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Aus: Ausgabe vom 15.10.2021, Seite 6 / Ausland
Diplomatische Spannungen

Gewalt gegen Venezolaner

Caracas fordert Aufklärung nach Ermordung zweier Jugendlicher im kolumbianischen Grenzbundesstaat Norte de Santander
Von Julieta Daza, Caracas
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Venezolanische Migranten auf der Straße von Cucuta nach Pamplona im kolumbianischen Bundesstaat Norte de Santander (11.2.2019)

Die diplomatischen Spannungen zwischen Caracas und Bogotá wegen der dramatischen Lage venezolanischer Migranten in Kolumbien hält an. Ausgelöst wurde sie durch die Ermordung zweier venezolanischer Jugendlicher in der kolumbianischen Grenzstadt Tibú im Bundesstaat Norte de Santander am Sonnabend.

Venezuelas Außenminister Félix Plasencia erklärte am Mittwoch (Ortszeit) über den Kurznachrichtendienst Twitter, dass Caracas sich in seiner Bitte nach Aufklärung und Gerechtigkeit auch an UN-Generalsekretär António Guterres und die Hohe Kommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, gewendet habe. Bereits am Dienstag hatte der Generalstaatsanwalt Venezuelas, Tarek William Saab, sich an seinen Amtskollegen in Kolumbien, Francisco Barbosa, gewandt und ihn zur Zusammenarbeit bei den Mordfällen aufgefordert.

Die beiden Jungen im Alter von 15 und 18 Jahren – beide mit venezolanischer Staatsangehörigkeit, wie sich später herausstellte – waren in einem Geschäft gefasst worden, weil sie angeblich etwas gestohlen hatten. In einem in den sozialen Netzwerken verbreiteten Video ist zu sehen, wie ein Händler den gefesselten Jungen erklärt, dass sie an die Polizei übergeben werden. Auf weiteren Aufnahmen ist dann allerdings zu sehen, wie bewaffnete Männer in das Geschäft eindringen und die Jugendlichen mitnehmen. Später wurden die beiden erschossen auf einer Landstraße aufgefunden – mit einem Schild, auf dem »Diebe« zu lesen war.

Venezuelas Generalstaatsanwalt Saab erklärte am Dienstag in einer Stellungnahme, es handle sich dabei um »keinen Einzelfall«, und prangerte die »Auslöschungspolitik des kolumbianischen Staates gegen venezolanische Migranten« an. Es gebe eine durch die antivenezolanische Haltung der Medien und Staatsführung verursachte strukturelle Gewalt gegen Venezolanerinnen und Venezolaner. Fast 3.000 von ihnen seien zwischen 2015 und 2020 in dem Land »verschwunden« oder ermordet worden und somit »dem Hass und der Fremdenfeindlichkeit zum Opfer gefallen«. Allein von Januar bis August 2021 seien 362 Venezolaner in Kolumbien getötet worden, so Saab weiter. Die Regierung des rechten Präsidenten Iván Duque sei direkt für diese Morde verantwortlich.

Als die für Menschenrechte in Kolumbien zuständige UN-Vertretung am Sonntag die Ereignisse über Twitter verurteilte und eine Untersuchung forderte, wurde das 18jährige Opfer noch nicht erwähnt. Es war zudem noch nicht bekannt, dass es sich um einen venezolanischen Staatsbürger handelte. Auch im Anschluss schwiegen mehrere kolumbianische Medien in bezug auf die Herkunft der Opfer.

Carlos Martínez, Polizeichef des Bundesstaates, sagte Medien gegenüber, man gehe davon aus, dass die Verantwortlichen für die Morde Mitglieder der FARC-Dissidenten seien. Damit sind Gruppen gemeint, die der ehemaligen linken Guerillaorganisation FARC angehörten, bis diese im Jahr 2016 ein Friedensabkommen mit der damaligen Regierung Kolumbiens abgeschlossen hat.

Andere, wie zum Beispiel der progressive Senatsabgeordnete und Präsidentschaftskandidat Gustavo Petro, machten ultrarechte Paramilitärs für das Verbrechen verantwortlich. Am Montag (Ortszeit) schrieb Petro auf Twitter: »Der Mord an diesen ­Kindern zeigt, dass in Tibú der Staat im Dienste des Paramilitarismus steht.«

Laut einem Bericht des lateinamerikanischen Nachrichtensenders Telesur vom Montag wurden wegen Fahrlässigkeit ein Disziplinarverfahren und eine Untersuchung durch die Militärstrafjustiz gegen die zuständigen Polizisten in Tibú eingeleitet. Mehrere Zeugen hatten darüber geklagt, dass die Beamten nicht aufgetaucht seien, obwohl man sie wiederholt gerufen habe.

Nach UN-Angaben leben etwa 1,7 Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner in Kolumbien, die in den vergangenen Jahren aufgrund der durch die Wirtschaftsblockade verschärften Versorgungslage ins Nachbarland geflohen sind. Dort werden sie oft, wie bei armen Migranten auf der ganzen Welt üblich, diskriminiert und stark ausgebeutet.

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