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Aus: Ausgabe vom 14.10.2021, Seite 1 / Titel
»Großer Zapfenstreich«

Hymne an den Krieg

Afghanistan-Einsatz: Bundespräsident nimmt voller Pathos militaristisches Spektakel in Berlin ab. Kirchen und Friedensbewegung protestieren
Von Kristian Stemmler
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»Kameradschaft, Feldpostadresse und Heimweh«: Frank-Walter Steinmeier (r.) fand am Mittwoch blumige Synonyme für Afghanistan

Fackelschein und Trommelwirbel, im Gleichschritt marschierende Soldaten, das Kommando: »Helm ab, zum Gebet!« Mit einem gespenstischen Ritual, das viele an mi­litaristische Inszenierungen in der Nazizeit erinnert, wollte die Bundesregierung am Mittwoch abend vor dem Reichstagsgebäude in Berlin dem beendeten Afghanistan-Einsatz höhere Weihen verleihen. Der »Große Zapfenstreich« – ein Zeremoniell der Bundeswehr – war als Abschluss einer Reihe von Veranstaltungen gedacht, mit denen laut Verteidigungsministerium rund 93.000 Soldatinnen und Soldaten »gewürdigt« werden sollten, die in 20 Jahren am Hindukusch »gedient« haben.

Einen Vorgeschmack auf das Tschingderassabum am Abend gab es am Nachmittag beim »Abschlussappell« auf dem Paradeplatz des Ministeriums, er wurde live in der ARD übertragen. Zu den Klängen des »Preußischen Präsentiermarsches« nahm Frank-Walter Steinmeier (SPD) eine Paradeformation ab. Der Bundespräsident ließ es in seiner Rede an triefendem Pathos nicht fehlen. An die angetretenen »Veteranen« richtete er die Worte: »Für Sie ist Afghanistan Kameradschaft, Feldpostadresse und Heimweh, für Sie ist Afghanistan der endlose Tag im Feldlager und die endlos erscheinende Sekunde im Gefecht, für Sie ist Afghanistan Hoffnung und Ernüchterung, Hitze und Staub, Entbehrung und Angst.«

Die Feierlichkeiten blieben nicht ohne Widerspruch. Für den Abend wurde zu einer »antimilitaristischen Demonstration« mobilisiert. Im Demoaufruf hieß es, die Zeremonie sei »eine Provokation für alle, die den Einsatz der Bundeswehr seit Beginn ablehnten«. Dass der Krieg mit einer »militärischen Gruselshow« gefeiert werde, zeige erneut, wie wichtig antimilitaristischer Protest sei. Ergebnis des Krieges in Afghanistan seien rund 240.000 Tote, 5,5 Millionen Vertriebene und »die Herrschaft der Taliban über nahezu das gesamte Staatsgebiet«.

Gegen das Ritual vor dem Reichstag wandten sich auch 25 Gruppen sowie knapp 200 Einzelpersonen aus Kirchen und der Friedensbewegung. In einem Appell forderten sie am Mittwoch erneut dazu auf, den »Großen Zapfenstreich« abzusagen. Auf den ersten Aufruf vom 18. August hatte Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer nicht reagiert. Die Unterzeichner erklärten, es sei »völlig unangemessen«, die in Afghanistan eingesetzten Soldaten »mit diesem militärischen und gewaltverharmlosenden Zeremoniell« würdigen zu wollen. Kritisiert wird vor allem der »inhaltliche Kern des Großen Zapfenstreiches«: das Gebet »Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart«. Für Christen bedeute die Intonierung dieses Gebets mit paralleler Präsentation der Gewehre »eine nicht hinnehmbare Verletzung ihrer religiösen Gefühle«, erklärte Martin Singe von Pax Christi Bonn, der den Appell mitinitiiert hatte, gegenüber jW.

Verteidigungsexperte Tobias Pflüger von der Partei Die Linke kritisierte gegenüber jW den Zapfenstreich als »völlig deplaziert«. Der Afghanistan-Einsatz sei »komplett gescheitert«, da gebe es nichts zu feiern. Pflüger verwies auf die 59 Bundeswehr-Soldaten, die ums Leben kam. Tiefpunkt sei das »Massaker von Kundus« gewesen. Am 4. September 2009 waren bei der von Oberst Georg Klein angeordneten Bombardierung zweier Tanklaster mehr als 100 Zivilisten getötet worden. Pflüger forderte eine »gründliche Aufarbeitung« des Afghanistan-Einsatzes durch einen Untersuchungsausschuss. Eine Forderung, die auch FDP und Bündnis 90/Die Grünen mittragen.

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  • Leserbrief von Irene Wagner (18. Oktober 2021 um 12:29 Uhr)
    Anlässlich des Spektakels zum Großen Zapfenstreich hielt Frank Walter Steinmeier eine Rede, die trotz seines anfänglichen Geschwafels in seiner üblichen Manier doch recht deutlich seine Rückschlüsse aus 20 Jahren Militäreinsatz in Afghanistan zum Ausdruck bringt. Es ist von deutschen und europäischen Interessen die Rede. Als Expräsident Horst Köhler 2010 von Interessen und gar Wirtschaftsinteressen sprach, um die es in Afghanistan ging, musste er seinen Hut nehmen.
    Deutlich wird auch die Abhängigkeit von USA. Weil man sich den USA gegenüber solidarisch zeigen wollte, sei es richtig gewesen, 2001 nach Afghanistan zu gehen und genauso »war auch der Abzug aus Afghanistan nur im Bündnis möglich«. Das bestätigt das Vasallentum, das eigenständiges Handeln ausschließt. Über die Hintergründe des Abzugs erfährt man nichts. Man kann aber vermuten, dass die USA nach zwanzig Jahren die Aussichtslosigkeit ihres Unternehmens erkannt haben und sich lieber auf ihre Hauptfeinde konzentrieren wollen, nämlich Russland und China, womit sie bei den deutschen Kriegstreibern auf Sympathie treffen.
    Steinmeier behauptet, dass das militärische Ziel erreicht wurde. Trotzdem müsse man sich die bittere Frage stellen: »Sind nun das Leid, unsere Mühen, alle Verwundungen an Körper und Seele, alle verlorenen Menschenleben der vergangenen zwanzig Jahre umsonst gewesen?« Dabei denkt er anscheinend nur an die 59 deutschen Soldaten, die dabei ums Leben kamen. Die 240.000 getöteten Afghanen und die 5,5 Millionen afghanischen Flüchtlinge erwähnt er nicht einmal. Auch von dem verwüsteten Land und der zerstörten Infrastruktur redet er nicht, auch nicht von der Hungerkatastrophe, die jetzt auf die Bevölkerung zukommt, schweigt er lieber.
    Steinmeier stellt die rhetorische Frage: »Was lernen wir aus dieser bitteren Erfahrung für unser Handeln an anderen Einsatzorten, in anderen Ländern dieser Welt?« Also werden Auslandseinsätze zum Normalfall, und dafür braucht man laut Steinmeier mehr Geld für Rüstung. Da Deutschland die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und das bevölkerungsreichste Land der europäischen Union sei, (dank der Einverleibung der DDR), müsse es sich »der Welt stellen«. Rückzug und Resignation wären die falsche Lehre aus dem Engagement in Afghanistan. Man müsse aber klüger darüber entscheiden, wo und mit welchen Mitteln man sich engagieren soll. Ganz eindeutig formuliert er, dass Deutschland in seinen militärischen Möglichkeit stärker werden müsse, weshalb mehr Ausgaben dafür gerechtfertigt seien. Bedenkt man, dass man nun doch mit den Taliban verhandeln muss, kann man auch andere Schlüsse ziehen, nämlich: das Blutvergießen hätte man verhindern können und die vielen sinnlos verschleuderten Dollars in zivile Projekte in Afghanistan, aber auch in Deutschland und den USA stecken können. Beide haben es bitter nötig.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Rudi E. aus Langenhagen (14. Oktober 2021 um 19:37 Uhr)
    Auch ich sehe keine Veranlassung, die Bundeswehr für ihren Einsatz in Afghanistan – der ja nicht der Verteidigung der BRD diente – mit einem martialischen Zapfenstreich zu loben und zu beglückwünschen. Weder sind BRD-Interessen am Hindukusch verteidigt worden – die wohl auch eher nebulös und kaum zu definieren sind –, noch empfinde ich irgendwelchen Dank und Stolz als Steuerzahler dafür, dass nahezu 60 Mrd. Euro Steuermittel für ein zwanzigjähriges bellizistisches und obendrein desaströses Abenteuer mit einer beschämenden Bilanz ausgegeben wurden. Unbeschreibliches Leid hat Afghanistan seit dem Terrorüberfall der USA vor zwanzig Jahren mit Hundertausenden von Zivilopfern ertragen müssen. Die Bundeswehr war sich nicht schade genug, in devoter Vasallentreue US-amerikanische strategische und wirtschaftspolitische Interessen am Hindukusch mitzutragen – mit allen üblen Folgen. Kollateralschäden in Form getöteter Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan werden als Opfer verbrämt, die der freiheitlich-demokratischen BRD erbracht wurden. Verkannt wird dabei, dass die eigentliche Aufgabe dieser, unserer Armee darin besteht, Gefahr abzuwenden, die unserem Land von außen droht. Da die nicht vorhanden ist, wird stattdessen in zynischem Umkehrschluss die Bundeswehr zu Kriegseinsätzen ins Ausland geschickt, um ihren sogenannten Bündnisverpflichtungen gegenüber den USA nachzukommen. Inwiefern Politiker meinen, diesen militärischen Einsatz auch noch feiern zu müssen, bleibt mir rätselhaft.
  • Leserbrief von Christian Helms aus Dresden (14. Oktober 2021 um 18:01 Uhr)
    Was ist der »inhaltliche Kern des Großen Zapfenstreichs«? Etwa die 240.000 Toten, die 5,5 Millionen Vertriebenen, die Herrschaft der Taliban über ganz Afghanistan oder das unermessliche Leid nach 20 Jahren Krieg? Wohl eher der Dank für die bedingungslose Gehorsamkeit, mit der die Bundeswehr ihren Beitrag zur Vollstreckung dieser fatalen Politik der »westlichen Wertegemeinschaft« geleistet hat.
  • Leserbrief von Peter Groß aus Bodenseekreis (14. Oktober 2021 um 08:23 Uhr)
    Das waren Bilder mit Symbolkraft. Dem Anspruch der Bundeswehr-Führung, das Geschehen vor dem Reichstag in Eigenregie zu gestalten wurde seitens der Staatsführung devot stattgegeben. Die vom ARD-Kommentator als Crème de la Crème bezeichnete Politprominenz verborgen – in Bundeswehr-Zelten. »Zusammengetrieben«? Am Rand des Geschehens, unbeteiligt, still in der Dunkelheit. Eine Warnung an die Zivilgesellschaft? Bald nach dem Kaisermarsch eisiges Schweigen beim Ertönen der Nationalhymne. Ein kraftvolles Bekenntnis zum demokratischen Rechtsstaat durch Mitsingen gilt als lästig. Das war kein Festakt, das war eine deutliche Warnung: »Stört unsere Kreise nicht, Aufarbeitung und Kritik sind unerwünscht – wir ehren uns im Alleingang.« Am Nachmittag erinnerte der Bundespräsident in einem knappen Nebensatz an die Leistung der Nichtregierungsorganisationen, eben jene, die Schulen und Brunnen bauten, Kinder unterrichteten (warum nur Mädchen?), während deutsche Soldaten im Sinne von Rheinmetall, Heckler & Koch oder Bierbrauern den afghanischen Hilfskräften das Töten mit deutscher Waffentechnik nahebrachten und damit letztlich Verkaufsveranstaltungen, ähnlich den bekannten »Tupper-Partys«, ausrichteten. Es wird höchste Zeit, dass Fridays, Parents und Scientists for Future nicht allein das 1,5-Grad-Klimaziel fordern, sondern zu Hunderttausenden das »Give Peace A Chance« John Lennons und Yoko Onos reaktivieren. Kabul ist gefallen, weil auch der letzte afghanische Söldner in deutschen Diensten begriff, dass er Herren dient, die über Jahrzehnte ein korruptes Regime am Leben hielten. Dass Friedensaktivisten nicht wie im baden-württembergischen Oberndorf von Knochenbrechern, Hunderten teils blutige Wunden schlagende Polizisten attackiert wurden, ist wohl ausschließlich dem Schweigegelübde der öffentlich-rechtlichen Medien zu verdanken, denen Hunderte Beamte, Hubschrauber, Drohnen und Räumpanzer nicht ins Bild passten. Besonders weil in diesem Fall Totschweigen durchaus ausreichend scheint.

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