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Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Exportweltmeister BRD

Tod made in Germany

Rüstungskonzern Hensoldt liefert Material für türkische Kampfdrohne. Kriegsunterstützung für Ankaras Feldzüge
Von Matthias Monroy
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Für den Krieg in der Region Berg-Karabach war die türkische Kampfdrohne Bayraktar BT2 mitentscheidend (Baku, 10.12.2020)

Die meistverkaufte türkische Kampfdrohne ist mit Kameras der deutschen Firma Hensoldt ausgestattet. Das hat ein Firmensprecher dem Magazin Netzpolitik.org bestätigt. Die Technik ist in einem sogenannten Gimbal untergebracht, der unter die Drohnen montiert werden kann. Das halbkugelförmige Gerät ist um 360 Grad schwenkbar und enthält neben optischen und infrarotbasierten Sensoren auch verschiedene Lasertechnologien. Dazu gehört ein Lasermarkierer, mit dem Raketen ins Ziel geleitet werden können.

Fast zwei Jahrzehnte waren Firmen aus den USA und Israel unbestrittene Marktführer für bewaffnete Drohnen. Doch mittlerweile können China und die Türkei immer mehr Exporte für sich verbuchen. Bekannt ist vor allem die »Bayraktar TB2«, die vom türkischen Militär seit 2016 im türkischen, syrischen und mittlerweile auch irakischen Teil Kurdistans völkerrechtswidrig eingesetzt wird. Allein in der viermonatigen Operation »Olivenzweig« im kurdischen Rojava soll die »TB2« vor drei Jahren 449 eigene Treffer erzielt und in 680 Fällen Kampfflugzeuge oder -hubschrauber dabei unterstützt haben.

Auch für die Regierung in Libyen und für Aserbaidschan flog die »TB2« Angriffe auf gegnerische Truppen, vor Berg-Karabach könnte sie sogar kriegsentscheidend gewesen sein. Die aggressiven Operationen sorgten für weitere Bestellungen, nach Katar, der Ukraine, Marokko, Tunesien und Turkmenistan verkauft Baykar die Drohne an Polen als erstem NATO-Staat, Interesse gibt es angeblich außerdem in Litauen.

Die vergleichsweise junge türkische Drohnenindustrie kann viele Bauteile ihrer unbemannten Luftfahrzeuge selbst produzieren oder von heimischen Zulieferern einkaufen, trotzdem sind die Hersteller bei Schlüsselkomponenten weiter auf Importe angewiesen. Das betrifft etwa Triebwerke, die zwar auch in der Türkei produziert werden, aber weniger leistungsfähig sind als Konkurrenzprodukte. Deshalb flog die »TB2« unter anderem mit Rotax-Motoren aus Österreich. Nach der türkischen Unterstützung des aserbaidschanischen Angriffskriegs hat die Firma die Lieferung an Baykar gestoppt.

Ursprünglich war die »TB2« mit einem Gimbal des kanadischen Herstellers Wescam ausgerüstet. Auch ­Wescam hat seine Zusammenarbeit mit Baykar endgültig beendet, nachdem die Regierung in Ottawa anlässlich des Krieges um Berg-Karabach ein Exportverbot erließ. Davon profitiert nun der auf Sensortechnologie spezialisierte Hensoldt-Ableger Optronics Pty in Südafrika. Die Firma verkauft die Geräte in einer nicht genannten Stückzahl »im Rahmen eines Auftrags« an Baykar. Auf einer Parade in Turkmenistans Hauptstadt Aschgabat war eine »TB2« vor zwei Wochen mit einem solchen Gimbal von Hensoldt zu sehen.

Hensoldt entstand nach einer Ausgründung verschiedener Bereiche des Rüstungskonzerns Airbus, darunter das Geschäft mit Radargeräten, ­Optronik, Avionik und Anlagen zur Störung elektronischer Geräte. Bei der Firma von herausragender sicherheitspolitischer Bedeutung hatte sich die Bundesregierung eine Sperrminorität gesichert. Anteilseigner ist außerdem der italienische Rüstungskonzern Leonardo.

Auch die Bewaffnung der »TB2« mit lasergesteuerten Raketen erfolgte mit deutscher Hilfe. Das belegen Antworten auf kleine Anfragen im Deutschen Bundestag, über die das ARD-Magazin »Monitor« im vergangenen Jahr berichtet hat. Demnach hat das deutsche Außenministerium seit 2010 Exportgenehmigungen für Gefechtsköpfe einer Panzerabwehrrakete erteilt. Sie stammen von der Firma TDW Wirksysteme GmbH aus dem bayerischen Schrobenhausen, einem Ableger des europäischen Raketenherstellers MBDA. Die Verkäufe erfolgten demnach mutmaßlich an die im Staatsbesitz befindliche türkische Firma Roketsan. Auch Anlagen oder Teile zur Fertigung der Raketen sollen in die Türkei exportiert worden sein. Insgesamt hat das Auswärtige Amt Exportgenehmigungen für Güter »zur Verwendung oder zum Einbau in militärische Drohnen« mit einem Gesamtwert von rund 13 Millionen Euro in die Türkei erteilt.

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