75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 6. Dezember 2021, Nr. 284
Die junge Welt wird von 2593 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 15.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Den Laden aufmischen

Zum Tod des Theaterleiters, Provokateurs und Kommunisten Horst W. Blome
Von Pierre Deason-Tomory
1600px-001_1968_05_01_Demonstrationen_und_Proteste Kopie.jpg
»Wir haben Teile der Öffentlichkeit aus ihrem Stumpfsinn und Stillstand herausgeholt.« 1968 ging es rund in der BRD – und Horst W. Blome war mittendrin

Der Theaterleiter, Schauspieler, Provokateur und Kommunist Horst W. Blome lebt nicht mehr. Die Nürnberger Nachrichten meldeten am Donnerstag, dass der 83ährige in seinem Haus in Altdorf bei Nürnberg verstorben sei.

Blome war in den 1960er-Jahren das kreative Zentrum der außerparlamentarischen Opposition in der Provinzgroßstadt Nürnberg, gründete Offtheater und Kabarettbühnen, die mit Strafverfahren überzogen oder gleich verboten wurden. Mit politischen Happenings brach der Zugereiste in die muffige fränkische Öffentlichkeit ein, provozierte seinen Rausschmiss aus der SPD und führte im Gerichtssaal geschickt die Justiz vor, die ihn wegen der Verbreitung unzüchtigen Schrifttums und jugendgefährdender Inhalte auch mal einsperren ließ. Seit 1968 war Blome Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei. Einer Einladung in die DDR folgte er nicht, weil er seine Aufgabe darin sah, die BRD auf den Kopf zu stellen. In einem Interview mit den Nürnberger Nachrichten erinnerte er sich vor vier Jahren: »Wir haben Teile der Öffentlichkeit aus ihrem Stumpfsinn und Stillstand herausgeholt.« Und: »Ich bin weiterhin für einen lockeren, fröhlichen Sozialismus. Das bleibt ein Projekt für die Zukunft!«

Seine Art des Widerstands setzte Maßstäbe. Er meldete sich bei Gründung der Bundeswehr freiwillig, um den Laden aufzumischen. Dann lehnte er den Dienst an der Waffe ab und setzte vor Gericht das Recht auf Kriegsdienstverweigerung durch. Auf der Bühne zog er sich aus bis auf die Socken, anlässlich der Feierlichkeiten zum 450. Reformationsjubiläum 1967 nagelte er 95 kirchenkritische Thesen ans Portal der Sebalduskirche. Gegen so etwas gibt es Paragrafen.

Trotz dieser Umtriebe gelang es Blome, sich ein Auskommen zu schaffen. Nachdem er von der Erlanger Uni (Radikalenerlass) geworfen worden war, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Sprechererzieher. Er brachte den jungen Kollegen der Nürnberger Radiosender nicht nur das richtige Reden bei, sondern forderte sie zum Denken auf. Ich habe als Volontär seinen Unterricht im Sinne des Wortes genossen. Wir haben viel diskutiert und geraucht, anstatt nur fiese Zungenbrecher zu üben. Er hat sich riesig gefreut, als ich ausgerechnet 1989 DKP-Mitglied wurde. Ich sehe ihn nachts in der Redaktion sitzen, wie er Zigaretten entzweibrechend Geschichten erzählt, mit einem etwas entrückten Blick. Er war ein Mentor, dem viele Vieles verdanken. Und ein Genosse, der politisch fundamental gedacht, Politik aber immer mit Freude und Geist gemacht hat. Er wäre am 24. November 84 Jahre alt geworden.

Zeitung gegen Profite mit der Gesundheit

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die Zeit Ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern begehen.

Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, hat die junge Welt die 75er-Aktion. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dieter R. aus Nürnberg (15. Oktober 2021 um 08:09 Uhr)
    Als alter Nürnberger habe ich zwar den kreativen Rebellen Blome leider nicht persönlich erlebt, aber sein intelligenter und radikaler Widerstand gegen vermuffte Konventionen und alleine durch Macht gerechtfertigte Herrschaftsformen hat damals haargenau meinen politischen Nerv getroffen. Er hat das ausgesprochen und getan, was ich auch insgeheim dachte und wollte, nämlich den dünnen Lack am Establishment abzukratzen, den hässlichen Kern bloßzulegen und einen Klotz dagegenzusetzen. Leider sind solche phantasievollen und mutigen Typen heutzutage kaum mehr zu finden, die sich z. B. als Musiker verkleidet in etablierte Parteiveranstaltungen mogeln, um dort aus dem Geigenkasten Flugblätter und Transparente zu zaubern. So in etwa stelle ich mir »Regierungsfähigkeit« von unten vor.

Ähnliche:

  • Enttäuscht von den Urteilen – ehemalige Sachsenhausen- und Ausch...
    25.09.2021

    Zur Rechenschaft gezogen

    Vor 75 Jahren wurden im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess die Urteile gesprochen
  • Die Angeklagte Susanne G. im Gerichtssaal (München, 29.4.2021)
    31.07.2021

    Patrone in der Post

    München: Fränkische Faschistin erhält sechs Jahre Haft für Vorbereitung von Anschlägen auf Kommunalpolitiker und Muslime
  • Nicht laut werden: Polizeieinsatz gegen Fußballfans in Nürnberg ...
    04.02.2021

    Haft für »Anschreien«

    Nürnberg: Aktivist verurteilt, weil er Polizistin bedroht haben soll. Revision angekündigt

Regio:

Mehr aus: Feuilleton