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Aus: Ausgabe vom 16.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Klassik

Beschwipst auf Urlaub

Alles hebt ab: Teodor Currentzis und das Music-Aeterna-Orchester führen Mahlers Fünfte Sinfonie in der Berliner Philharmonie auf
Von Berthold Seliger
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Eine Art Zauberer: Teodor Currentzis

Wirklich ein Trauermarsch? Wir hören diese viertönige Fanfare der Solotrompete, die sich zu Beginn von Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie wie in der Partitur gefordert aus einem Piano zu einem lang gehaltenen Sforzato-Ton entwickelt und an das berühmte Klopfmotiv aus Beethovens Fünfter Sinfonie erinnert – zunächst auf demselben Ton, einem cis, dann eine kleine Terz aufwärts, im Verlauf des Satzes sogar in der »originalen« Form abwärts. »Etwas flüchtig nach Art der Militärfanfaren« hören wir dieses sich durch den ganzen ersten Satz ziehende Motiv, dem eine scharf punktierte Melodie folgt, die sich in einem A-Dur-Tusch entlädt. Der Trauermarsch wird zur Fassade, zu einer plumpen Siegesgeste (und der parallel vor dem Reichstag stattfindende Große Zapfenstreich der Bundeswehr ist weder räumlich noch musikalisch weit entfernt davon). Doch dann geschieht ein erstes Wunder an diesem Abend mit dem Music-Aeterna-Orchester und dem Dirigenten Teodor Currentzis: Der Trauermarsch verbindet sich in Wiener Lässigkeit zur vom warmen Streicherklang geprägten eigentlichen Trauermarschmelodie, die Mahler auch beim »Wunderhorn«-Lied »Der Tambourg’sell« verwendet hat, das er in denselben Sommerferien 1901 am Wörthersee schrieb. Doch bei Currentzis wird diese zunächst von den Streichern, dann mit Unterstützung der Holzbläser vorgetragene Melodie zu einem fast fröhlichen, Walzer- oder Ländler-geprägten Umzug. Die Militärkapelle ist hier mindestens beschwipst oder auf Urlaub, wenn nicht gar von der Fahne gegangen (»Gute Nacht, ihr Offizier’! Korporal und Grenadier! Ich schrei’ mit heller Stimm’: Von Euch ich Urlaub nimm!« singt der Tambourg’sell in seinem Lied). Das klingt eher nach einer fröhlich-sentimentalen Marchingband im New-Orleans-Stil, »Nearer My God to Thee«, nur eben im Wiener Ländler-Gestus mit diesem wunderbar schlampig herausgezögerten Rhythmus. Kein Marschieren, nirgends. Und Trauer? Nun ja.

Durch den Dschungel

Begonnen hat das Konzert mit der ersten Berliner Aufführung von Alexej Retinskis »Anapher«, im Programmheft etwas großspurig als »Uraufführung« deklariert. Der junge ukrainische Komponist hat eine intensiv flirrende und taumelnde Musik geschrieben, die sich allerlei Klangfarben kunstvoll bedient und mit einem nicht traditionellen Instrumentarium (Keyboard, E-Gitarre, Semantrone) kombiniert. Das hört sich wie eine Bootsfahrt durch einen in allen Schattierungen schwirrenden Dschungel an, immer wieder unterbrochen durch tiefes Bläserbeben. Die Musik feiert ihren Höhepunkt, wenn die Musikerinnen und Musiker statt ihrer Instrumente plötzlich Vogelpfeifen bedienen – ein munter zwitschernder Wald aus Vogelstimmen in allen Schattierungen ist da zu hören, während die drei Percussionisten mit ihren Schlagbrettern einen afrikanischen Rhythmus losfeuern – die Philharmonie steht plötzlich nicht mehr in der Stadt an der Spree, sondern irgendwo am Amazonas oder am Kongo, die Füße zucken und wollen auf den Tanzboden, alles hebt ab und will fliegen.

Mahlers Sinfonie hat mit Retinskis neuer Komposition möglicherweise dieses tänzerische Element gemein. Immer wieder montiert Mahler in bester Sampletechnik Versatzstücke hinein – möglicherweise wird auch deshalb die Fünfte als die optimistischste seiner Sinfonien bezeichnet. Auffallend ist der Kontrast zu den vier vorherigen Sinfonien. Zum ersten Mal fühlte Mahler sich in der Lage, ganz auf die menschliche Stimme zu verzichten und seine Aussagen einzig den Instrumenten anzuvertrauen. Sicher ist das auch seinen zwischenzeitigen kontrapunktischen Studien zu verdanken, namentlich der Auseinandersetzung mit Bach und dessen »Kunst der Fuge«. Mahlers Freund Bruno Walter wies darauf hin, dass die »gesteigerte Polyphonie« der Fünften »eine Erneuerung seines Instrumentationsstils verlangte«, damit das polyphone Gewebe der Stimmen transparenter wird. Aber auch Stellen hemmungsloser Verzweiflung und großer Zerrissenheit finden sich in dieser Sinfonie, etwa im »stürmisch bewegten« und »mit größter Vehemenz« zu spielenden zweiten Satz. Im dreifachen Forte wird da ein Motiv herausgeschleudert, die Holzbläser antworten mit einem auf einer None aufgebauten Klagemotiv. Die Kämpfe des modernen Menschen sind ja keineswegs ausgestanden. Und Currentzis, der »Extremist der Eindringlichkeit« (Bernhard Neuhoff), ist hier natürlich in seinem Element und lässt Momente größter Wildheit und tiefster Klage in heftigem Kontrast aufeinanderprallen.

Immer wieder explodieren »Eurovisions«-Bläserchoräle – aber was dazu im Untergrund bei den Streichern passiert! Pures Hexenwerk, das Currentzis da vor sich hinbrodeln lässt. Paukenwirbel, stark kontrastierende Tempi, immer wieder grandios ausgekostete Steigerungswellen, die über uns hereinbrechen, gegensätzliche Themenvarianten, die kunstvoll miteinander verflochten werden, herrlichster Lärm, träumerisches Zusichkommen, und alles kunstvoll ­»durchgeknetet, dass auch nicht ein Körnchen ungemischt und unverwandelt bleibt«, wie Mahler über sein Werk sagte.

Traum vom Glück

Und dann natürlich das berühmte Adagietto, das viele zum ersten Mal in Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung »Tod in Venedig« gehört haben dürften (und das dort unerträglich sentimental überdehnt wird). Es sind allein die Streicher und die Harfe, die den Satz spielen, dieses Zeugnis beglückender Weltvergessenheit, das Currentzis ähnlich wie der große russische Dirigent Kirill Kondraschin ganz ohne kitschig-übertreibendes Pathos interpretiert, nicht zu langsam, es ist eben kein Adagio, sondern ein zartes, feines Adagietto, ein zauberisches Lied ohne Worte. Zu dessen Geheimnis gehören die vielen Tempomodifikationen (18mal in nur 103 Takten schreibt Mahler eine Veränderung des Tempos vor), die vielen Seufzer und die fein in der Schwebe gehaltene Harmonik (inklusive eines versteckten »Tristan«-Zitats, das sogenannte Blick-Motiv). Currentzis und dem Music-Aeterna-Orcester gerät dieser Satz zu einem Traum vom Glück, zu einer lebendigen Utopie einer besseren Welt.

Vergessen wir nicht: Mahler war letztlich auch ein Meister der Dialektik, seine Sinfonien sind immer auch »Durchgänge durch antithetische Sphären« (Hans Heinrich Eggebrecht). Eben im Scherzo noch das hektische Stimmengewirr des geradezu wüst schreienden Orchesters, nun dieses feine, zauberische Adagietto – und darauf folgt wiederum ein in seinem gnadenlosen Optimismus geradezu verwirrendes, heiteres Finale, das mit fröhlich knatternden Kinderliedmelodien in Fortissimo und »alles übertönenden« Posaunen »bis zum Schluss beschleunigend« einen furiosen und gleichzeitig gemütlichen Endpunkt setzt.

Teodor Currentzis, dieser schamanische Zauberer, und sein turbulentes, über die Maßen spielfreudiges Music-Aeterna-Orchester haben Berlin eine Sternstunde beschert. Schon möglich, dass es brillantere Orchester gibt. Die Streicher der Wiener, die Bläser der Berliner Philharmoniker, die beeindruckende Einheit US-amerikanischer Orchester von Chicago bis Cleveland, um einige zu nennen. Aber an Wildheit, Mut und Kühnheit kann es kein Orchester der Welt mit dem archaisch musizierenden Music Aeterna und seinem Dirigenten Teodor Currentzis aufnehmen. Sie stehen für eine musikalische Vision aus dem Geist der Gemeinschaft, eine wilde »Band of Brothers«. Alle Musikerinnen und Musiker dieses Orchesters und ihr Dirigent atmen gemeinsam, und nach dem Konzert liegen sie sich buchstäblich in den Armen, manche klatschen sich begeistert ab, anderen ist das Glücksgefühl einer gelungenen Aufführung breit ins Gesicht geschrieben – und das Publikum hat unmittelbar Teil an diesem Fest der Gemeinschaft. Glückhafter Jubelsturm. Der Geist der Commune lebt!

Teodor Currentzis und das ­Music-Aeterna-Orchester gastieren mit Schostakowitschs Vierter Sinfonie und einer neuen Komposition von Marko Nikodijevic am 28. und 29.11. in Hamburg und am 1.12.2021 in Berlin

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