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Aus: Ausgabe vom 19.10.2021, Seite 6 / Ausland
Pandemiebekämpfung

Plötzlich ungeimpft

Neue Pandemieregeln: Mindestens zwei Millionen Israelis verlieren Recht auf »Grünen Pass«
Von Knut Mellenthin
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Kontrolle des »Grünen Passes« am Eingang eines Kinos in Israel

Seit Sonntag werden in Israel neue Coronamaßnahmen praktiziert, die vielleicht international Modellcharakter bekommen könnten. Menschen, deren zweite Impfung mehr als sechs Monate zurückliegt, haben ihren Status als Geimpfte verloren. Somit sind sie Ungeimpften gleichgestellt, sofern sie nicht eine »dritte Dosis«, auch »Auffrischungsimpfung« genannt, bekommen haben. Auch diese gilt aber nur für sechs Monate. Hintergrund ist die allgemein anerkannte Tatsache, dass die Wirkung der Impfungen nach wenigen Monaten nachlässt.

Seit Anfang August konnte die dritte Dosis allen zweimal geimpften Personen über 60 Jahren verabreicht werden, kurz darauf folgte die Freigabe auch für »Risikogruppen«. Seit dem 29. August schließlich empfiehlt das Gesundheitsministerium die dritte Spritze für alle Menschen ab zwölf Jahren. Die Montagausgaben der israelischen Zeitungen gaben die Zahl der dreimal Geimpften mit 3,85 Millionen an. Quelle ist das Gesundheitsministerium.

Bisher waren »Genesene«, also Menschen, die einmal positiv auf das Coronavirus und später wieder negativ getestet worden waren, rechtlich mit Geimpften gleichgestellt. Nach der neuen Regelung gilt auch der Genesenenstatus nur noch maximal sechs Monate nach der amtlichen Feststellung. Danach ist auch für sie eine »Auffrischungsimpfung« notwendig, um den sogenannten Grünen Pass zu behalten, der Voraussetzung für den Zugang zu vielen Orten ist. Allen, die nach den neuen Regeln als »ungeimpft« gelten, bleibt die Option eines befristeten Grünen Passes in Verbindung mit einem negativen PCR-Test, der höchstens 72 Stunden alt sein darf und privat bezahlt werden muss. Davon befreit sind nur Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden sollten, sowie Kinder unter zwölf Jahren, für die bisher noch keine Impfung zugelassen ist, obwohl die Hersteller Pfizer und Biontech heftig auf die Freigabe drängen.

Nach Schätzungen israelischer Medien haben durch die neuen Regeln rund zwei Millionen Menschen, die bisher als vollständig geimpft oder als genesen galten, ihren Anspruch auf einen Grünen Pass verloren. Trotzdem hat sich die Zahl der täglichen Impfungen, die nach der Ankündigung der geplanten Umstellung zunächst hoch war, inzwischen halbiert. Bislang ist nicht zu erkennen, dass sich der Trend wendet. Hinzu kommt, dass ohnehin schon vorher 900.000 Israelis ungeimpft waren und diese Zahl trotz erheblicher Bemühungen der Regierung recht stabil scheint.

Ebenfalls seit Sonntag müssen die Betreiber und Verantwortlichen an allen Stellen, für die ein Grüner Pass vorgeschrieben ist, dafür sorgen, dass die Bescheinigung tatsächlich genau kontrolliert wird. Dazu muss der QR-Code eingescannt werden, er wird über eine App des Gesundheitsministeriums mit den Daten aus dem Personalausweis verglichen. Bisher war es, nach Darstellung der israelischen Medien, so, dass das Personal üblicherweise nur einen schnellen Blick auf das Dokument warf.

Die neuen Maßnahmen hätten planmäßig schon am 3. Oktober in Kraft treten sollen. Aber rechtliche Unklarheiten und vor allem der massenhafte Ansturm auf die neuen Grünen Pässe brachten das Onlinesystem des Gesundheitsministeriums zum Absturz. Auch der nächste verkündete Termin, der 7. Oktober, war aus technischen Gründen nicht zu halten. Seit Sonntag jedoch ist Israel wahrscheinlich wirklich das erste Land der Welt, in dem die dritte Impfung zwingend vorgeschrieben ist, sofern man nicht soziale und finanzielle Nachteile in Kauf nehmen will.

Indessen sank die Zahl der »Neuinfektionen« – also der aktuell positiv Getesteten –, der »aktiven Fälle«, der Hospitalisierten und der »schweren Fälle« in den Krankenhäusern, die im August und September außergewöhnlich hoch lag, in den letzten drei Wochen deutlich. Vor zwei Monaten hatte man in Israel bis zu 10.000 Neuinfektionen pro Tag gezählt – etwa so viele wie in Deutschland, dessen Bevölkerung aber fast zehnmal so groß ist.

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