75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 7. Dezember 2021, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 18.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Graz von oben

Die eingebildete Literaturhauptstadt

Von Florian Neuner
neuner_Standart.jpg

Dass sich eine Stadt, die nicht viel größer ist als Gelsenkirchen, ein Kulturleben dieses Ausmaßes leistet, sorgt bei Besuchern immer wieder für Erstaunen. Gerade ist der Steirische Herbst zu Ende gegangen, schon folgen die transnationalen Grazer Literaturtage »Weltwortreisende«, die Fiston Mwanza Mujila, der neue Literaturbeauftragte des Forums Stadtpark, auf die Beine gestellt hat. Wiederholt hat der Stadtschreiber nach Veranstaltungen und den sich anschließenden Kneipenrunden inzwischen die nur bis 0.30 Uhr bestehende Möglichkeit verpasst, mit dem Aufzug zurück auf den Schlossberg zu fahren und musste mitten in der Nacht die 260 Stufen des sogenannten Friedenssteiges erklimmen.

In Graz gibt es mehr Literaturzeitschriften mit überregionaler Ausstrahlung als in Berlin, neben den legendären Manuskripten u. a. die Lichtungen und die Perspektive. In den Lichtungen hatte ich sogar meine erste »richtige« Veröffentlichung nach hektographierten Produktionen im Selbstverlag. Und ich erinnere mich auch noch gut an meine erste Einladung zu einer Lesung nach Graz vor 20 Jahren. Bereits am Vorabend lernte ich den Perspektive-Mitherausgeber Helmut Schranz kennen, mit dem ich zum Abschluss einer Kneipentour bis zur Sperrstunde in einem düsteren Irish Pub zusammensaß. Der Tag der Lesung stand dann ganz im Zeichen von Ausnüchterungsversuchen. Ich staunte aber nicht schlecht, als zur Veranstaltung sogar ein ORF-Journalist erschien, der die Lesung aufzeichnete und später in Ausschnitten sendete.

Man kann also durchaus den Eindruck haben, dass in Graz Literatur eine Rolle spielt. Als ich vor wenigen Tagen zufällig dem Kollegen Bodo Hell begegnete, der gerade die Fassade der Dreifaltigkeitskirche am Fuße des Schlossbergs begutachtete, schien das nur wie eine neuerliche Bestätigung. Nach einer Besichtigung des Stadtschreiberdomizils machten wir uns auf die Suche nach einem nahegelegenen Laden für »Geweihwaren« (Knöpfe, Türklinken, Lampen und vieles mehr aus Hirschhorn), an den der umtriebige Dokumentarist sich erinnerte, und konnten schließlich beruhigt feststellen: Es gibt ihn noch! Zählebig ist auch der Mythos von der Literaturhauptstadt Graz, in den 1970er Jahren lanciert vom bundesdeutschen Feuilleton und befeuert von einem Buch, das die Literaturwissenschaftler Jörg Drews und Peter Laemmle 1975 herausgaben: »Wie die Grazer auszogen, die Literatur zu erobern«. Die »Grazer«, das waren Autoren im Umfeld der Zeitschrift Manuskripte wie Helmut Eisendle, Gunter Falk, Barbara Frischmuth, Peter Handke und Gerhard Roth, die Graz allerdings großteils schon schnell wieder verließen. Insofern ist auch die Rede von einer »Grazer Gruppe« irreführend.

Inzwischen wird fleißig an der Mystifizierung und der Musealisierung der Grazer Nachkriegsavantgarde gearbeitet. Andreas Unterweger, seit dem Tod Alfred Kolleritschs im vergangenen Jahr Herausgeber der Manuskripte, veranstaltet sogar Stadtspaziergänge auf den Spuren legendärer Grazer Autoren, die dann u. a. zur legendären Likörstube Haring führen, die freilich längst einem italienischen Lokal gewichen ist. Unangefochtener Superheld der Grazer Selbstbeweihräucherungen ist der Dramatiker Wolfgang »Wolfi« Bauer (1941–2005), der zwar in jungen Jahren mit Stücken wie »Magic After­noon« international Erfolg hatte, später aber dann eher nur noch in Graz weltberühmt war. Der 2015 viel zu früh verstorbene Helmut Schranz blickte wesentlich nüchterner auf die Errungenschaften seiner literarischen Vätergeneration. Im Kulturhauptstadtjubeljahr 2003 schrieb er über »herren aus den grazer 1960er jahren, welche das glück hatten, aus dem – internationalen entwicklungen weit hinterherhinkenden – graz den kulturellen fascho- und ständestaatmief wegfegen zu können, bevor’s ein paar andere um ein paar jährchen später getan hätten«.

Indes wiederholt sich das Geraune von der »heimlichen« bzw. »unheimlichen« (Reinhard P. Gruber) Literaturhauptstadt als Farce. »Graz 2000 +. Neues aus der Hauptstadt der Literatur« war im März 2019 ein Symposium des Franz-Nabl-Instituts für Literaturforschung vollmundig betitelt. »Die Marke Graz als Stadt der Literatur funktioniert bis heute«, sagt Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhauses und Germanistikprofessor in Personalunion, und sieht als neue Grazer Lichtgestalt ausgerechnet den seltsamen Nerd Clemens J. Setz, dem er im April sogar ein internationales Symposium ausgerichtet hat. Durch den Büchnerpreis fühlen sich jetzt alle bestätigt. Helmut Schranz schrieb schon 2003: »die jungen sind zaungäste und schreiben sich alt, bis der betriebszaun sie endlich umschließen wird, gute grazer weltklasse.«

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dieter B. aus Salzburg (18. Oktober 2021 um 08:09 Uhr)
    Im Januar 2002 starb in Graz der Schriftsteller Franz Innerhofer. Sein Roman »Schöne Tage« spielte nicht in Graz, sondern im Innergebirg, wo heute die Landschaft mit Skiliften und Schneekanonen verschandelt wird, damit es keine Windräder gibt, die die Landschaft verunstalten könnten. Die »Literaturhauptstadt« war der Ort wo Innerhofer gelebt hat. Graz bot ihm, wie der Pinzgau (Bezirk im Bundesland Salzburg/Österreich), kaum schöne Lebenstage, und es lohnt sich, anhand seines Lebens zur Erkenntnis zu gelangen, dass man Hauptstädte und ihre Kultur, abhängig von irgendwelchen eingespielten »Kulturseilschaften«, eher als Kulturvernichtungshauptstädte bezeichnen muss. Da fragt man sich allerdings auch noch, WAS ist dann eigentlich Salzburg? Kulturstadt für Kapitalisten?

Regio:

Mehr aus: Feuilleton