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Aus: Ausgabe vom 13.10.2021, Seite 10 / Feuilleton

Gerberding, Montand

Von Jegor Jublimov
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Sohn eines kommunistischen Besenbinders: Yves Montand in »César und Rosalie«

Vor 60 Jahren war die Karibik eine Krisenregion. Nicht nur in Kuba schickte sich das Volk an, die bisherigen Unterdrücker davonzujagen. In der Dominikanischen Republik fiel der verhasste Diktator Rafael Trujillo 1961 einem Attentat zum Opfer. Als neuer Hoffnungsträger kehrte der Schriftsteller Juan Bosch, ein Freund von Salvador Allende und Pablo Neruda, aus dem kubanischen Exil zurück. Besonders ähnlich sieht ihm Erich Gerberding eigentlich nicht. Dennoch verkörperte er Bosch mit seiner respekteinflößenden Gestalt für die Verfilmungen von Wolfgang Schreyers Romanen »Der Adjutant« und »Der Resident«, die der DFF 1971/72 als spannenden Dreiteiler produzierte. Gerberding, der am Freitag vor 100 Jahren in Hannover geboren wurde, starb mit fast 65 Jahren in seiner Wahlheimatstadt Leipzig. In der Ära des Generalintendanten Karl Kayser war der stattliche Schauspieler ab 1959 bei den Städtischen Bühnen eine feste Größe. Film und Fernsehen machten ihn republikweit bekannt. So spielte er 1962 in dem an den wahren Fall des Journalisten Werner Friedmann angelehnten Film »Freispruch mangels Beweises« einen Münchner Chefredakteur, der nach unliebsamen politischen Enthüllungen Opfer einer Rufmordkampagne wurde. Auch in kleineren Rollen verkörperte er immer wieder Chefs oder Politiker. So war er 1966 Reichskanzler Bismarck in einem bei uns unbekannt gebliebenen sowjetischen Film »God kak Schisn« (Ein Jahr wie ein Leben) über Marx und Engels.

An diesem Mittwoch vor 100 Jahren wurde dem kommunistischen Besenbinder Giovanni Livi in einem kleinen Ort in der Toskana der Sohn Yves geboren. Weil schon ein Jahr später die italienischen Faschisten mit Mussolini an die Macht kamen und Andersdenkende verfolgten, ging Livi ins französische Exil. Yves, der sich nach seinem Spitznamen Montand nennen sollte, wuchs in Marseille auf und begann mit 17 Jahren eine Laufbahn als Chansonnier, die er bis ans Lebensende 1991 fortsetzte. Noch größeren Ruhm erlangte er, als er ab 1946 in zahlreichen Filmen auftrat, darunter Klassiker wie »Lohn der Angst« (Henri-Georges Clouzot, 1953), »Lieben Sie Brahms?« ­(Anatole Litvak, 1961), »César und Rosalie« (Claude Sautet, 1972) und »I wie Ikarus« (Henri Verneuil, 1979). Seit 1949 lebte er mit Simone Signoret zusammen. Beide engagierten sich für die politische Linke. Bei der Defa in Babelsberg übernahmen sie 1956/57 die Hauptrollen in der Arthur-Miller-Adaption »Die Hexen von Salem« (Drehbuch u. a. von Jean-Paul Sartre). Signorets Tochter aus erster Ehe, Catherine Allégret, spielte 1965 an der Seite der Eltern die Hauptrolle in Costa-Gavras’ Kriminalfilm »Mord im Fahrpreis inbegriffen«. Lange nach dem Tod ihrer Eltern beschuldigte sie Montand, sich während ihrer Kindheit an ihr vergangen zu haben. Auch wenn die Behauptung nicht bewiesen werden konnte, wirft sie doch einen Schatten auf das Andenken des Künstlers, der Generationen als Schauspieler und Sänger faszinierte.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Max L. (13. Oktober 2021 um 08:56 Uhr)
    Yves (Ivo Livi) Montand: was für ein Schauspieler, Chansonnier – grandios. Er besaß eine einmalige Bühnenpräsenz, in beiden Metiers. Unbedingt zu erwähnen wäre noch der Film »Z« von Costa-Gavras, in dem er den griechischen Politiker Lambrakis spielt, der 1963 von griechischen Faschisten ermordet wurde. Der Ermittlungsrichter (gespielt von Jean-Louis Trintignant) beißt sich die Zähne bei seinen Ermittlungen aus). Großartig auch Irene Papas und die Filmmusik von Mikis Theodorakis. Ebenso der Film »Das Geständnis« von Costa-Gavras, in dem Montand den tschechoslowakischen Außenminister Artur Ludvik (Artur London) spielt, der im Zuge des Slansky-Prozesses zu immer wiederkehrenden Geständnissen gezwungen wird. Montand sagte, dies sei seine Buße zu den Prager Ereignissen 1968. Meine Favoriten wären noch die Filme »Vincent, Francois, Paul und die anderen« mit u. a. Stephane Audran, Serge Reggiani, Michel Piccoli, Gerard Depardieu oder »Wahl der Waffen« mit Catherine Deneuve und Depardieu. Also, rein in die Videothek und Filme mit Yves Montand schauen, französische Filme aus den 60ern und 70ern, in denen noch kräftig geraucht werden durfte – vorzugsweise Gauloises oder Gitanes. Zur Erinnerung an Yves Montand gehört aber auch, dass er sich in seinen letzten Lebensjahren sehr strikt abgewendet hat von der Linken, insbesondere von der PCF. Im Gegensatz zu seinem Bruder Julien Livi, der u. a. von 1956–1979 Generalsekretär der Sektion Lebensmittel (deutsch NGG) der CGT war.

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