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Aus: Ausgabe vom 15.10.2021, Seite 5 / Inland
Radioaktiver Abfall

Beruhigungspille für Bevölkerung

Messlabor bei Atommüllager Asse II eingerichtet. Bürgerinitiative spricht von Ablenkungsmanöver
Von Andreas Riekeberg
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Dient eher der Verharmlosung: Das Messlabor in Remlingen-Semmenstedt kann viele Formen von Radioaktivität nicht feststellen

Das Endlagerproblem für deutschen Atommüll ist riesig. Das zeigt das marode, einsturzgefährdete Lager Asse II in der Nähe von Braunschweig nur zu gut. Dort wird nun eine »Bürgermessstelle für Umweltradioaktivität« eingerichtet, wie am Mittwoch bekannt wurde. Dies geschehe im Rahmen des Projektes »Transens«, so Clemens Walther vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz (IRS) der Universität Hannover vor Medienvertretern im nahe gelegenen Remlingen-Semmenstedt. Ziel sei es, Vertrauen in die Wissenschaft aufzubauen und Bürgern die Gelegenheit zu geben, Radioaktivität in ihrer Umgebung selbst zu messen. Das Projekt wird neben dem Bund auch vom Land Niedersachsen mit gut 3,75 Millionen Euro gefördert.

Der Haken: Die Messstelle ist nur mit einem Gammaspektrometer ausgestattet, das lediglich erlaubt, Gammastrahlung zu messen – beispielsweise aus Gartenfrüchten. Dabei mussten selbst die Vertreter des IRS eingestehen, dass andere Formen von Radioaktivität nicht festgestellt werden können, die bedeutsamer sind, um die Belastung der Umwelt zu ermitteln. Bei Asse II sind vor allem die radioaktiven Betastrahler Kohlenstoff 14 und Tritium – also radioaktiver Wasserstoff – sowie der Alphastrahler Radon 222 laut den regierungsamtlichen »Jahresberichten Radioaktivität« in der Umgebung vorzufinden.

Heike Wiegel, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative »Aufpassen e. V.«, sieht das Messlabor daher kritisch: »Wir halten eine Gammaspektrometrie bei Asse II in der geplanten Form für ein Ablenkungsmanöver. Es dient eher der Verharmlosung als der Aufklärung der tatsächlichen radioaktiven Belastung in der Umgebung«, wurde sie in einer Mitteilung zitiert. Manfred Kramer von den »Vahlberger Asse-Aktivisten« forderte angesichts Bekanntgabe der Eröffnung der Messstelle: »Wenn ein Messlabor aufgebaut wird, dann müssen hierbei unbedingt auch Tritium und Kohlenstoff 14, also Betastrahler gemessen werden können.«

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) ignoriert schon seit Jahren die Forderung, Baumscheiben aus der Asse und die beiden nahe der Schachtanlage gelegenen Teiche auf eingelagertes Tritium und Kohlenstoff 14 zu untersuchen. Dadurch könnten die Belastungen der Region in der Vergangenheit besser eingeschätzt werden.

Zur Erinnerung: In dem ehemaligen Salzbergwerk liegen in 13 Kammern rund 126.000 Fässer mit radioaktiven Abfällen. Das Lager muss geräumt werden, weil Wasser eindringt. Die Rückholung der Fässer soll voraussichtlich im Jahr 2033 beginnen.

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