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Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 12 / Thema
US-Ökonomie

Reich und kaputt

Die Coronapandemie hat die Klassenspaltung in den USA noch einmal verstärkt. Daran wird auch der neue Präsident Joseph Biden nichts ändern
Von Conrad Schuhler
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Phantastische Gewinnsteigerungen auf der einen, bestenfalls stagnierende Einkommen und wachsende private Verschuldung auf der anderen Seite. Die soziale Ungleichheit hat in den USA desaströse Ausmaße angenommen (Proteste für ein Einfrieren der Mietzahlungen und der Schuldenbedienung in Los Angeles, Oktober 2020)

In diesen Tagen ist im Kölner Papyrossa-Verlag von Conrad Schuler das Buch »Das neue Amerika des Joseph R. Biden« erschienen. Mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag veröffentlichen wir daraus einen Auszug. (jW)

Die Welt atmete auf, als die US-Wähler Donald Trump – mit Schwierigkeiten – aus dem Weißen Haus vertrieben. Doch das Menetekel steht nach wie vor an der Wand. Werden die USA ihren Anspruch als Weltsupermacht fahrenlassen, ohne zum letzten Mittel, dem Einsatz ihrer überlegenen Waffenkraft, zu greifen und die Welt, unsere Erde, in einen schaurigen Atomkrieg zu stürzen? So melodramatisch dies auch klingen mag, es scheint eine reale Variante unter den für uns bereitgehaltenen Zukünften. Trump-Nachfolger Joseph R. »Joe« Biden sucht den Systemkonflikt mit China, er hat den Rivalen mit Stützpunkten umzingelt und fordert unverblümt dessen Garaus. Antagonistisch sei die Weltlage – ihr oder wir. China selbst hat die ständigen Provokationen und Demütigungen satt. Ihr Amerikaner, deren Parlament gerade von faschistoiden Horden gestürmt wurde, habt uns keine Lektionen in Demokratie und Menschenrechten zu erteilen, teilt der zuständige KP-Sekretär dem US-Außenminister mit. Die Antwort kommt per US-Flugzeugträger, der einmal mehr durch die Straße von Taiwan kreuzt. Es ist abzusehen, dass die ständigen Konfrontationen sich eines Tages in einem größeren kriegerischen Knall entladen.

Riss durch die Gesellschaft

Doch kommt die autoritäre Gefahr, die Biden China und Co. zuschreibt, gar nicht von außen. Sie rührt vielmehr von dem Riss, der durch die USA geht und das Netzwerk der Superreichen vom Gros der US-Amerikaner trennt. Die drei reichsten US-Amerikaner nennen mehr Vermögen ihr eigen als die untere Hälfte des Landes. Diese Hälfte erwartet sich nichts mehr vom Politestablishment in Washington. Sie hat ganz überwiegend Trump gewählt, und sie wird es wieder tun, sofern sich die Gelegenheit bietet. Die beiden Amerikas – die einen, die reich oder qualifiziert genug sind, um zu den Gewinnern der Modernisierung zu zählen, und die anderen, die sich wegen Armut und schlechter Ausbildung zu den Verlierern rechnen – sind fest verortet. Nur das Lager der Verlierer wächst, die soziale Basis für einen Erfolg eines faschistoiden Kandidaten wird größer, und die Bereitschaft des großen Kapitals mag steigen, einen Kandidaten zu unterstützen, der gegen das »Multikultigewimmel« und die dauerhafte Wirtschaftskrise, gepaart mit materiellen Ansprüchen an die »Reichen«, Law and Order verkündet, Hass auf alle Fremden, Immigranten, Nichtweißen und Feindschaft gegen die Konkurrenten der globalen Ordnung predigt, deren erster Nutznießer das US-Kapital ist. Der Sündenböcke präsentiert, um die Sicht auf das wahre Übel zu verdunkeln: die gewaltige und noch wachsende soziale Ungleichheit und die ruchlose Ausbeutung des gesamten Globus unter dem Stichwort der »Globalisierung«. Der den Hauptkonkurrenten, China, als unsittliches Monstrum darstellt, was dessen Suspendierung als humanistische Großtat erscheinen ließe. Der die Waffen so scharf macht, dass man sie nach innen und außen über alle Hemmungen hinweg einsetzen könnte.

Biden will das nicht. Er schürt die Propaganda bedenkenlos, aber er möchte sich dadurch ein Zusatzmomentum im vielfältigen politischen Gegeneinander verschaffen. Kern seines Konzepts sind das Erstarken der USA selbst, das Versammeln der »westlichen« Staaten hinter den USA und die ständige Verringerung der Stärken und Einflussmöglichkeiten der »autokratischen« Gegenseite.

Er wird alle drei Ziele verfehlen. Die von ihm vorgelegten Umbaupläne sind zu schwach und zu konturlos, um die Transformation zu einer ökologischen Hochtechnologiegesellschaft zu schaffen. Selbst wenn seine ursprünglichen Steuerpläne von Anfang 2021 eines Tages in Gänze durch den Kongress kämen, würde er die fatale Spaltung der Gesellschaft vertiefen. Eine Einheit des »Westens« in Gegnerschaft zu China herzustellen, scheitert schon an der Interessenlage Deutschlands, das neben der EU zwei fast gleichrangige wirtschaftliche Hauptpartner hat: die USA und die Volksrepublik China. Die Stellung Chinas in der Weltpolitik wird Jahr für Jahr stärker, die Gewichte verschieben sich zuungunsten des Westens. Nur in einer Sparte bleiben die USA hoch überlegen: in der militärischen Vernichtungskraft.

Die Quittung für das absehbare Versagen Bidens, der sein Land eben nicht »versöhnen« kann, könnte ein Wahlsieg Trumps oder eines Trump-Surrogats sein. Hätte nicht das Coronavirus Hunderttausende US-Bürgerinnen und -Bürger das Leben gekostet, wäre Trump heute noch Präsident. Fährt Biden fort mit seinem Gemeinschaftskurs mit der Führung der Republikaner im Kongress, wird der nächste Präsident vielleicht wieder Trump heißen. Was schlimm wäre für die USA und für den Weltfrieden. Ist es zu verhindern? Nach der Meinung des Autors nicht dadurch, dass man einen faulen Kompromiss nach dem anderen mit dem Minderheitenführer der Republikaner, Mitch McConnell, macht, sondern indem man versucht, die vorhandenen Grundströmungen gegen den Rassismus und gegen die Plutokratie des einen Prozents zu einer Bewegung zu entfachen, die ähnlich dem Lied der Roosevelt-Ära – »This Land is my Land« – einen Anspruch der Massen auf ihr Land erhebt.

Kranke Verhältnisse

Timothy Snyder, Professor für Geschichte an der Yale University, einer der acht Ivy-League-Bestuniversitäten der USA, seit seinem Weltbestseller »Über Tyrannei« (dt. 2017) internationale Kapazität für menschenunwürdige Systeme, musste erst selbst vom Coronavirus befallen und in US-Hospitälern behandelt werden, um zu bemerkenswerten Einsichten zu gelangen.

Erstens: »Unser System der kommerziellen Medizin, das von privaten Versicherungen, regionalen Gruppen privater Krankenhäuser und anderen mächtigen Interessen dominiert wird, wirkt immer mehr wie eine Zahlenlotterie. Wir würden gerne glauben, dass wir eine Gesundheitsversorgung haben, die nebenbei einen gewissen Reichtumstransfer umfasst; was wir in Wirklichkeit haben, ist ein Reichtumstransfer, der nebenbei eine gewisse Gesundheitsversorgung beinhaltet (…). Der Zweck der Medizin besteht nicht darin, während kurzer Leben aus kranken Körpern maximale Gewinne herauszuquetschen, sondern während langer Leben Gesundheit und Freiheit zu ermöglichen.« Zweitens: »Unser stümperhafter Umgang mit der Pandemie ist das jüngste Symptom unserer Krankheit, einer Politik, die Schmerz und Tod statt Sicherheit und Gesundheit, Profit für einige wenige statt Wohlstand für viele verteilt.« Drittens: »Ein Virus ist kein Mensch, aber es ist ein Maß für Menschlichkeit. Wir haben uns nicht gut geschlagen. 150.000 Amerikaner sind ohne jeglichen Grund tot. (Ende August 2021 waren es bereits 635.000; C. S.) Unsere Krankheit reicht tiefer als jegliche Statistik, tiefer sogar als eine Pandemie. Es gibt Gründe, warum wir ein kürzeres, unglücklicheres Leben führen (…). Das Wort Freiheit ist heuchlerisch, wenn es von den Menschen ausgesprochen wird, die die Verhältnisse schaffen, welche uns krank und machtlos machen.«¹

Snyder benennt auch die Gründe für die Verkürzung und Verschlechterung der Leben der US-Amerikaner. Sie liegen in der Kommodifizierung des Gesundheitswesens, auch die Gesundheit ist zur Ware geworden, und die Ware ist großenteils hervorragend, aber auch sehr, sehr teuer. Man kann so gesund bleiben, wie man reich ist. Die Big-Data- wie die Big-Health-Industrie, sagt der Yale-Professor, wird von einer Reihe von Oligopolen beherrscht, die immer höhere Preise verlangen. »Eine Gesundheitsversorgung, die zu teuer ist, ist eine Gesundheitsversorgung, die nicht funktioniert. Fast die Hälfte der Amerikaner vermeidet medizinische Behandlung, weil sie die nicht bezahlen können. Dutzende Millionen Amerikaner sind nach wie vor nicht krankenversichert, und weitere zehn Millionen sind unzureichend versichert. Ich hatte eine anständige Krankenversicherung, musste aber dennoch Tausende von Dollar an unerwarteten Gebühren zahlen.« Die Mehrzahl der Mitbürger kann nicht teilnehmen an dem hochqualitativen Gesundheitssystem, denn – ihnen fehlt das Geld. »Eine Quelle unserer Krankheit ist die dramatische Ungleichheit des Reichtums, die die Erfahrungen einer sehr kleinen Gruppe von allen anderen trennt.«²

Dass das Land mit der weltweit höchsten Wirtschaftsleistung so miserabel abschneidet in der medizinischen Behandlung seiner Menschen, kann sich Snyder nur so erklären: »Unsere Krankheit ist eine spezifisch amerikanische. Wir sterben jünger als die Menschen in dreiundzwanzig europäischen Ländern; wir sterben jünger als die Menschen in Asien (Japan, Südkorea, Hongkong, Singapur, Israel, Libanon); wir sterben jünger als die Menschen in unserer eigenen Hemisphäre (Barbados, Costa Rica, Chile); wir sterben jünger als die Menschen in anderen Ländern mit britischer Siedlungsgeschichte (Kanada, Australien, Neuseeland). Andere Orte ziehen in den Ranglisten der Lebenserwartung immer wieder an uns vorbei. 1980, als ich zehn Jahre alt war, lebten die Amerikaner im Durchschnitt etwa ein Jahr weniger als die Bewohner von Ländern mit vergleichbarem Wohlstand. 2020, als ich fünfzig Jahre alt war, war der Unterschied auf vier Jahre angewachsen. Es ist nicht so, dass andere Länder über mehr Wissen oder bessere Ärzte verfügen. Es hat damit zu tun, dass sie das bessere System haben.«³

Snyder und vielen anderen, die lange die USA »für die beste aller möglichen Welten« hielten, hat die Pandemie die Augen geöffnet. Das System der USA fällt deshalb zurück, weil auch im Gesundheitswesen das Regime des Profits gilt. Eine Mehrzahl der US-Bürgerinnen und -Bürger ist mittlerweile der Ansicht, dass die Erschwinglichkeit der Gesundheitspflege das größte aller Probleme ist, wie eine Umfrage des Pew Research Center vom April 2021 ergab.

Weit vor der Coronapandemie, Rassismus oder Klimawandel ist die Erschwinglichkeit der Gesundheitsfürsorge das größte Problem im Urteil der Menschen. Das auf Profit getrimmte US-System blamiert sich an der Stelle, wo es die Menschen am meisten schmerzt. Mit dem 1,9-Billionen-Dollar-Programm gegen das Virus, das vor allem Geringverdienern zugute kommt, hat Biden den Nerv der öffentlichen Meinung getroffen. Die 2,3 Billionen US-Dollar des Plans zur Modernisierung der Infrastruktur treffen nicht auf eine ähnliche subjektive Betroffenheit. Von 15 in der Umfrage angeführten Problemen rangiert für die US-Bürgerinnen und -Bürger die miserable Infrastruktur an Stelle 13 der Dringlichkeit. Die Frage nach seiner Eignung als Präsident beantwortet eine etwas größere Mehrheit als beim Wahlentscheid positiv. Doch von den Weißen ohne College-Abschluss – der harte Kern der Trumpisten – sagen 57 Prozent, Biden mache einen schlechten Job. Insgesamt sind 39 Prozent der Ansicht, dass Bidens Leistung als Präsident schlecht sei. Von einer »Versöhnung« der Lager, von geeinten Staaten von Amerika, ist Biden noch weit entfernt.⁴

Das Grundübel

Die Untersuchungen über soziale Ungleichheit unterscheiden vor allem zwei Kategorien: Einkommen und Vermögen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Inequality.org, ein Projekt des Institute for Policy Studies (ein fortschrittlicher großer Thinktank), mit dem Problem der Ungleichheit in den USA. Zu den aktuellen zentralen Aussagen gehören:

1. Wer zu den Top-10-Prozent der US-Bürger gehört, verdient mehr als das Neunfache des Durchschnitts der Angehörigen der unteren 90 Prozent.

2. Wer zu dem Top-1-Prozent gehört, verdient 39mal mehr, wer zu dem 0,1-Prozent gehört, verdient 196mal mehr.

3. Die Top-0,1-Prozent haben ihren Anteil am Nationaleinkommen in den letzten fünf Jahrzehnten verdoppelt.

4. 40 Prozent der US-Bürgerinnen und -Bürger gehören zu den Armen oder zu den Geringverdienern (weniger als 25.000 Dollar im Jahr) – die Einkommenskonzentration ist so krass wie in den »Roaring Twenties« des vorigen Jahrhunderts.

5. Seit 1979 ist das Einkommen vor Steuern der Top-1-Prozent fast siebenmal schneller gewachsen als das der unteren 20 Prozent.

6. Die unteren Löhne steigen langsamer als die hohen; von 2009 bis 2018 sind die der unteren 90 Prozent um 6,8 Prozent gestiegen, die der Top-0,1-Prozent um 19,2 Prozent.

7. Die Einkommen haben vielerlei Quellen. Allerdings ist das Lohneinkommen für die große Mehrheit entscheidend. Selbst für den statistischen Durchschnittsbürger – also Reiche und weniger Reiche zusammengenommen – entfallen 70 Prozent des Einkommens auf das Arbeitseinkommen. Die, die aus Kapitalverzinsung ihr Einkommen beziehen, haben Vorteile: Sie zahlen nur 21 Prozent Einkommenssteuer, bei den Lohnbeziehern liegt die Höchststeuer bei 39,6 Prozent.

8. Die Löhne bleiben hinter dem Wachstum der Arbeitsproduktivität weit zurück; letztere ist zwischen 1979 und 2018 um 134 Prozent gestiegen, die Löhne nur um 24 Prozent.

9. Ein Grund für die schwache Entwicklung der Löhne ist die Schwäche der Gewerkschaften. Nur noch knapp zwölf Prozent der Beschäftigten sind in Gewerkschaften organisiert – der Mindestlohn ist seit vielen Jahren nicht mehr erhöht worden. Die Folge sind zurückbleibende Löhne.

10. Frauen werden auch beim Einkommen strukturell benachteiligt. Unter den Top-10-Prozent finden wir noch 27 Prozent Frauen, unter den Top-1-Prozent noch 17 Prozent, unter den Top-0,1-Prozent nur elf Prozent.

11. Der Rassismus ist in der Einkommensfrage sehr deutlich abgebildet. Der durchschnittliche weiße Angestellte verdient 28 Prozent mehr als ein schwarzer und 35 Prozent mehr als ein Latino.

12. CEOs, die Topmanager, stellen zwei Drittel der reichsten 1-Prozent-Haushalte.

13. Im Jahr 2019 verdiente ein durchschnittlicher Arbeiter 41.400 US-Dollar im Jahr, ein CEO eines der Fortune-Top-500-Unternehmen erhielt im Durchschnitt 14,8 Millionen jährlich. Im 21. Jahrhundert haben fast 100 CEOs das 350fache ihrer Beschäftigten verdient. Seit 2018 haben CEOs von mehr als 500 Firmen, darunter Walmart und McDonald’s, mehr als tausendmal mehr Einkommen bezogen als ihre Angestellten.

Vermögen verdoppelt

Noch größer als beim Einkommen fällt die soziale Ungleichheit beim Vermögen aus. Eine Studie des National Bureau of Economic Research zur Vermögensentwicklung zwischen 1983 und 2016 ergibt folgendes Bild: Die unteren 40 Prozent der Gesellschaft haben kein Vermögen, sondern Schulden in Höhe von durchschnittlich 1.800 US-Dollar. 1983 waren sie noch mit 6.900 US-Dollar in den Positiven. Das dritte Fünftel ist in den 33 Jahren seit 1983 exakt stagniert. Erst beim vierten Fünftel hat es ein bisschen in den Kassen geklingelt: Sie haben 80.000 US-Dollar mehr als eine Generation vorher. Das oberste Fünftel aber hat 1,7 Millionen US-Dollar mehr, die Top-1-Prozent sitzen auf zusätzlichen 16 Millionen, die Top-0,1-Prozent haben 57 Millionen Dollar pro Kopf mehr, um auf den Finanzmärkten anzugreifen. Die Profiteure sind ganz oben angesiedelt, die Multimillionäre und -milliardäre haben ihr Vermögen in einer Generation weit mehr als verdoppelt.

Man muss beachten, dass zum Vermögen auch die »Principal Residence«, das eigene Wohneigentum, gehört, was vor allem bei den unteren Schichten ins Gewicht fällt. Die Mehrzahl der US-Bürger lebt in Eigenheimen, und die Häuser und Wohnungen sind noch nicht bezahlt. Die Hypothekenschulden machen 2016 im Durchschnitt mehr als 34 Prozent des Haus- bzw. Wohneigentums aus. Die Gesamtverschuldung beläuft sich auf fast 15 Prozent des gesamten Vermögenswertes. Die Schulden des durchschnittlichen US-Haushaltes sind fast so hoch wie sein Jahreseinkommen.⁵ Ein Durchschnittsamerikaner mag also ein Haus im Wert von 300.000 US-Dollar sein eigen nennen, aber er ist verschuldet bis über beide Ohren, und der Schuldendienst frisst einen größeren Teil seines Einkommens auf. 14 Prozent der weißen US-Bürger, 28 Prozent der schwarzen und 26 Prozent der Latinohaushalte haben ein »negatives« Eigentum: mehr Schulden als Positiva.

Der gewaltige Graben zwischen Superreichen und dem Gros der Bevölkerung wird in der Coronapandemie weiter aufgerissen. Die 600 US-Milliardäre haben ihr Vermögen vom März 2020 bis zum Januar 2021 von knapp drei auf über vier Billionen Dollar gesteigert. Die fünf reichsten (Jeff Bezos, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Warren Buffett und Elon Musk) wurden während dieser Periode um 85 Prozent reicher, kamen von 358 Milliarden Dollar auf 661 Milliarden. Die drei an der Spitze der Liste – Bezos, Gates, Buffett – dirigieren nun ein Vermögen, das erheblich größer ist als das der gesamten unteren Hälfte der Bevölkerung.

Die Reichen werden immer reicher, und der Staat hilft ihnen dabei. Die Top-0,01-Prozent haben ihren Anteil am nationalen Reichtum von 1953 bis heute fast vervierfacht – von 2,5 auf 9,6 Prozent –, doch ihr Steueranteil liegt noch so niedrig wie vor siebzig Jahren. Der Thinktank Inequality.org zog das Fazit: »Auf der Spitze des amerikanischen ökonomischen Gipfels halten die Reichsten der Reichen der Nation einen Anteil am Wohlstand, wie sie es in den 1920ern taten.«⁶

Super Rich Joe

Die Ungleichheit vertieft sich also von Präsidentschaft zu Präsidentschaft, gleich ob ein Demokrat oder ein Republikaner an der Spitze steht. Biden bleibt jetzt mit der Erhöhung der Unternehmenssteuer auf 28 Prozent weit unter der Besteuerung der Obama-Jahre (35 Prozent). Die private Einkommenssteuer soll auf den Höchstsatz von 39,6 Prozent ab 440.000 US-Dollar Jahreseinkommen (vorher: ab 400.000 US-Dollar) kommen. Wie soll da der Spaltungsprozess in noch mehr für oben und immer weniger für unten gestoppt werden? Die sozialen Leistungen der Biden-Programme laufen binnen kurzem aus – die ersten schon Ende 2021. Von der wachsenden Inflation, im Juni 2021 fünf Prozent, werden die Ärmeren erheblich getroffen. Die Spaltung wird noch größer, und sie wird wegen der Inflation schmerzlicher empfunden, vor allem von den armen und mittleren Schichten.

Biden müsste eine völlig neue Besteuerung des Reichtums wählen. Indem er jede Mehrbesteuerung unter 400.000 US-Dollar Einkommen pro Jahr kategorisch ausschließt, lässt er das Gros der Reichen unangetastet. Das oberste eine Prozent hat ein Durchschnittsvermögen von 26 Millionen US-Dollar, die obersten 20 Prozent eines von drei Millionen (darunter Biden und die meisten seiner Mitstreiter). Rechnen wir bei diesen Millionären mit einer hohen Finanzrendite von zehn Prozent, dann werden die 300.000 US-Dollar Jahreseinkommen aus Kapitalverzinsung von keiner Steuererhöhung erfasst, da Kapitaleinkommen egal welcher Höhe nur mit 21 Prozent verzinst werden. Und die CEOs, die laut Forbes in der ersten Reihe das 350fache ihres Durchschnittsangestellten verdienen, zahlen auch kaum einen Cent mehr als bisher, da der Grenzsteuersatz in Höhe und Zugriffsdatum mehr oder weniger derselbe bleibt.

Die Millionäre und Milliardäre können mit großer Ruhe und Zufriedenheit dem Treiben der Biden-Mannschaft im Weißen Haus zusehen. Statt »Middle Class Joe«, wie er sich selbst gerne nennt, könnte Biden auch »Super Rich Joe« getauft werden, denn die Superreichsten haben am meisten von ihm. Jeff Bezos hat 2020 einen Vermögenszuwachs von 99 Milliarden US-Dollar erzielt. Seine Steuerquote betrug 0,98 Prozent. Warren Buffett zahlte für den Zuwachs von 24 Milliarden US-Dollar genau 0,1 Prozent Steuern.⁷ Die Gesamtheit der US-Milliardäre hat im letzten Jahr ihr Vermögen von 2,9 Billionen auf 4,4 Billionen Dollar erhöht und dafür so gut wie keine Steuern gezahlt. Der Trick ist einfach. Um seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren, wird Jeff Bezos nicht seine im Wert himmelhoch gestiegenen Wertpapiere veräußern, er wird vielmehr einen Kredit aufnehmen, und die Kreditzinsen sogar als einkommensmindernd von seiner Steuerlast abziehen. Biden und seine Finanzministerin Janet Yellen haben kein Vorhaben in die Diskussion gebracht, diesen wahnwitzigen Widerspruch zwischen dringenden öffentlichen Auf- und Ausgaben und minimalem Steuerbeitrag der Superreichen anzugehen.

Anmerkungen:

1 Timothy Snyder: Die Amerikanische Krankheit. Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital. München 2020, S. 20 ff.

2 Ebd., S. 131 f.

3 Ebd., S. 20

4 Pew Research Center: Americans’ views oft he problems facing the nation. 5.4.2021, www.pewresearch.org

5 Edward N. Wolff: Household Wealth Trends in the United States, 1962 to 2016: Has Middle Class Wealth Recovered? NBER Working Paper, 2017; www.nber.org/papers/w24085

6 www.inequality.org/facts/wealth-inequality

7 kurzelinks.de/ProPublicaTaxes

Conrad Schuhler: Das Neue Amerika des Joseph R. Biden. Papyrossa-Verlag, Köln 2021 (Neue Kleine Bibliothek; 303), 163 Seiten, 13,90 Euro

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  • Leserbrief von Joachim Seider (18. Oktober 2021 um 11:07 Uhr)
    Herzlichen Dank für diese interessante Analyse. Die USA sind ein Land voller hochexplosiver innerer Widersprüche. Wie gefährlich diese für die Welt insgesamt werden können, hat die Ära Trump zur Genüge bewiesen. Den Herrschenden ist es über lange Zeit gelungen, einen Teil dieser Widersprüche zu exportieren. Mit einer nun seit über 30 Jahren fast ungezähmten Aggressivität sorgen sie für den Fortbestand von internationalen Ausbeutungsverhältnissen, die dem Land zugute kommen und das Land (noch) nicht explodieren lassen. Auch die dafür erforderliche riesige Militärmaschine könnten die USA aus eigener Kraft niemals bezahlen. Die Mittel dafür stammen aus der neokolonialen Ausbeutung von Milliarden Menschen in aller Welt. Die Armen dieser Welt dürfen jene Waffen bezahlen, die auf sie selbst gerichtet sind. Und die notfalls auch gewissenlos benutzt werden sollen, um uns alle umzubringen. Wie perfide ist doch die so selbstgerechte Führungsmacht der kapitalistischen Welt!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (16. Oktober 2021 um 15:04 Uhr)
    »Snyder und vielen anderen, die lange die USA ›für die beste aller möglichen Welten‹ hielten, hat die Pandemie die Augen geöffnet. Das System der USA fällt deshalb zurück, weil auch im Gesundheitswesen das Regime des Profits gilt.« Zum einen, andererseits ist es ja nicht so, dass es in Deutschland, Kanada und vielen anderen kapitalistischen Ländern, in der Gesundheitsversorgung mit dranhängender Pharmaindustrie, nicht auch um Profite ginge. Zum anderen geht es aber auch um die in Amerika besonders stark verbreitete und kultivierte Mentalität eines asozialen (und extrem antikollektivistischen) Individualismus. In der Regel, Fachleute mögen mich korrigieren, beinhalten Gesundheitssysteme, die so gestrickt sind, dass es möglichst allen Menschen unabhängig von Einkommen und sozialem Status Zugang zu einem ordentlichen Mindestmaß an Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, immer Umverteilung innerhalb einer Solidargemeinschaft. Es wird also Leute geben, die mehr einzahlen als sie selber von der Solidargemeinschaft profitieren, und Leute, die unterm Strich mehr an Leistungen erhalten, als sie selber eigentlich bezahlen könnten, müssten sie die Rechnungen aus eigener Tasche begleichen, was bedeutet, dass andere in der Solidargemeinschaft die Gesundheitskosten für diese Menschen bezahlen. Und da stellen sich sehr vielen Amerikanern die Haare auf, denn das ist für sie Sozialismus. Und noch ein Punkt, warum es offenbar so schwierig ist das System mal richtig zu reformieren: Wesentliche Teile der Bevölkerung haben sich in dem System eingerichtet und es geschafft, immerhin eine halbwegs gute Versicherung zu haben, weil sie einen in der Hinsicht guten Arbeitgeber haben oder hatten, oder eben selber vorgesorgt haben. Und auch diese durchaus durchschnittlichen Mittelschichtler, keine Reichen, stemmen sich gegen eine Veränderung, weil sie fürchten, dann zu den Verlierern zu gehören, und das wenige, was sie haben, auch noch oder wieder zu verlieren.

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