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Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pupsen

Wenn es passiert

Von Bernhard Spring
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Und jetzt alle: »Was keine Miete zahlt, muss raus!«

Spätestens, wenn jemand am Geburtstagstisch deutlich vernehmbar pupst, kommt die Frage auf: In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?

Jeder kennt das: Im Klassenzimmer ertönt dieses eindeutige Geräusch, und sofort wird ein Schuldiger ausgerufen. An dem bleibt die Geschichte bis zum Abi haften und wird später noch bei Klassentreffen aufgewärmt. Er ist für immer der, der damals in Mathe gepupst hat.

Am Geburtstagstisch aber ist es nicht so einfach, einen Schuldigen zu finden. Immerhin ist es Familie! Andererseits herrscht sofort eine unangenehme Stille, die irgendwie überwunden werden muss.

Man sieht sich um. Kein Enkelkind, auf das man es schieben kann. Und die chronisch flatulente Oma ist dummerweise schon tot. Eine Zwickmühle: Jemand muss es gewesen sein, und es findet sich keiner, dem man den Pups andichten kann. Warum aber brauchen wir das überhaupt: Warum verleugnen wir unsere natürlichsten Bedürfnisse? Und warum müssen wir einen Sündenbock finden, um weitermachen zu können?

Oma hatte da noch einen unkomplizierten Umgang mit dem Thema. Sie sagte damals immer: »Was keine Miete zahlt, muss raus.« Aber wenn du erst einmal deinen Nachnamen vergessen hast, nimmt dich keiner mehr ernst. Wir hingegen sind weiter, wir wissen Bescheid: Jeder kennt sich aus mit der Verdauung. Jeder weiß, dass diese nützlichen Bakterien dabei Gase produzieren (dämliche Bakterien!). Und dass diese Gase raus müssen. Wir können stundenlang über die Erderwärmung durch das ausgestoßene Methan von Kühen reden. Aber unsere eigenen Gase? Tiefes Schweigen.

Das Pupsen und andere natürliche Bedürfnisse passen nicht zu unserer Vorstellung vom zivilisierten Menschen. So was hat vielleicht noch Luther gemacht. Und Männer, die aus irgendeinem Grund animalischer wirken dürfen oder müssen, pupsen heute noch. Frauen hingegen machen das nicht. Nie. Eine Ungerechtigkeit! Sie werden nie erfahren, wie befreiend es sein kann.

In einer Partnerschaft pupst man abends, beim Einschlafen, möglichst diskret. Wenn doch einmal etwas zu hören oder zu riechen ist, hofft man auf gegenseitiges Stillschweigen. Andere Paare kapitulieren vor dieser anstrengenden Geheimniskrämerei. Aber selbst diese ach so liberalen Geister pupsen auch nur höchstens dezent voreinander.

Zurück zum Geburtstagstisch. Kein Krimi könnte spannender sein. Warum lacht denn keiner? Warum dieses bedrückende Schweigen? Eine Cousine rutscht mit dem Schenkel über den Lederbezug. Ein komisches Geräusch und alles andere als ein Pups. Aber wir möchten trotzdem daran glauben: Es waren diese blöden Lederstühle. Die Gespräche gehen weiter, innerlich ein Aufatmen. Die Frage bleibt: Hat sie etwa … oder ihr Freund … oder ist sie einfach nur nett? Bei Kindern kann das schon manchmal passieren, bei Erwachsenen nicht mehr, die haben sich im Griff und deshalb ein Problem. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?

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