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Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 7 / Ausland
Türkische Aggression

Guerilla braucht Gasmasken

Vorwurf von Einsatz verbotener chemischer Kampfstoffe durch türkische Armee im Nordirak
Von Nick Brauns
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Auf diesem vom türkischen Verteidigungsministerium verbreiteten Bild ist Minister Hulusi Akar beim Truppenbesuch an der grenze zum Irak zu sehen (19.6.2020)

Bei Angriffen auf die kurdische Guerilla in der Autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak setzt die türkische Armee völkerrechtlich geächtete chemische Kampfstoffe ein. Diesen Vorwurf erheben die Volksverteidigungskräfte (HPG) der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Zuletzt seien am 5. Oktober fünf Guerillakämpferinnen und -kämpfer bei einem Chemiewaffenangriff auf das Werxele-Bergmassiv ums Leben gekommen, teilten die HPG am Dienstag mit.

Seit rund einem halben Jahr läuft eine türkische Militäroffensive gegen PKK-Stellungen im grenznahen Bergland. Seit Juni konzentrieren sich die Angriffe auf das Werxele-Gebirge in der Region Avasin, das als Tor zu den dahinter liegenden Rückzugsgebieten der Guerilla dient. In jahrelanger Arbeit hat die Guerilla das an sich schon schwer zu durchdringende Gebirge mit Verteidigungstunneln zur Festung ausgebaut. Beim Versuch, in die Tunnel und Höhlen einzudringen, setzten die türkischen Soldaten teilweise mehrfach am Tag Chemiewaffen ein, meldete die HPG.

Am Dienstag strahlte der Sender Medya Haber TV ein bereits im August von der HPG aufgenommenes Video aus, das Guerillakämpfer mit Gasmasken in einem mit dichtem grünem Rauch gefüllten Tunnel zeigt. Dabei soll es sich um einen bislang nicht identifizierten chemischen Kampfstoff handeln. Die Farbe deutet aber auf Chlorgas hin. Der in der Region Kurdistan lebende Journalist Kawa Tolhildan berichtete vergangene Woche gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur ANF von einer jüngst zum Einsatz gekommenen Chemiewaffe, deren Wirkung deutlich stärker als bei den zuvor von der türkischen Armee eingesetzten Gasen sei. Die Explosionswirkung werde von Guerillakämpfern »wie eine Art Erdbeben beschrieben«. Das extrem übelriechende Gas lasse bei Kontakt die Haut rot werden und zersetze den menschlichen Körper langsam. Dieser Beschreibung nach könnte es sich um Senfgas handeln, wie es erstmals im Ersten Weltkrieg von der Reichswehr eingesetzt wurde.

Im vergangenen Monat seien rund 550 Bewohner des Ortes Kani Masi in der Provinz Dohuk mit gesundheitlichen Problemen und Symptomen im Krankenhaus behandelt worden, die auf eine Verletzung durch Gas hindeuten, meldete die Nachrichtenagentur Mezopotamya zu Wochenbeginn. Die Umgebung des Dorfes war zuvor mehrfach von der türkischen Armee bombardiert worden.

Die Türkei ist Unterzeichnerin der Chemiewaffenkonvention, die Entwicklung, Herstellung, Besitz, Weitergabe und Einsatz chemischer Waffen verbietet. Doch die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) blieb bislang untätig. Dies war auch schon der Fall, als türkische Truppen im Oktober 2019 nach Nordsyrien einmarschierten und nach Angaben der dortigen Autonomieverwaltung und örtlicher Ärzte in der Grenzstadt Ras Al-Ain Napalm und weißen Phosphor einsetzten. Kurz vor ihrem Einmarsch hatte Ankara der OPCW 30.000 Euro gespendet, die offenbar als Schweigegeld ausreichten. »All die Institutionen und Staaten, die den Einsatz von Chemiewaffen durch ihre Feinde gerne zur Rechtfertigung von Angriffen auf diese nutzen, schweigen, wenn solche Waffen von ihren Verbündeten, in diesem Fall der Türkei, eingesetzt werden«, beklagt der in Brüssel ansässige Kurdische Nationalkongress (KNK).

Praktische Hilfe will derweil die Rote Hilfe Schweiz leisten. Die Solidaritätsorganisation ruft zu Spenden für ihre Kampagne »Gasmasken für die Guerilla« auf. In den vergangenen zwei Jahren konnten dank der in Europa gesammelten Gelder bereits über 700 Gasmasken und viele Filter an die Guerilla in den kurdischen Bergen übergeben werden.

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