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Aus: Ausgabe vom 16.10.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Man braucht doch was zum Leben

Die leersten und teuersten Gläser und der beste Martini der Welt: Unterwegs in St. Moritz
Von Konstantin Arnold
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St. Moritz lässt sich ganz einfach in Stereotypen und Klischees erzählen, billige Überschrift zu teurem Thema, fertig. Alles reiche Arschlöcher, die Kostüme anhaben, doch nichts mehr vom Leben wissen, über Leichen gehen, tote Tiere tragen, sich die Brüste und die Nasen und sonst noch was für Körperteile machen lassen, Gott spielen, ihre Frauen betrügen, sich gegenseitig selbst befriedigen, Menschen entlassen.

Eine solche Geschichte hätte ich gerne erzählt und all das Inhaltslose dann dafür genutzt, meinen künstlerischen Lebensstil zu erklären, die äußere Armut, den inneren Reichtum, die Schöpferfreude, das einzig Wahre, immer hungrig zu sein, immer am Abgrund entlangzuleben, aber mit Ausblick, aus Überzeugung, dass sich alle Menschen von ihren Leidenschaften ernähren müssten. Selbstgenügsam und fromm, finanziell immer schön abgefackelt.

Eine Märchenmeinung, die aus Nachrichten und Neid besteht, schlaffen Promifotos, »Das kalte Herz«, »Die Goldene Gans«, einem aufgedunsen Boris Becker. Nur in »Das Feuerzeug« war alles ganz anders. Aber das mit den Stereotypen ist schon okay, irgendwo menschlich, nur so passt die Welt in uns rein, aber bewusst sein sollte man sich ihrer trotzdem, soviel darf man wohl verlangen. Wenn die Menschen nämlich aufhören würden, vom eigenen Mikrokosmos aus den Makrokosmos oder vom Makrokosmos aus gesehen den Mikrokosmos von St. Moritz zu betrachten, wäre die Welt eine bessere und voller komplizierter Sätze. Denn dass Reiche eben so sind, ist leicht gesagt und nicht ganz fertiggedacht, nicht alle sind Waffenhändler. Manche von ihnen haben gelernt, auch mit sehr viel, sehr glücklich sein zu können.

Reichtum hat in St. Moritz Tradition und Strukturen, ein gewaltiges Erbe ist zu vertreten, das hinter sehr teurer Fassade einer bizarren Ansammlung altmodischer Regeln folgt. Natürlich gibt es Arschlöcher hier, mindestens genauso viele wie Neider. Neider und Arschlöcher gibt es aber überall, bestimmt auch in Sierra Leone. Nur am »Cresta Run« sind es besonders viele, ist aber mein Problem, dazu kommen wir später. Jetzt könnte man sagen, schau an, »ham se dem das Gehirn gewaschen, die Reichen!« Verdorben in St. Rolex oder Money Moritz, mir doch egal, warst du schon mal da? Ja? Ich meine, so richtig. Hast mal hinter die Schaufenster und Auslagen geguckt oder mit den Leuten gesprochen, die Schaufenster und Auslagen bauen können. Nein? Na dann, wird Zeit, trau dich! Und bring ruhig alle deine Vorurteile mit, habe ich auch gemacht.

Am besten kommt man ganz spät an und fährt wieder ganz früh. Im Dunkeln mit der Bummelbahn, ganz tief in die Alpen, bis ins Innerste, durch viel Einsamkeit und Tradition und Schwarz, das im Hellen sicherlich atemberaubend wäre. Aber so fühlt es sich an, als würde die Bahn in eine andere Welt fahren, die von derselben Welt durch ganz viel Schwarz getrennt ist. Man kann ihn dann schon um sich spüren, den Märchenwald der Alpen. Ein, zwei Geschichten ­hatte ich über ihn gehört, die nichts mit Geld, sondern dem Engadin zu tun haben. Ferne Dörfer, die sich an hohen Bergen halten und auf kalte Seen blicken. Natürlich gereinigter Ozon, und sobald der Tag über die Hügel kommt, alles blau und kalt und sonnig. Durch die Täler fliegen große weiße Vögel mit Düsenantrieb. Bizarre Häuser, nicht traditionell, mehr weltmännisch, europäisch. Nicht wirklich schön, was nicht wirklich schlimm ist, weil die Natur hier das Schönsein für die Häuser übernimmt. Wenige von ihnen werden je richtig alt, und aus denen, die alt geworden sind, steigt schon neuer Rauch auf.

Um genau zu sein, kam ich zweiter Klasse um 23 Uhr mit kaputtem Rollkoffer am Gleis eins an, Station St. Moritz Dorf. Der Griff fuhr nicht mehr richtig aus, und der Concierge zerrte und zerrte. Das war vielleicht peinlich. Bei meiner Abreise wusste Franz das mit dem Koffer aber schon, und ich wusste, dass der Concierge Franz heißt, seit 24 Jahren Nachtconcierge im Hotel Badrutt’s Palace. Ein toller Mann und ein ganz ausgezeichneter Concierge, kannte viele Länder und konnte ihre Sprachen sprechen, war diskret und reserviert und redete in einfachen und schönen Formen. Er hatte ein junges, vom guten Klima verschontes Gesicht, sein Jackett war stets tadellos, die goldenen, gekreuzten Schlüssel funkelten obendrauf. Wie kein anderer stand Franz für dieses wunderbare Gleichgewicht, das die Lobby eines großen Hotels in einem erzeugen kann, und man wollte sich seine Aufmerksamkeit immer irgendwie verdienen. Die Gäste kamen mit den ausgefallensten Wünschen zu Franz und hofften, dass er nicht alle Wünsche von allen Gästen so schön und diskret behandelte wie ihre. Manche baten Franz darum, ihnen eine Boeing zu besorgen, mit der sie dann fliegen könnten, oder sie wollten wissen, ob sie ihre Einrichtung aus einem Ölstaat mit ins Hotel bringen könnten, samt Küche und Köchen und Securitys. Einer wollte auch mal von Franz, dass er ihm sämtliche schwarzen Mercedes Vianos mietet, die man in Deutschland, der Schweiz und Frankreich mieten kann. Einfach so. Für welchen Anlass wollte er nicht sagen. Franz war stets korrekt und schmeichelhaft, nicht nur wegen des Trinkgelds, denn ich hatte keins. Ein Concierge alter Schule, ohne Moral und Mitleid und all die Emotionen, die diesen Job allzu schwermachen. Vor ihm war jeder gleich, jeder, der sich den Badrutt’s Palace leisten konnte. Er bediente Diktatoren und Nobelpreisträger, CEOs, Milliardäre, internationale Politiker, Königsfamilien, alkoholkranke Prominente, Menschen, für die Helikopterfliegen normal ist, und mich. Ich habe ihn einmal um Badesalz und Briefmarken gebeten.

Von Franz weiß ich alles, was ich über Schlafprobleme weiß, und dass der Wintersport in St. Moritz erfunden wurde, als Johannes Badrutt eine Wette mit ein paar Engländern einging. An einem Kamin soll er zu ihnen gesagt habe, dass sie doch mal im Winter vorbeischauen sollten. Es sei dann sehr sonnig und sehr kalt, aber eine trockene Kälte, und man könne dann im T-Shirt draußen sitzen und einen herrlichen Blick genießen, den besten Blick der Alpen. Und wenn sie nicht im T-Shirt draußen sitzen könnten, würde er ihnen die Reise bezahlen. Gesagt, getan, im T-Shirt draußen gesessen, selber bezahlt, fertig war der Wintersport. Eine Geschichte, die so oft erzählt wurde, dass sie wohl wahr geworden ist. Bis die Engländer im Winter kamen, kam keiner im Winter, und als Gunter Sachs und Giovanni Agnelli und diese griechische Milliardärsfamilie mit der Rederei aufkreuzten und sich zwei Asiatinnen in Bademode am Pool fotografieren ließen, war der Skandal groß und die internationale Jetsetsaison in St. Moritz eröffnet. Die ersten sexy Skioutfits wurden erfunden. Von nun an konnte ein anständiger Playboy seine Sommer in St. Tropez und seine Winter in St. Moritz verbringen; wer einer werden wollte, musste das sogar tun. Man baute eine Zugverbindung, und das Bergdorf avancierte zum ersten kalten Ferienziel der Welt.

Zuerst kamen die Menschen wegen der Berge und weil man im T-Shirt auf ihnen sitzen und dabei fotografiert werden konnte. Später nur noch für Fotos von Bergen und wegen der anderen Menschen und dem Gefühl, dass die selbstgemachten Fotos dieser Berge in den anderen Menschen erzeugen konnten. Alle, die etwas aus sich machen wollten, kamen, und alle, die das nicht wollten und darauf hofften, dass das die Marke St. Moritz für sie übernimmt, auf dem Gipfel der Welt, seit 1864, 1.822 Meter über dem Meer. Skilaufen, Schaulaufen. Viele einsame Frauen im Pelz. Vielleicht sah ich auch jeden Tag dieselbe Frau, aber immer in einem anderen Pelz. Frauen mit Pelz sind selten geworden, genauso selten wie die Tiere, aus denen sie gemacht werden. Wer so viele Pelze und hier eine Wohnung hat, muss Millionär sein. Das Quadratmeterchen für schlappe 50.000 Euro, der Pelzmantel für gerade mal 12.000. Unsinn hat in St. Moritz Tradition. Es gab hier mal einen dynamitbetriebenen Doppeldeckerbus aus London und einen eiskunstlaufenden Riesenpenis auf dem zugefrorenen See. Künstler leben gut in St. Moritz. Nicht selten kommt es vor, dass Kreativen die Miete erlassen wird. Für einen oder zwei oder drei Monate, ist doch egal, wie lange, man hat’s ja, und wer ein echter Reicher sein will, muss sich einen Künstler halten. Eine Geldanlage sicherer als ein Schweizer Nummernkonto, Moment, wir sind doch noch in der Schweiz? Aber in St. Moritz fühlt man sich sehr italienisch. Der St. Moritzer selbst scheint ausgestorben. Dafür sind mehr als 70 Nationen zu Gast. Das einzige Kuhkaff der Welt, das einen zum Weltenbürger macht, ohne dass man es jemals verlassen hat. Zweimal im Jahr gibt es einen Sirenentest, gegen Atomangriffe und Kriege, und eine dauerhafte Giovanni-Segantini-Ausstellung, nur sein Meisterwerk »Die Strafe der Wollüstigen« hängt leider nicht da.

Die fünf Fünfsternehotels sind das Herz dieses Wintermärchens. Sie pumpen Blut durch die Straßen, das hier in Form von Geld fließt. Geht es den Fünfsternehotels gut, geht es allen gut, den Boutiquen, den Restaurants, den Zeitungen, die mit ihren Promifotos etwas Auflage machen. Allen voran das Flaggschiff der Schweizer Hotellerie: der Badrutt’s Palace. Märchenschloss und Wahrzeichen, Besatzung im Winter: über 500 Mann. Die Lobby des Hauses gilt als das Wohnzimmer von St. Moritz, Mittelpunkt der Welt, der Nachmittagstee ist legendär, und die Teppiche des Hauses sind zu den Bühnen und Laufstegen ihrer Zeit geworden. Im Gästebuch stehen Picasso und Audrey Hepburn, 35mal Alfred Hitchcock, Andy Warhol hat hier an die Wände gemalt. Du kannst deinen Elefanten mit reinnehmen und im Zimmer rauchen und auf Felsen klettern und von den Felsen dann in einen vier Meter tiefen Pool springen. Keiner sagt was! Im Frühstückssaal hängt ein Bild, das aus 30 verschiedenen Vogeleiern besteht, und wenn zufällig ein paar verfeindete Kriegsparteien zu eng beieinandersitzen, der persische Schah und ein anderer Ölstaatendiktator zum Beispiel, wird schnell umdisponiert, und im Hintergrund zupft jemand besänftigend an einer Harfe. Es soll sogar mal eine Zeit gegeben haben, in der es gar keine offiziellen Preise gab, sondern der Preis, den ein Gast zu zahlen hatte, wurde anhand seines persönlichen Wertes für das Haus festgemacht. Dieses Hotel ist so außerirdisch, dass sie nicht einmal herausfinden möchten, ob die Madonna, die unten im Salon hängt, nun von Rafael gemalt wurde oder nicht. Oder ob das der Rolls-Royce ist, den die Badrutts mal von der Queen geschenkt bekommen haben. Wer weiß, und wer mit diesen ideellen Werten nicht viel anfangen kann: in viel Geld übersetzt, heißt das, der Badrutt’s Palace macht an einer Silvesternacht zwei Millionen Euro Umsatz.

Einmal kam ich vom Muottas Muragl, hatte kein Handy, wollte mich abholen lassen, ging in ein Restaurant, sagte, dass ich kein Handy hätte, aber telefonieren müsse, und der Kellner sagte, na und? Ich sagte, er müsse doch nur mal schnell googeln: Badrutt’s Palace. Er sagte, Sie wohnen im Palace? Kein Problem, setzen Sie sich, wollen Sie was trinken? Geht aufs Haus, wir können Sie auch selbst hinfahren.

Den einzigen schlimmen Moment hatte ich am ersten Abend. Von da an ging’s steil bergauf. Ich war auf dem Weg zur Bar. Hatte schon viel von der Bar gehört. Agnelli soll dagesessen haben und ein Fünf-Franken-Stück von einer Seit zur anderen gerollt haben. Fand ich toll. Die leersten und teuersten Gläser sollte es dort geben und den besten Martini-Cocktail der Welt: den Delvo Tini. Ich bestellte, ohne zu gucken, und guckte dann doch mal in die Karte: Atemnot. Ein halber Liter Wodka kostete 5.000 Franken, dazu bekam man 48 Softdrinks. Ruhe bewahren, wird schon, ist bisher immer geworden.

Am Ende des Raumes hatte es sich eine Runde gemütlich gemacht, die aus Reichen bestand und aus Menschen, die unbedingt reich sein wollten. Die älteren Männer sahen so aus, als wären sie gerne reich, und ihre Söhne sahen aus, als wären sie lieber arm auf die Welt gekommen, weil sie nie so arm wie ihre Väter gewesen waren. Sie regten sich über die Preise der Bergbahn auf, obwohl sie die Bergbahn kaufen konnten. Alles Männer, die ihre Armbanduhr wohl nie ablegen, das silberne schwere Ding, das im All getestet und vom Everest geworfen und in Tiefseegräben und Vulkane getaucht wurde. Muss ich haben. Sie trugen Ralph Lauren oder eine andere Pferdemarke, und immer, wenn ich so eine Pferdemarke sah, gedachte ich all der unterdrückten Söhne dieser Welt und welch ein Erbe sie zu tragen haben. Ich fragte mich, wie es sein muss, auf dem Perserteppich eines puritanischen Vaters im ausgekotzten Selbstmordversuch zu knien und um Liebe zu flehen. Sie hatten all das Wissen mitbekommen, all die Sprach- und Reit- und Lateinstunden, wuchsen zwischen den richtigen Büchern auf, durfte reiche Mädchen küssen, wussten sich zu benehmen und verbrachten den Großteil ihrer Zeit mit Repräsentation.

Einer von ihnen schaute aus seiner 10.000-Euro-Tracht zu mir herüber, mit einem Blick, der erschießen konnte. Ich konnte seinen Blick auf meinen Handgelenken spüren und dort, wo die Logos von sehr teuren Klamotten sitzen. Nicht falsch verstehen, der hatte bestimmt nette Eltern, aber er brachte mich fast dazu, alles hinzuschmeißen, umzudrehen, nie wieder in diese Bar zu gehen. Er hatte ein junges, makelloses Gesicht, das nach teuren Pflege­produkten aussah, unverschämt schön. Aristokratenpack. Dandykind, Schickeria, Verbindungsbayer, der denkt, die Welt ist eben so, Tücher, teuer, Prada. Er sprach über Autos, so dass ich das hören konnte, im Winter hätten sie nur neun, im Sommer dafür aber 15. Warum?

Dann kam meine Befreiung. Eine Gruppe Männer und Frauen, die sich in die Bar brüllten und mich von meinen Gedanken erlösten und mir diesen Drink bezahlen würden. Sie hatten einen Chinesen dabei, der sehr reich und sehr betrunken aussah. Einer von den Männern fragte, wer ich sei und was ich verdiene. Ich sagte: Autor, und ich sagte: nichts. Er würde 84 Millionen machen, der größte Bierhändler Hollands, sein Kumpel sei Bauunternehmer, und ich sagte, der Bauunternehmer ist immer der Killer. Das fanden sie lustig und kamen zu mir herüber, umzingelten mich mit ihren Millionen, luden mich ein, und ich wurde noch nie so eingeladen, sie schnippten einfach so mit den Fingern, guckten den Barmann an, zeigten auf mich. Der Bauunternehmer verhielt sich mit seinen 45 demütig im Vergleich zu den 84, redete fast wie ein Arbeitssuchender daher. Er hatte eine Frau, die sehr schön und sehr natürlich und sehr unglücklich aussah. Der mit den 84 Millionen hatte auch eine Frau, mit ein bisschen Botox. Er war mit seinem Privatjet hier und zeigte mir am Telefon seine Umsätze. Außerdem sammelte er Kunst, die keiner kaufen wollte, hatte mal Lymphdrüsenkrebs und gerade zwei Otter aus Österreich gekauft, die in seinem eigenen See ausgesetzt wurden. Zu viel schien ihm nicht genug, und ich sagte, kein Mensch braucht so viel Geld, und er sagte, aber man braucht doch was zum Leben. Wieso ich das tun würde mit dem Schreiben, wenn es nichts bringe? Für die Statue, sagte ich. Ach, die Statue, sagte er, die hätte er sich schon selbst gekauft. Den Chinesen hatte man irgendwann aus der Bar getragen.

So gingen die Tage weiter. Zum Mittag gab es Tatar und Kaviar und Austern, zum Abendessen kamen dann die Sterne dran. Der Souschef des Hauses kochte in meiner Zeit im Palace viele Dinge, von denen ich beim Kauen nicht genau wusste, ob es Fleisch oder Fisch oder Gemüse war. Das einzige, was ich mit Sicherheit identifizieren konnte, war Brot. Es war heiß und gut und nie alle. Die Kellner trugen Anzüge und erzählten viel vom Wein. Manchmal fragte ich, was ich aß, und alle lachten, oder ich wollte mehr Wein und musste auf den Kellner warten, der dann wieder was vom Wein erzählen wollte.

Ein Highlight gab’s noch. Das mit dem »Cresta Run« wollte ich erzählen. St. Moritz ist die Hauptstadt der Clubs, hat Gunter Sachs mal gesagt. Aber keine Clubs im nachtklubmäßigen Sinne, etwas viel Elitäreres, etwas, das Geld nicht bezahlen kann. Drinnen sollen dann aber alle wieder gleich sein. Sie heißen »The Club« oder »Dracula Club«, und die Bilder aus diesen Exklusivetablissements zeigen die schönsten und reichsten Menschen der Welt, auf Amateuraufnahmen, die aussehen, wie verlinkte Facebook-Fotos von Leuten, die einmal im Jahr Urlaub auf Malle machen. Einer der allerexklusivsten Clubs, der die größte Freude am Ausschluss hat, ist der »Cresta Run«, eine getunte Form des Bobfahrens, bei der reiche Menschen mit 140 km/h Kopf voran einen Eiskanal hinunterrattern. Harte Männer auf Schlitten. Gut fürs St. Moritzer Spital. Wollte ich mir natürlich anschauen, fotografieren, ging also hin, nahm meine Kamera in die Hand und wurde vom Stadionsprecher ausgerufen: »Go away, man«, rief der Cresta-Gott aus dem Nichts vom Balkon durch die Lautsprecher, und noch ein paar andere Sache rief er. Ich blieb fassungslos stehen. Ein paar nette alte Männer in Ganzkörperanzügen kamen auf mich zu und entschuldigten sich für den Stadionsprecher, meinten, der meine das nicht so, und der ehemalige Clubsekretär sei an dieser Unfreundlichkeit schuld, der sei jetzt zwar tot, aber sein Geist würde immer noch fortbestehen, und warum ich nicht nach dem Rennen kommen würde und wir die Sache in Ruhe besprächen. Ich willigte ein, kam nach dem Rennen noch mal, keiner war da.

Zurück im Hotel sah ich Franz, und alles wurde gut. Franz beruhigte mich. Kamillenöl soll bei geringem Selbstwertgefühl helfen, hilft auch bei Schlafproblemen. Franz war toll, wie gesagt, so wie viele Menschen, die in St. Moritz waren, um Geld zu verdienen, anstatt es auszugeben. Sie waren weltgewandt mit Verbindung zum Boden. Wegen des Gemeindepräsidenten, der mit einem alten Fiat Panda rumheizt, und der Touristiker, die sich lange nicht so ernst nehmen wie die Leute, die ihretwegen kommen, waren viele Vorurteile vergessen, ein paar musste man wieder mit heimnehmen. Heim, aus einem weltbekannten Dorf, in dem viele schöne weiße Vögel landen, an guten Tagen können es an die hundert sein. Bisher konnten die Vögel nur an guten Tagen landen, nun gibt es die ersten Blindlandesysteme, Charterflüge von London nach St. Moritz. Jetzt muss nur noch der Sommer erfunden werden, von irgendwem, einem Sommer-Sachs oder jemandem, der sich nicht nur übers Geld definiert, oder Dinge, die damit einhergehen. Frühling und Herbst kann man in St. Moritz nicht erfinden. Es geht vom Eis stets direkt in die Wüste. Aber der Sommer soll schön sein, jedenfalls für Menschen, die sich nicht ständig vergleichen müssen und ihre Zeit lieber mit etwas Ewigerem verbringen.

Konstantin Arnold, Jahrgang 1990, ist freier Autor und lebt in Lissabon. Er schreibt Reportagen für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Rotwein leisten zu können. 2020 publizierte er seinen Debütroman »Libertin. Briefe aus Lissabon« (Proof-Verlag). Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 3./4. Juli 2021 »Schieles Pimmel. Der Geruch von Chlor und der Tod der Kunst«

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