dem System immanent.

Für die Betroffenen kann es tödlich sein: Auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft in Katar sind inzwischen 6.500 Gastarbeiter gestorben. Auch auf den Baustellen zur Expo in Dubai haben mindestens drei Wanderarbeiter ihr Leben verloren. (wd)

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