Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Freitag, 22. Oktober 2021, Nr. 246
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 2 / Inland
Deutscher Pflegetag

Mehr Personal, mehr Geld

Pflegetag: Pflegeratsvorsitzende fordert 4.000 Euro brutto für Pflegekräfte
imago0096665761h.jpg
Die Hamburger Krankenhausbewegung demonstrierte, wie vielerorts, für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege

Der Pflegepersonalmangel komme aus ihrer Sicht für die Gesellschaft gleich nach der Klimakatastrophe, sagte die Vorsitzende des Pflegerates, Christine Vogler, anlässlich der Auftaktveranstaltung des Deutschen Pflegetags am Mittwoch in Berlin. Bei der Tagung der Pflegebranche sollen bis diesen Donnerstag Experten aus Politik, Wirtschaft und Verbänden über aktuelle Herausforderungen der Pflege beraten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderte in seinem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung eine »ehrliche Debatte« über Kosten in der Pflege. Mehr Personal und bessere Bezahlung zu verlangen, aber hohe Kosten zu beklagen, passe »nicht so ganz zusammen«, so der Minister.

Schnelle Verbesserungen will Vogler mit der Forderung nach einem Einstiegsgehalt von 4.000 Euro brutto für Pflegefachkräfte aller Bereiche durchsetzen, die sie auf der Tagung forderte. Die hohen Belastungen und Verantwortung des Pflegeberufs erforderten eine bessere Bezahlung, um einen besseren Zulauf und Verbleib im Beruf sicherzustellen. Außerdem könnten Menschen, die den Pflegeberuf verlassen haben, so zur Rückkehr in diese Tätigkeit bewegt werden, sagte die Pflegeratsvorsitzende. Der Pflegerat schließt als Dachverband große Berufsverbände der Pflegebranche zusammen. Die Verdienstmöglichkeiten sind in der Pflege je nach Region und Arbeitsbereich unterschiedlich hoch.

Spahn stellte seinem Ministerium für die vergangene Legislatur ein positives Zeugnis aus. »Von dem, was wir anpacken sollten, haben wir ziemlich viel angepackt«, lobte sich der im Falle des Zustandekommens einer »Ampel«-Koalition bald aus dem Amt scheidende Minister. Der in der Pflege durchgesetzte Mindestlohn und gestiegene Ausbildungsvergütungen würden »deutliche Verbesserungen bringen«, so Spahn. Pflegekräfte müssten sich bei Tarifverhandlungen jedoch weiterhin für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen, sie seien derzeit »am längeren Hebel«. Das unter Spahn beschlossene Gesetz für eine tarifliche Bezahlung in der Altenpflege sei stark missbrauchsanfällig, kritisierte Verdi-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler das Eigenlob in einer Mitteilung am Mittwoch. Sie forderte von einer kommenden Bundesregierung wirksame Maßnahmen, um »Beschäftigte zu entlasten und dauerhaft mehr Personal in die Einrichtungen zu bekommen«. (dpa/AFP/jW)

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

  • Leserbrief von Juliane Jüchli (14. Oktober 2021 um 09:19 Uhr)
    Generalstreik – so frotzelte der Gesundheitsminister und versuchte die Verantwortung auf die Arbeitenden, die für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, zu verlagern. Verkehrte Welt, wenn ein (Erz-)Konservativer Millionär die Lohn- und Arbeitsbedingungen individualisiert, ganz nach neoliberaler Ideologie, wohl wissend, das ca. 70 Prozent der Krankenhäuser, Altenheime und anderen Einrichtungen den beiden Kirchen gehören und dort ein kirchliches Arbeitsrecht gilt, das er als Christdemokrat im Parlament weiter stützt und schützt, die in dem Gesundheitssektor arbeiteten ermuntert, sich zu organisieren, die günstige Arbeitsmarktsituation zu nutzen. Die Linken, Gewerkschaften und die Arbeiterklasse sind weit entfernt vom Gedanken, einen Generalstreik anzuzetteln. Es geht um Geld und darum, was der Millionär nicht gesagt hat: Es geht um sechs bis zwölf und mehr Prozent Profit, das jedes Krankenhaus pro Jahr zu erwirtschaften hat, insbesondere bei den Krankenhauskonzernen. Die Millionäre im Gesunheitsmarkt reisen um die Welt, um High-End-Medizin für sich selbst zu kaufen.
  • Leserbrief von F.Schmidt (14. Oktober 2021 um 05:10 Uhr)
    Schön, dass dieses Problem auf den Tisch kommt. Die 4.000 Euro brutto sind sicher auch berechtigt. Völlig fehlt aber die Lösung des Finanzierungsproblems. Die bisherige Entwicklung zeigt, dass solche Kosten auf die zu Pflegenden bzw. deren Angehörige umgelegt wurden. Dies bedeutet in der Folge eine große Umverteilung von privatem Vermögen. Heißt, die Pflegekräfte erhalten die oft auch nur sehr geringen Rücklagen (egal ob als Sparvermögen, Rente oder Immobilien) der zu Pflegenden. Wem ist damit geholfen? Niemand hat sich ausgesucht oder gewünscht, im Alter ein Pflegefall zu sein. Hier fehlt bisher völlig die Komponente Staat, der hier für eine nachhaltige Finanzierung sorgen muss. Der privat geführten Pflegebranche geht es aber gut. Zumindest was die Inhaber und deren Leitungsgremien betrifft. Überall im Land entstehen neue Einrichtungen. Man darf gespannt sein, wie hier Lösungsansätze aussehen könnten. Oder wird weiter durch die Hintertür enterbt? Zum Pflegefall werden die Menschen durch Krankheit. Also sind die Sozialkassen gefragt. Hoffentlich denkt daran jemand.

Mehr aus: Inland